Zum Gebrauch ungeeignet

Bequemer Alltag Revolutionär? Bequem? Unsere Autorin macht sich an der Knoblauchpresse die Hände schmutzig - aber immerhin ist sie ein abendfüllendes Gesprächsthema

Zur Knoblauchpresse habe ich kein einfaches Verhältnis. Zwar liegt das verheißungsvolle Gerät in meiner Küchenschublade, doch wartet es dort oft vergebens auf seinen Einsatz. Allein bei seinem Anblick hinterfrage ich jedes Mal meinen Plan, den Knoblauch tatsächlich so zu pressen, wie es im Rezept empfohlen wird. Gepresst oder geschnitten?

Je nach Gericht spricht einiges für die gepresste Variante, schließlich ist dieses rein mechanische Gerät äußerst effizient darin, die Knoblauchzehen komplett auszupressen. Ein griechisches Tsatsiki etwa, das spanische Aïoli oder die französische Rouille könnten mit Presse einfacher nicht sein: Zehe rein, Essenz raus – ohne sich dabei die Finger wirklich schmutzig zu machen. Sehr praktisch. Aber nur, bis die Gäste gegangen sind und die Knoblauchpresse ganz unten im Spülbecken liegt, inklusive den unterdessen angetrockneten Resten der Knoblauchzehe, die langsam aber hartnäckig den perforierten Boden des Zylinders verklebt haben.

Tatsächlich entlarvt dieser Moment den wahren Charakter eines jeden Hobbykochs oder jeder Hobbyköchin: Die sorgsam Agierenden werden so schlau sein und die Knoblauchpresse noch vor dem Beginn des Essens in ein Glas Wasser stellen, damit die Reste des Knoblauchs nicht eintrocknen und nachher besser zu entfernen sind. Jene aber, die diese Gelegenheit verpassen und auch nicht mit einer Spülmaschine gesegnet sind, werden beim Herauspulen der Reste in Ruhe über die Tischgespräche sinnieren können – und die eilige Entscheidung, sich für dieses vermeintlich praktische Gerät entschieden zu haben, bereuen.

Fast zu Staub vertrocknet

Beim Saubermachen werden die Finger also doch noch schmutzig, und stinken nachher womöglich mehr, als wenn man den Knoblauch selbst geschnitten hätte. Natürlich, es gibt auch Modelle, die eine integrierte Schablone besitzen, mit der sich die Presse und das perforierte Sieb ganz leicht reinigen lassen.

Doch wer sich so wie ich einst in studentischer Sparsamkeit für die einfache Variante entschieden hatte, der weiß, dass jetzt nur noch eine Zahnbürste hilft, die hängen gebliebenen Knoblauchfasern von der mit vielen kleinen Nägelchen gespickten Druckplatte zu entfernen. Die Reste, die trotzdem darin stecken bleiben, werden – fast zu Staub vertrocknet – beim nächsten Gebrauch von allein herausfallen.

Karl Zysset, von seinen Freunden liebevoll Charlie genannt, hat dieses ambivalente Gerät erfunden, vermutlich Ende der vierziger Jahre. Damals hatte der gelernte Fahrradmechaniker in dem kleinen beschaulichen Schweizer Städtchen Lyss ein Fahrradgeschäft betrieben und gerade seinen 40. Geburtstag hinter sich.

„Velohaus Zysset“ stand damals über seinem Geschäft in dem kleinen, einstöckigen Riegelbau. In den fünfziger Jahren gründete er hier die Firma Zyliss und versammelt unter ihrem Dach seine zahlreichen Erfindungen. Auf die Knoblauchpresse folgte der Zwiebelhacker, auch unter dem Namen „Blitzhacker“ bekannt, sein erstes aus Kunststoff hergestelltes Produkt. Reklame machte er mit dem Slogan „Zick Zick Zyliss“.

Durch Knoblauchpresse und Zwiebelhacker wurde aus dem umtriebigen Tüftler ein reicher Mann – auch weil die Marke Zyliss bis zum Tod von Charlie 1998 in der ganzen Welt bekannt war: für ihre äußerst praktischen Haushaltsgeräte. Und das ist sie bis heute geblieben. Besonders die Amerikaner lieben die Quality made in Switzerland, selbst wenn die meisten Schweizer Produkte inzwischen in China hergestellt werden.

Doch der Einsatz der Knoblauchpresse ist nicht nur bei mir zuhause jedes Mal wieder eine heikle Entscheidung, er hält auch für ein abendfüllendes Gesprächsthema her. ‚Auf keinen Fall‘ meinen die einen erbost und schlagen sich damit auf die Seite vieler Spitzenköche. Diese argumentieren, dass das Aroma des Knoblauchs zerstört werde, weil der Geschmack der Zehe durch Oxidation während des Pressens bitter werde. ‚Unbedingt‘, meinen dagegen die anderen und können sofort argentinische Wissenschaftler zitieren, die bei Kochversuchen herausgefunden haben wollen, dass beim Pressen zwar das Enzym Alliinase freigesetzt werde. Doch bilde dieses den gesundheitsfördernden Wirkstoff Allicin, das eigentlich gesunde Geheimnis des Knoblauchs.

Nur vermeintlich bequemer

Dieses ist mitunter der Grund, warum ältere Menschen hierzulande gerne ihre Knoblauchmilch zum Frühstück preisen. Wenn sie sie am Mittelmeer trinken, kauen sie mitunter sogar auf ganzen Knoblauchzehen. Denn gepresster Knoblauch, so haben Wissenschaftler herausgefunden, beugt Arterienverkalkungen und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor, weil er das Ablagern von Blutfetten in den Adern verhindert. Das Lauchgewächs mit seinen antibakteriellen Eigenschaften hilft außerdem jungen Menschen und schützt vor Infektionen. Um an eben diese gesunde Essenz zu kommen, werden immer wieder diverse Methoden vorgeschlagen, die allerdings unseren Charlie aus Lyss um sein Vermögen gebracht hätten: Etwa die Knoblauchzehe mit einem scharfen Messer, einer Rasierklinge oder einem speziellen Hobel zu zerkleinern oder einfach mit einer Gabel und etwas Salz auf einem Küchenbrett zu zerdrücken.

Ob gepresst oder geschnitten – eine Beurteilung aus kulinarischer Sicht überlasse ich getrost dem Koch. Handwerklich betrachtet ist die Knoblauchpresse eines jener Geräte, das unseren Alltag nur vermeintlich bequemer macht. Aber das ist ein sehr persönliches Fazit.

Dies ist der vierte Teil einer losen Reihe, konzipiert von Gina Bucher, in der die Autorin erzählt, wie sich unser Alltag durch Haushaltsgeräte verändert meist revolutioniert, selten verkompliziert hat. In kleinen Essays erfahren wir, was wir mit diesen Geräten tun oder was wir lassen sollten. In der nächsten Folge geht es um Haartrockner und Windfrisur. Alle Teile der Serie finden Sie unter freitag.de/bequemeralltag

09:00 25.09.2011
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