Ein Hyde Park für Berlin

Freie Rede Vor dem Brandenburger Tor haben der "Speakers’ Corner Trust" und Google einen Tag lang einen Ort für freie Meinungsäußerung geschaffen. Und jeder durfte mal ans Mikrofon

Wer reden will, muss frieren. Knapp 100 Menschen, darunter viele Journalisten, stehen im Halbkreis vor dem Brandenburger Tor und versuchen, sich durch Wackeln, Hüpfen oder Händekneten warm zu halten. Alle paar Minuten schaut jemand auffordernd zur blassen Wintersonne, die aber nicht so recht durch die Wolken dringt. Vorn, auf der provisorischen Bühne aus Paletten, geht es derweil um größere Themen als das Wetter: Peter Bradley, Direktor des „Speakers’ Corner Trust“, spricht über die Bedeutung der freien Meinungsäußerung. In vielen Ländern riskiere bis heute sein Leben, wer seine Ansichten äußere, sagt er. Aber auch in den europäischen Demokratien habe das Recht auf freie Rede erkämpft werden müssen. „Unsere Rechte sind wie Muskeln“, sagt Bradley. „Es reicht nicht, sie zu haben. Man muss sie ausüben und trainieren, sonst werden sie schwach.“

Im Londoner Hyde Park gibt es seit fast 150 Jahren die legendäre Speakers’ Corner – einen Ort, an dem jeder sprechen darf, auch wenn er Ungewöhnliches zu sagen hat. Am 9. November – dem Jahrestag des Mauerfalls, aber auch der Novemberpogrome von 1938 – haben der „Speakers’ Corner Trust“ und Google Deutschland diesen Ort symbolisch ans Brandenburger Tor geholt, um die freie Rede zu zelebrieren. Der Ablauf ist denkbar einfach: Auf der kleinen Bühne wechseln sich unterschiedliche Redner ab, die Technik steht auf einem Anhänger. Immer wieder bleiben Schaulustige und Touristen grüppchenweise stehen, um zu sehen, was da vor sich geht.

Gefahren für die Meinungsfreiheit

Nach Peter Bradley spricht die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan. Sie sieht die Meinungsfreiheit – „das Kernstück lebendiger Demokratie“ – nicht nur von autoritären Regimen, sondern auch von hierarchischen Strukturen am Arbeitsplatz und von Machtmissbrauch durch große Unternehmen gefährdet. Außerdem drohe die Redefreiheit im gegenwärtigen politischen Diskurs zur Farce zu verkommen. „Ich bedaure, dass in unser Demokratie viel zu wenig begründet und argumentiert wird“, so Schwan.

Max Senges von Google Deutschland betont, das Internet bedeute eine „Demokratisierung der medialen Meinungsproduktionsmittel“ und müsse vor staatlichen Eingriffen geschützt werden – dann übernimmt das „Zentrum für Politische Schönheit“ die Bühne. Die Gruppe, deren Aktionen sich irgendwo im Graubereich zwischen Kunst und Politik bewegen, moderiert die Veranstaltung und leistet mehrere Beiträge. Zu Beginn holt einer der Aktivisten zwei alte Damen im Rollstuhl nach vorne – Frau Linde und Frau Schnalke, 93 und 91 Jahre. Frau Linde, mit runzliger Haut und hellwachen Augen, erzählt von zufälligen Begegnungen auf der Straße und wünscht sich, in ihrem Altenheim mehr Besuch zu bekommen. Frau Schnalke sagt, dass sie in Ostpreußen geboren wurde und 1945 von dort fliehen musste. „Ich bin heimatlos“, klagt sie und schwärmt von der Schönheit der Seen, in denen sie als Kind gebadet habe. Einige Zuhörer verziehen das Gesicht, stimmen dann aber in den allgemeinen Applaus ein, als Frau Schnalke die Kritik an ihrem Alltag im Altersheim auf den Punkt bringt: „Das Essen könnte mittags mal ein bisschen anders sein.“

Krise, Tibet, Weltbürgertum

Die folgenden Redebeiträge sind bunt gemischt: Der Autor Alexander Sosnowksi prangert die Unfreiheit in seiner russischen Heimat an, eine Frau kritisiert unter dem wiederkehrenden Mantra „Was ist das nur für ein System?“ die Lebensbedingungen im krisengeschüttelten Spätkapitalismus, es gibt einen Beitrag zur „Befreiung Tibets“ – und ein junger Mann beklagt sich, dass Mitveranstalter Google zu viel Einfluss auf das Internet habe. „Googles Algorithmus bestimmt, was für uns wichtig sein soll“, ruft er ins Publikum.

Einer der Beiträge macht deutlich, warum es nicht unproblematisch ist, ausgerechnet am 9. November die Meinungsfreiheit im vereinten Deutschland zu feiern. Levi Salomon, Vorsitzender des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, erinnert an die Pogrome, die auf den Tag genau vor 73 Jahren verübt wurden. „Am 9. November 1938 ließen Nazis und sich ihnen anschließende deutsche Bürger ihren antisemitischen Trieben freien Lauf“, sagt er. Die Pogrome hätten einen wichtigen Schritt zur Vernichtung der Juden in Europa bedeutet, die deutsche Teilung nach 1945 sei eine Folge des Zweiten Weltkrieges gewesen. „Daher muss Gedenken im deutschen Kontext auch immer die Opfer der Shoah berücksichtigen“, endet Salomon. „Der Mauerfall darf – so freudig das Ereignis für viele von uns war – den 9. November in unseren Erinnerungen nicht allein vereinnahmen.“ Das Publikum reagiert mit artigem Applaus.

Kurz darauf ergreift ein junger Mann das Mikrofon und ruft alle Anwesenden auf, sich endlich als Weltbürger zu begreifen. „Es geht darum anzuerkennen, dass wir Erdlinge nur gemeinsam frei sein können“, ruft er. Auch er bekommt seinen Beifall. Und damit zeigt sich, dass die Speakers’ Corner in Berlin, wie auch die im Hyde Park, unter einem Paradoxon der freien Rede leidet: Wenn alle reden dürfen und alle ihren Applaus bekommen, sind alle Beiträge gleich wichtig – oder gleich unwichtig. Im trüben Winterlicht betrachtet ist vor dem Brandenburger Tor jedenfalls am Ende recht wenig passiert.

16:52 10.11.2011
Geschrieben von

Hanning Voigts

journalist – „das unglück muss überall zurückgeschlagen werden“
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