Demograf Dracula

Arbeit Ökonomen schwärmen schon vom Ende der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Doch so wird es wohl nicht kommen, schließlich arbeiten immer mehr Menschen bis ins hohe Alter
Ausgabe 32/2013

Früher sah man in Deutschland keine Demonstranten in weißen Kitteln. Dass Krankenhausärzte vorübergehend ihre Arbeit niederlegen und auf die Straße gehen, ist ein relativ neues Phänomen. Erst seit wenigen Jahren macht die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund mobil. Sie vertritt besonders die Interessen junger Mediziner. Die maximale Wochenarbeitszeit für Ärzte in Krankenhäusern wurde von 60 auf 58 Stunden gedrückt.

Was auf den ersten Blick wie eine normale Auseinandersetzung zwischen Personal und Unternehmen aussieht, spiegelt tatsächlich eine grundlegend neue Situation. „Die individuelle Verhandlungsposition der Ärzte ist auch dadurch besser geworden, dass manche Krankenhäuser Probleme haben, ihre Stellen zu besetzen“, sagt Hans-Jörg Freese, der Sprecher der Ärzte-Gewerkschaft. Es gibt schlicht zu wenige Mediziner, um den Personalbedarf zu decken. Wegen der Knappheit an Bewerbern können die Beschäftigten deshalb mehr Forderungen durchsetzen. Auch Altenheime, Maschinenbaufirmen und Versicherungen müssen ihrem Personal allmählich bessere Bedingungen bieten, wenn sie Beschäftigte mit begehrten Qualifikationen an sich binden wollen.

Erstmals seit 40 Jahren scheint in Deutschland die Arbeitslosigkeit zu verschwinden. Die Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD), in der 34 westliche Industrieländer zusammengeschlossen sind, sieht bereits „Vollbeschäftigung“ für Europas größte Volkswirtschaft voraus. Bald könnten in Deutschland alle Menschen, die arbeiten wollen, einen Job finden. Aber stimmt diese positive Prognose? Und ist das wirklich ein Erfolg der schwarz-gelben Bundesregierung, die sich so gerne mit den sinkenden Arbeitslosenzahlen schmückt?

Rente für Babyboomer

Die geringer werdende Arbeitslosigkeit hat nicht nur mit den erstaunlichen Verkaufserfolgen deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten zu tun. Hier ist mehr im Gange als Konjunktur. So weist das staatliche Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) auf einen langfristigen Trend hin: Schätzungen zufolge wird das Angebot an Arbeitskräften bis 2025 um 6,7 Millionen Personen abnehmen. Diese Zahl entspricht etwa 16 Prozent aller heute in Deutschland Erwerbstätigen. Die kommende Knappheit macht sich schon jetzt leise in den Statistiken bemerkbar.

Damit ist Deutschland kein Einzelfall in Europa. „Der demografische Wandel lässt europaweit den Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 64 Jahren schrumpfen“, heißt es beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. In den relativ kinderarmen Nationen wie Deutschland und Italien ist dieser Effekt besonders stark, aber auch in anderen Ländern wird er sich bemerkbar machen – etwa in Spanien, Großbritannien, Frankreich und Polen.

Die europäischen Staaten haben vergleichbare Entwicklungen hinter sich. Seit dem Zweiten Weltkrieg kann man drei Phasen unterscheiden. Bis zum Beginn der siebziger Jahre nahm der Wohlstand stark zu, die Arbeitslosigkeit ging zurück, und viele Kinder wurden geboren. In der zweiten Phase fanden diese geburtenstarken Jahrgänge wegen des Ölpreisschocks im Jahr 1973 und des abnehmenden Wirtschaftswachstums nicht genug Jobs. Die Massenarbeitslosigkeit griff um sich. Gleichzeitig wurde in dieser Zeit aber auch die Pille zur Empfängnisverhütung erfunden.

Damit ergibt sich in der nun beginnenden dritten Phase eine neue Lage. Millionen Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge gehen in vergleichsweise kurzer Zeit in Rente. Gleichzeitig rücken weniger junge Arbeitskräfte nach, als eigentlich benötigt würden. Aus Massenarbeitslosigkeit wird Vollbeschäftigung – so lautet die gutgelaunte Botschaft.

Aber stimmt diese These überhaupt? Und was meinen Ökonomen, wenn sie von „Vollbeschäftigung“ sprechen? In Deutschland sind derzeit drei Millionen Erwerbspersonen offiziell arbeitslos – Tendenz sinkend. Allerdings bekommen sieben Millionen Deutsche Unterstützung durch Arbeitslosengeld oder andere Formen staatlicher Sozialförderung. Die Differenz, rund vier Millionen Personen, wird bei der Berechnung des vermeintlichen Trends zur Vollbeschäftigung oft vergessen.

Gute Zeiten für Mathe-Streber

Entweder definiert man diese Bürger als „nicht mehr erwerbsfähig“, parkt sie in mehr oder weniger sinnvollen „Weiterbildungsmaßnahmen“ oder speist sie mit miesen Jobs ab, von denen sie ihre Familien kaum ernähren können. Alleine die Existenz dieser großen Gruppe von Marginalisierten und arbeitenden Armen widerspricht der frohen Botschaft von der vermeintlichen Vollbeschäftigung.

Ökonomen wie Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) stellen die These der Vollbeschäftigung aus weiteren Gründen infrage. „Dass im Jahr 2025 sechs Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen als heute, bezweifle ich stark“, sagt Brenke. Denn möglicherweise schrumpfe die Zahl der Arbeitskräfte nicht so erheblich, wie die Prognosen erwarten lassen. „Das Erwerbsverhalten verändert sich“, sagt der Ökonom. Beispielsweise würden ältere Arbeitnehmer bald mehrere Jahre länger arbeiten. Nicht nur, weil die Firmen und Verwaltungen sie ungerne gehen lassen, sondern auch, weil ihre in vielen Fällen magere Rente nicht unbedingt den Lebensstandard sichere.

Die mögliche Konsequenz: In zehn Jahren könnte das Angebot an Arbeitskräften größer und die Zahl der offenen Stellen kleiner sein, als die Anhänger der These von der Vollbeschäftigung glauben.

Hinzu kommen Wanderungsbewegungen. Ein wachsender Teil des Arbeitskräftemangels wird künftig wohl dadurch ausgeglichen, dass Immigranten in die reichen Länder übersiedeln. Den Prognosen des Berlin-Instituts für Bevölkerung zufolge wird dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien, Spanien, Frankreich und anderen EU-Staaten der Fall sein. In den südlichen Euro-Ländern, die unter der gegenwärtigen Krise leiden, ist Vollbeschäftigung vorläufig sowieso kein Thema.

Trotzdem dürfte sich die Situation für Berufsanfänger bald viel aussichtsreicher darstellen als vor 20 oder 30 Jahren. Die Jahrgänge, die heute die Schulen besuchen, können darauf hoffen, viel leichter einen Arbeitsplatz zu finden als ihre Vorgänger. Wobei der gute Einstieg in das Berufsleben immer von Voraussetzungen abhängt: Nicht mit jeder Ausbildung und jedem Studium hat man künftig gute Chancen.

Hinweise, welche Berufe später ein erträgliches Einkommen versprechen, geben Internetseiten wie mangelberufe.de, mit deren Hilfe das Bundesarbeitsministerium und die Arbeitsagentur ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland holen wollen. Die sogenannten MINT-Qualifikationen stehen dabei ganz oben auf der Liste: Mathematik, Informationstechnologie, Naturwissenschaften und Technologie. Begehrt sind aus heutiger Sicht auch Ärzte und medizinisches Personal. Gute Nachrichten für den Marburger Bund. Wir werden womöglich noch öfter Demonstranten in weißen Kitteln sehen.

Hannes Koch schreibt für den Freitag regelmäßig über Wirtschaftsthemen

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