Luftveränderungen

Bequemer Alltag Frisieren und Föhnen: Der Besuch beim Coiffeur war der Luxus unserer Großmütter. Heute wird einem beim 10-Euro-Friseur der Haartrockner hingelegt - zum Selbermachen

Die Friseurin blickt statt in die Augen routiniert auf die Frisur. „Waschen, schneiden, föhnen?“, begrüßt sie geistesabwesend. Danke nein, ich brauche eine Antwort auf die Frage, wie nasses Haar eigentlich vor den Zeiten des Haartrockners getrocknet wurde? Die Friseurin lächelt misstrauisch, sie hat keine Ahnung. Sie ist viel zu jung, so wie die Kundinnen, die bei ihr auf den Stühlen in einem Salon in Berlin-Mitte sitzen.

In dem nahe gelegenen Coiffeur Petite bei Frau Kopania habe ich mehr Glück. Sie ist seit 32 Jahren im Geschäft. Zwar hat auch sie die Zeit vor dem Haartrockner nicht mehr wirklich erlebt, doch sie kramt amüsiert eine antike Broschüre mit der Abbildung eines handbetriebenen Haartrockners hervor. Die Zeichnung mit dem Vermerk „Urföhn“, der Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, erinnert an ein handbetriebenes Handrührgerät – nicht wirklich eine Option für langes Haar.

Der Haartrockner hat unseren Alltag während der vergangenen 100 Jahre nachhaltig beeinflusst. Er hat nicht nur das Frisieren bequemer gemacht, er hat auch den Alltagslook geprägt: Man erinnere sich nur an die pompösen Trockenhauben-Kreationen der 60er Jahre, an Farah Fawcetts voluminöse Mähne in den 70ern, die vielen zum Vorbild wurde, an Dallas und den Denver-Clan, oder an die modischen Experimente von Modern Talking. Der Out-of-Bed-Look der 90er sollte den Haartrockner zwar möglichst verleugnen, doch die meisten dürften ihre Haare heimlich mit dem Föhn „zerzaust“ haben.

Eine Glaubensfrage

Ob kurz oder lang, ob Mann oder Frau, die meisten trocknen sich hierzulande ihr Haar mit einem Haarföhn. Gleichzeitig lehnen ihn viele ab, weil Lufttrocknen gesünder fürs Haar sei. Ob man darauf schwört oder ihn verteufelt, die Frisur darf sowieso auf keinen Fall zu sehr nach Föhn aussehen, denn die Föhnfrisur hat noch immer – bis auf die Justin Biebers von heute – ein schlechtes Image.

Bis sich die elektrischen Haartrockner durchsetzten gab es wie in der Broschüre von Frau Kopania allerhand bizarres Gerät: Größere Apparaturen mit integriertem Spiritusbrenner und Propeller – oder auch trichterähnliche Rohre. Ähnlich wie beim Toaster wurde der Haartrockner zwar bereits um 1900 erfunden, in die meisten Badezimmer kam er aber erst mit dem Aufschwung und der Elektrifizierung in der Nachkriegszeit zum Einsatz.

Davor wurde schlicht noch nicht so oft geduscht beziehungsweise gebadet wie heute, oder man besuchte häufiger den Friseur. Daheim teilte man sich schließlich monatlich einen Zuber Wasser mit der ganzen Familie. Das Haar wurde dann mit Kernseife gewaschen und bestenfalls mit Bier, Eiern oder Milch gespült – bis der Berliner Drogist Hans Schwarzkopf 1927 das erste Flüssigshampoo verkaufte.

Großmütter erzählen gerne und mit nostalgischem Blick von ihren wöchentlichen Friseurbesuchen. Damals. Es ging ihnen früher weniger um einen neuen Haarschnitt, als darum frisiert und geföhnt zu werden. So versteht man auch die Angebotstafeln, auf denen altmodischere Salons noch immer ihre Dienstleistungen preisen: Die Preise sind verschieden, die für „waschen, schneiden, föhnen“ oder „waschen, legen, föhnen“ gefordert werden. In den hippen Salons von heute dagegen wird einem der Haartrockner hingelegt, um die Frisur selber zu Ende zu föhnen. Schließlich geht es um den neuen Schnitt, und der kostet bei den Billig-Ketten nur zehn Euro.

Der erste Haartrockner der Firma AEG wog gut zwei Kilo – immerhin steckte im Griff ein Motor. Damit blies er 90 Grad heiße Luft. Für die AEG war ihr erstes Modell rückblickend ein „heißer und ungestümer Kamerad, der damals nur für das mutige Frauchen geeignet war“. Die Geräte lärmten damals unangenehm und entwickelten womöglich en passant auch noch Rauch. Erst die Kunststoffgehäuse in den 50er Jahren machten die Geräte leichter und preiswerter. Heute wiegen die Haartrockner je nach Modell nur noch etwa 300 Gramm bei einer Leistung von 1200 Watt. Oder wie es Frau Kopania zusammenfasst: Zuerst wurden die Geräte immer kleiner und schwerer, dann wieder größer und dafür leichter.

Wenn sie an die altmodischen Teile denkt, wehrt die Friseurin ab: „Heute würde das kein Friseur mehr in die Hand nehmen – eine Zumutung!“ Die Ingenieure dachten bei ihrer Erfindung dabei an den Föhn, ein „heiß zu Tal stürzender Fallwind“ (Duden), und so lag auf der Hand, dass man dieses Gebläse nach einem Wind benennen musste. Die AEG ließ 1909 die Marke als Fön ohne h registrieren. Seither darf sie bis heute als einzige Firma mit diesem Wort werben. 1934 erklärte der Duden dann den Föhn zum Wind – und den Fön zum Gerät. Nach der Rechtschreibreform heißt es wieder Föhn.

Optimale Feuchtigkeit

Seit der Haartrockner sein Gewicht stabil hält versuchen die Firmen mit neuen Innovationen aufzutrumpfen. Mit Kaltlufttasten etwa oder integriertem „Ionen-Generator“. Letzterer sollte verhindern, dass sich die Haare zu sehr elektrisch aufladen. Gemeinsam ist den verschiedenen Modellen, dass sie versprechen „den Feuchtigkeitshaushalt des Haars möglichst optimal zu halten“. Für die Friseurin meines Vertrauens ist das allerdings „kompletter Blödsinn“.

Es würden immer neue Moden auftauchen, gerade sei es der Infrarot-Haartrockner. Die professionellen Haartrockner unterscheiden sich von den privaten Haushaltsgeräten schlicht durch ihre Fähigkeiten. Denn nicht mehr Hitze trocknet das Haar besser, sondern stärkere Leistung im Gebläse. Das ist das Geheimnis der Friseure. Welch Glück, dass die Dinger nicht mehr handbetrieben sind.

Dies ist der fünfte Teil einer losen Reihe, konzipiert von Gina Bucher, in der die Autorin erzählt, wie sich unser Alltag durch Haushaltsgeräte verändert meist revolutioniert, selten verkompliziert hat. In kleinen Essays erfahren wir, was wir mit diesen Geräten tun oder was wir lassen sollten. In der nächsten Folge geht es um den Wecker und den Biorhythmus. Alle Teile der Serie finden Sie unter freitag.de/bequemeralltag

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14:00 08.10.2011
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Ausgabe 38/2020

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