Trüber Himmel ist heute rar

Photoshop Seit 20 Jahren schönt ein Bildbearbeitungsprogramm unseren Alltag. Während die öffentlichen Bilder immer standardisierter werden, wird im Privaten gern experimentiert

Thomas Knoll konnte ja vor 20 Jahren nicht ahnen, was er mit seiner Erfindung anrichteten würde. Ende der achtziger Jahre begann er, laut Legende natürlich beiläufig zu seiner Doktorarbeit, das heute weltweit bekannteste Bildbearbeitungsprogramm zu schreiben. Durch die Vermittlung seines Bruders John Knoll schloß er mit Adobe einen Vertrag, der die Welt respektive deren Abbild wahrhaftig verändern sollte.

Im Februar 1990 veröffentlichte Adobe die erste Version von Photoshop S1.0 – auf drei Disketten und zunächst nur für den Mac. Seither vergöttern die einen das Programm, während es andere als Werkzeug der Manipulation beklagen. Im Sprachgebrauch ist es nicht ganz so erfolgreich angekommen wie in den USA etwa der Begriff „xeroxen“ fürs Fotokopieren. Im Englischen wie im Deutschen empfiehlt man zwar gern zu „photoshoppen“, was Geschmack oder Auge nicht ganz genehm ist, doch Adobe lehnt das Verb gemäß einer internen Richtlinie von 2004 ab.

Das Programm, das im Mai in seiner zwölften Version veröffentlicht wird, ist das goldene Kalb im Stall des kalifornischen Softwarehauses – selbst wenn viele Raubkopien kursieren: Jeder, der kreativ etwas auf sich hält, hat das Programm in seiner Task-Leiste platziert. Die professionell Kreativen, weil es sich nach 20 Jahren als Standard durchgesetzt hat, und die Laien genauso, weil damit für jedermann Manipulationen zum Kinderspiel werden.

Einem der Entwickler von Photoshop, dem Inder Seetharaman Narayanan, wurde in der Euphorie gar die Ehre eines Fanclubs zuteil. Bei jedem Start des Programms fällt sein enigmatischer Name in den Credits am meisten auf. Auf die ins Netz gestellte Frage "Wer ist Seetharaman Narayanan?" eines Neugierigen meldeten sich daher zahlreiche Wissbegierige. Seither ist Seetha ein Symbol für die Photoshop-Faszination; es gibt gar Fans, die T-Shirts mit seinem Namen drucken. In einem Interview auf dem Blog Ironic Sans wunderte sich Seetha 2006 erstaunt über die viele Freizeit, die ihm seine Fans offensichtlich opfern.

Die Schönwettergarantie

In den 20 Jahren haben sich die Bilder unseres Alltags verändert. Nicht nur jene, die sich auf öffentlichen Oberflächen, auf Plakaten, in Magazinen, im Netz, ja gar auf Autos und Bussen zeigen, genauso auch die privaten, mit denen Familienalben, Fun-Mails und selbstgebastelte Einladungskarten unsere Lebensgeschichten erzählen. Das kommerziell erfolgreichste Bildbearbeitungsprogramm hat für Magazine wie Werbung die Models während den Neunzigern verschlankt, Landschaften weich gezeichnet, zaubergleiche Traumwelten erschaffen und in den Nullerjahren ganze Produktpaletten grün gewaschen.

Nicht erst seit den Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung wird das fotografische Abbild der Welt gern und leidenschaftlich, in guter wie in böser Absicht, manipuliert. Bereits seit den Anfängen der analogen ­Fotografie wurde „nachgebessert“ beziehungsweise retuschiert, wie die Praxis – angelehnt an das französische Original – besser klingt. Es wurden Schwarz­weiß-Fotografien eingefärbt, man ließ gestohlene Uhren von Soldaten in Siegerpose verschwinden oder retuschierte mit einem Skalpell störende Details weg. Jean-Paul Goude half für Grace Jones’ ikonografisches Albumcover Island Life (1989) etwa nicht mit digitalen Effekten nach, sondern fotografierte die Sängerin in verschiedenen Positionen, um sie anschließend als Collage in einer anatomisch unmöglichen Position zusammenzusetzen. Damit schuf er eine glaubwürdige Illusion, die man heute wohl genauso, doch digital machen würde. Auch wenn die Technologie eine neue ist, so ist doch die Wirkung dieselbe geblieben. Nur viel einfacher ist es heute.

Während sich jedoch die Bildbearbeitung für Werbung und Nachrichten immer mehr durch global gültige Schönheitsideale standardisiert und sich an glatter Haut à la Titelseite von TV Spielfilm und genormten Körpermaßen orientiert, entfaltet Photoshop im Hobbybereich sein volles Potenzial. Denn hier werden die Werkzeuge, Filter und Effekte noch wirklich, weil spielerisch und enthusiastisch genutzt. Unsere Lebenserzählungen sind seither variantenreicher geworden. Weil wir alle auf technisch gut ausgerüstete Verwandte und digital faszinierte Freunde zählen können. Seither ist mit stabiler Schönwetterlage auf den Urlaubfotos die Klimaerwärmung förmlich spürbar geworden. Der trübe Himmel ist rar geworden.

Vergangenheitsbewältigung

Was einst den Profis vorbehalten war, kann nun fast jeder mit einem Stapel Digitalfotos, einem Scanner und dem entsprechenden Programm selbst ausprobieren. Das kostet einzig Zeit, wenn auch davon viel. Tutorials und selbst ernannte Experten erklären den Amateuren, wie man das private Familienalbum mit virtuosen Effekten pimpen kann. Die Palette für die nachträgliche Kosmetik reicht vom relativ banalen Werkzeug gegen rote Augen über den Sepia-Effekt bis hin zu anspruchsvolleren Ent- und Verzerrmöglichkeiten. Die korrigierten und mit Witz aufgepeppten Resultate werden ins Web gestellt, in Alben ­geklebt, kursieren als Geburtstags- und Hochzeitseinladungen und „erinnern“ an die schönen Seiten des Lebens. Nicht nur die Zeugen der unfrisierten Momente, Doppelkinne und roten Augen werden verbannt, Ex-Freunde und unbeliebte Kollegen schlicht entfernt – Vergangenheitsbewältigung per Mausclick.

Dem bearbeiteten Schönheitswahn sagten übrigens unterdessen Politikerinnen den Kampf an: Ein Mitglied der britischen Liberalen, Jo Swinson, verlangte, dass bearbeitete Pressefotos künftig per Gesetz deklariert würden, weil sie das Frauenbild verfälschten. Und die Französin Válerie Boyer, Mitglied der Konservativen, legte im letzten Herbst einen Gesetzesentwurf vor, der den Gebrauch von Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop kontrollieren will. Doch, wie soll die Öffentlichkeit vor etwas geschützt werden, wovor selbst im Privaten nicht mehr Halt gemacht wird? Die Welt, so wie sie ist, genügte noch nie.

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14:06 05.05.2010
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Ausgabe 14/2021

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