Amerikas Goldenes Zeitalter

CHRONISCHE ERINNERUNG Die pseudo-römische Welt der USA

Neunzehnhundertzweiundsechzig bewohnte ich ein Haus am Ufer des Hudson River, als ich (mit Füllfederhalter auf einem Block mit gelbem Notizpapier) das Ufer des Potomac River während eines Sommergewitters im Jahre 1937 zu beschreiben anfing. Während ich schrieb, neugierig zu erfahren, was als nächstes geschähe, hatte ich keine Ahnung, dass ich mich auf ein Werk eingelassen hatte, das mich über 35 Jahre in Anspruch nehmen würde. Gleichzeitig arbeitete ich an einem Roman über jenen Kaiser des vierten Jahrhunderts, den man Apostata, den »Abtrünnigen«, nennt. Ich vermute, die Symmetrie verlangte es, dass ich mich, als Kontrapunkt zur römischen Welt, unserem eigenen, amerikanischen Imperium zuwandte, zentriert auf die Stadt meiner Jugend, Washington, D.C., mit ihren damals brandneuen römischen Tempeln, Schreinen und einem größenwahnsinnigen Capitol, das einen Senat beherbergt, welcher sich denjenigen des »ewigen« Rom zum Vorbild nahm, wo ich den Großteil von Julian geschrieben hatte und später, 1966, das abschließen würde, was sich herausstellen sollte als ein intimer Blick auf eine Washingtoner politische Familie, nicht unähnlich der meinen.

Aber doch nur partiell. Ich war eher geneigt, mir die Häuser unserer Familie auszuborgen als deren Charaktere. Das Steingebäude in Washington, D.C., wo ich Senator James Burden Day und die Seinen unterbrachte, entspricht ziemlich genau dem meines Großvaters, des Senators Thomas Pryor Gore - die drei vollen Namen, die beinahe jeder in jenen Tagen zur Schau trug, suggerierten in ihrem Wohllaut mit Absicht das antike Rom. Das Haus im Sturm war ein Ort namens Merrywood, oberhalb des Potomac River bei Chain Bridge auf der Straße nach Great Falls, Virginia. Als meine Mutter Hugh Dudley Auchincloss heiratete, verschlug es mich dorthin (im Roman heißt es Laurel House). Mr. Auchincloss war reich, und Merrywood ebenso wie Laurel House war umgeben von vielen Hektar Wald und wurde bewirtschaftet von vielen weißen Domestiken; letzteres ein Zeichen extravaganten Wohlstands, denn bloße Senatoren wie mein Großvater mussten mit billigen Hilfskräften aus Washingtons schwarzer Bevölkerungsmehrheit auskommen. Weil ich, sogar schon mit zehn, an Geschichte einen Narren gefressen hatte, war ich von der Tatsache gefesselt, dass mein Stiefvater ein Mitglied der Sippe von Aaron Burr war, jenes brillanten dunklen Luzifer unserer Revolution und der frühen Tage der Republik.

Doch zunächst möchte, in dieser Chronik, Senator Day 1940 US-Präsident werden - das Buch beginnt drei Jahre vor den Wahlen. Ein Handlungsfaden beschäftigt sich damit, inwieweit Day es zulassen wird, korrumpierbar zu werden - das heißt Bezahlung annimmt für geleistete Dienste -, um in der Lage zu sein, Franklin D. Roosevelt zu schlagen und somit den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Heutzutage kümmert sich kaum mehr jemand um derlei moralische »Spitzfindigkeiten«: Das Geld von Konzernen oder, schlimmer noch, von Privatleuten finanziert den Präsidenten; es ist halt so. Nichtsdestotrotz habe ich mich stets der Philosophenschule von Elaine May (gemeint ist die Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin E.M.) zugehörig gefühlt, die einst sagte: »Mir ist ein moralisches Problem zehnmal lieber als ein echtes Problem.«

In jenen schlichten Tagen waren ebenso schlichte Rezensenten ernstlich aufgebracht angesichts meiner Beschreibung des Privatlebens meiner öffentlichen Figuren - bescheiden im Vergleich mit dem, was uns die Zeitungen seitdem erzählen. Ein britischer Kritiker titulierte mich als »amerikanischen Sue ton« - ich hätte geschmeichelt sein sollen, war's aber nicht. Dann beschwerte sich ein literarischer Biograph über den »Glamour« meiner Figuren und ihrer Welt, die, wie er meinte, nicht dem Leben glichen (so wie er es als Lehrer kannte), sondern einem MGM-Film, wo man Butler hatte und Bälle gab. Doch das war genau die Welt, in der ich lebte und über die ich später schreiben sollte. Ich hatte außerdem angemerkt, dass - da die meisten amerikanischen Romane von Opfern über Opfer geschrieben werden, um wahrscheinlich von wieder anderen Opfern gelesen zu werden - ich einen geringen Beitrag leisten könnte, indem ich über die Opfer-Macher schrieb - nämlich die Herrschenden und wie sehr sie sich von den Beherrschten unterscheiden. Das ist immer eine kitzelige Angelegenheit in einer Gesellschaft, die vorgibt, kein Klassensystem zu haben.

Während ich Washington, D.C. schrieb, verfiel ich auch ins Nachdenken über die Karriere von Aaron Burr. Warum war es für Jefferson und Hamilton - von Historikern und Publizisten zu schweigen - so notwendig gewesen, ihn zu dämonisieren? Ich machte Burr zum Urgroßvater von Caroline, der Halbschwester von Blaise, dem Zeitungsverleger, welchem Laurel House gehört. Dabei beließ ich es in jenem Buch, obwohl ich nebenbei immer mehr - und immer leidenschaftlicher - über Burr und die Gründung unserer Republik nachlas.

Schließlich begann eine eigenartig stürmische Shakespeare-Stimmung ein Schlaglicht zu werfen auf die anheimelnde pseudo-römische Welt, die ich beschrieb. Unser Caesar, Franklin Delano Roosevelt, ist allgegenwärtig, als das Land sich erst auf einen Krieg zubewegt, dann auf einen »globalen« Sieg, beeinträchtigt vom verhängnisvollen Korea-Abenteuer, währenddessen die älteren meiner Charaktere von der Geschichte hinweggefegt werden und neue, wie Senator Days Assistent Clay Overbury, auf- und aufsteigen. Die Rezensenten waren schockiert, dass ich nahezulegen schien, Clays Promiskuität wäre in gewisser Weise eine Spiegelung derjenigen Jack Kennedys, dessen Privatleben damals gnädigerweise unbekannt war - außer bei den Bewohnern von Laurel House, denen Geheimnisse, die vor der Bevölkerung im Großen und Ganzen verborgen blieben, bestens vertraut waren. Zudem erweist sich Clay als etwas Neues auf der Szene: Er ist sich moralischer Probleme nicht bewusst, als er darauf ausgeht, die Präsidentschaft um jeden Preis (einschließlich Mord) zu erlangen.

Als Washington, D.C. 1967 herauskam, hatte ich schon beschlossen, bis auf die Wurzeln nicht allein meiner fiktiven Familie zurückzugehen, sondern auf die unserer Republik an sich, so rastlos, ehrgeizig und amoralisch wie Burr selber. In Burr (1973) begegnen wir dem Gründervater, in 1876 (1976) seinem Sohn und seiner Tochter, in Empire (1987) und Hollywood (1989) seiner Enkelin. Nun habe ich mich auf die Suche begeben nach unserem Goldenen Zeitalter, das bereits gekommen - und gegangen sein mag (oder auch nicht).

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Stefan Dornuf

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