Hanning Voigts
19.12.2011 | 11:05 6

Wenn nur die Straße bleibt

Wohnungslose Wegen steigender Mieten und wachsender Armut verlieren immer mehr Menschen ihr Zuhause. Auch osteuropäische Arbeitssuchende stranden auf der Straße. Nun kommt der Winter

Man sieht sofort, dass Paul* sich nicht wohlfühlt. Wie er da mit seinem Teebecher auf der Bierbank sitzt und die Obdachlosen beobachtet, die in der Notübernachtung am Berliner Hauptbahnhof um einen Teller Suppe anstehen. Paul ist zum ersten Mal hier. Heute Morgen haben Gerichtsvollzieher und Hausverwaltung den 60-Jährigen aus seiner Wohnung geworfen. „Mietschulden“, sagt er leise. Jetzt weiß er nicht wohin. „Ich kann doch nicht auf die Straße.“ Der hagere Mann wischt sich mit der Hand über die Augen. „Ich könnte heulen.“

Mit Beginn der kalten Jahreszeit wird die schwierige Lage obdach- und wohnungsloser Menschen in diesen Tagen noch prekärer. Und erstmals seit längerer Zeit steigt ihre Zahl wieder spürbar. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hatten 2010 etwa 248.000 Menschen kein eigenes Zuhause – zwei Jahre zuvor waren es noch 227.000. Für 2015 erwartet die BAGW sogar bis zu 280.000 Wohnungslose. Schon heute seien weitere 106.000 Menschen vom Verlust ihrer Wohnung bedroht. Die Zahl der Obdachlosen – also der Menschen, die buchstäblich auf der Straße leben – wuchs laut BAGW seit 2008 um zehn Prozent auf 22.000.

In dieser erschwerten Situation haben Anfang November in vielen Städten Notprogramme für Obdachlose begonnen. Sie sollen verhindern, dass Menschen sterben – so wie im Winter von 2009 auf 2010, als in Deutschland 16 Obdachlose auf der Straße erfroren. In Berlin wird die „Kältehilfe“ von einem Träger-Netzwerk organisiert und von der diakonischen Gewebo gebündelt. Insgesamt 16 Notübernachtungen und 13 nur tageweise geöffnete Nachtcafés bieten rund 400 Notschlafplätze. Bei Temperaturen unter drei Grad minus werden nachts zusätzlich U-Bahnhöfe geöffnet.

Schlafen im Bunker

Nicht nur in Berlin ist umstritten, ob diese Hilfsangebote ausreichend und zumutbar sind. In Hamburg gab es vergangenes Jahr heftige Debatten, als der schwarz-grüne Senat bei Anbruch des Winters einen unterirdischen Weltkriegsbunker als „Erfrierungsschutz“ öffnete. Nach Zeitungsberichten über unzumutbare sanitäre Anlagen und die Enge mit bis zu 40 Männern in einem Raum wurde die umstrittene Einrichtung geschlossen und durch ein Wohnheim mit besserem Standard ersetzt. Inzwischen hat der neue SPD-Senat zudem ein Bürogebäude zur zentralen Notschlafstelle mit 160 regulären Plätzen umbauen lassen, weitere 80 Plätze gibt es in Wohncontainern. Doch ist oft noch nicht einmal klar, wie viele Plätze genau gebraucht werden. Denn eine bundesweite Statistik zur Wohnungslosigkeit gibt es nicht, obwohl Experten sie seit Jahrzehnten fordern. „Man will offenbar diese Zahlen nicht, weil sie natürlich eine gewisse Brisanz haben“, sagt BAGW-Geschäftsführer Thomas Specht. Bundessozialministerium und Statistisches Bundesamt argumentieren, Wohnungs- und Obdachlose seien schwer zu zählen. Dass es keine Daten gebe, sei ein technisches Problem, kein politisches. Specht widerspricht: „England und Irland schaffen es schließlich auch, ihre Wohnungslosen zu zählen.“ Einige Bundesländer haben ebenfalls vorgemacht, dass es geht. 2009 wurden in Hamburg eine Woche lang Betroffene befragt, vor allem in Hilfseinrichtungen. Damals lebten dort 1.029 Menschen auf der Straße.

Für den derzeitigen Anstieg der Wohnungslosigkeit sieht die BAGW drei Hauptgründe: Zu steigenden Mieten in den Ballungsräumen komme Verarmung durch Langzeitarbeitslosigkeit und Billigjobs. Außerdem seien wegen zunehmender Sanktionen gerade junge Hartz-IV-Empfänger vom Verlust ihrer Wohnung bedroht. „Durch die angespannte Haushaltslage vieler Kommunen passiert auch im sozialen Wohnungsbau nichts mehr“, kritisiert Specht. Für diesen Winter fordert die BAGW zumindest mehr Notschlafstellen, um der gestiegenen Zahl von Hilfsbedürftigen gerecht zu werden. Außerdem wirbt die Arbeitsgemeinschaft für bessere Standards und ein Minimum an Privatsphäre in den Unterkünften.

Auf Arbeitssuche gestrandet

In der Notübernachtung am Berliner Hauptbahnhof inspiziert Svetlana Krasovski noch einmal die Schlafräume. Die 29-Jährige managt gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern die Übernachtungsstelle der Berliner Stadtmission. Insgesamt hat die Einrichtung knapp 70 Betten – wobei „Bett“ hier eine bezogene Isomatte bedeutet, in einem Raum mit 15 anderen Menschen. Auch wenn alle Betten belegt sind, werden weitere Hilfesuchende aufgenommen. „Wir hatten Anfang November schon mal 180 Leute hier“, sagt Krasovski und lächelt ein wenig hilflos. „Die müssen dann im Aufenthaltsraum auf ihrer Jacke schlafen.“ Die steigende Not auf der Straße ist also spürbar. Auch in Hamburg mussten die Betten in der zentralen Notschlafstelle wegen des großen Bedarfs schon kurz nach der Eröffnung auf über 200 aufgestockt werden.

Krasovski bereitet vor allem die zunehmende Zahl von osteuropäischen Obdachlosen Kopfzerbrechen. „Mindestens 60 Prozent unserer Gäste kommen aus Polen, Bulgarien und dem Baltikum, die meisten von ihnen suchen hier Arbeit.“ Auch diese Entwicklung ist nicht auf Berlin beschränkt: Seit Mai steht der deutsche Arbeitsmarkt allen Bürgern aus den östlichen EU-Staaten offen. Seitdem stranden auf den Straßen vieler Städte Menschen, die bei der Arbeitssuche gescheitert sind.

In Hamburg kümmert sich inzwischen ein polnischer Straßensozialarbeiter speziell um die osteuropäischen Obdachlosen. Bei Bedarf hilft er ihnen auch, in ihre Heimat zurückzukehren. Solche Angebote – Streetworker und Einzelfallhilfe – gebe es in Berlin viel zu wenig, findet Krasovski. „Viele wollen von der Straße weg“, weiß die junge Frau. „Doch den Neubeginn zu organisieren, fehlt ihnen einfach die Kraft.“

Hanning Voigts schreibt für das Obdachlosenmagazin

Hinz & Kunzt

. Der Name von Paul ist geändert

Kommentare (6)

Markus Schild 20.12.2011 | 03:11

Ich war vor einigen Jahren auch mal für ein halbes Jahr obdachlos. Es soll ja in DE nicht vorkommen, und deshalb stößt man schnell auf Unverständnis bei seinen "Mit"-Menschen. Dabei kann es so schnell gehen...
In meinem Fall konnte ich die Nachzahlung für den Energieversorger nicht bezahlen, und mein Vermieter hat mir daraufhin fristlos gekündigt. Ich habe keine Verwandten(Einzelkind, Eltern mit 16 verloren), war damals nicht kreditwürdig, und so kam dann eines zum anderen. Hätte mich ein Freund nicht bei sich wohnen lassen - ich wäre dran gewesen.

Die Ausnahmebehandlung in diesem Staat ist beschissen. Sobald man irgendwie aus dem Rahmen fällt, man ein Sonderfall ist, versagen die Institutionen auf allen Ebenen. Dazu kommt die Bequemlichkeit der Menschen auf den zuständigen Behörden. Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich will eigentlich nicht alle in einen Topf schmeissen. Doch gibt es auf den Ämtern leider tatsächlich Leute, die sind so überflüssig wie sonst nichts, weil sie keine konstruktiven Vorschläge machen. Man muss vorher wissen, was man Fragen will, es werden so gut wie nie von behördlichen Mitarbeitern Alternativen angeboten, es hat den Schein als interessierten Sie sich nicht. Diesen Menschen fehlt es einfach an Idealismus.

Hanning Voigts 20.12.2011 | 13:53

Kleines Update:

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat vor einigen Tagen noch einmal auf den dringlichen Handlungsbedarf in vielen Kommunen hingewiesen, was die Unterbringung von Obdachlosen angeht: bit.ly/qEw2pl

Unterdessen hat der Hamburger Senat eine weitere Notunterkunft eingerichtet. Offenbar scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass es besser ist, wenn ein Haus Menschen einen warmen Schlafplatz bietet, als wenn es leersteht... bit.ly/tNweW8

pedrei56 20.12.2011 | 14:14

Auch ich hab's hinter mir. Zwei Jahre. In "verdeckter" Form. Ich hatte noch eine Gartenlaube. Im Winter ohne Strom und Wasser. Dafür reichlich Schnee und etwas Gas. Und eine befreundete Familie, ohne die ich nicht überlebt hätte. Dank ihr und einem Wohnungsunternehmen mit sozialem Gewissen habe ich seit April 2011 wieder ein Dach über dem Kopf. Dafür holen mich die von mir verursachten Probleme wieder ein. Damit kann und will ich klarkommen.
Zwei Tage nach dem Vermerk meiner neuen Anschrift im Personalausweis hatte ich denn auch schon die erste Post im Briefkasten. Von der Gebühreneinzugszentrale (GEZ).

Markus Schild 22.12.2011 | 13:21

Schade, das so wenige Obdachlose Internet haben. Auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig zynisch klingt.
Aber dann könnte man vielleicht mehr Stimmen hören, und vielleicht würde dann besser verstanden werden, wie die Hartz-Politik an der Realität der Menschen vorbei geht.
Ich habe mal eine Zeit lang bei der Tafel geholfen. Wenn dort Obdachlose aufschlugen, weil sie sonst nicht mehr wussten wohin, hat man schön mitbekommen wie das so läuft. "Hier bei der Tafel ist keiner zuständig, gehen sie zur Diakonie". Dann bei der Diakonie: "Also, hier sind sie falsch, sie müssen zur Stadt, sie brauchen einen Wohnungsberechtigungsschein." Man muss ja irgendwie an eine Wohnung kommen, weil ohne Meldeadresse keine Stütze. Und ohne Stütze gibt dir kaum ein Vermieter eine Wohnung.
Hihi, ja oben das Video von Asterix - das trifft es super. :D

Aber eines ist nun mal Fakt: Will sich ein Mensch hier in DE wieder in die Gesellschaft integrieren, ist das ohne Fremde Hilfe kaum noch möglich.
Das grosse Ziel ist ja, wieder in Erwerbsarbeit zu kommen um seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können. Dafür muss aber ein Fundament geschaffen werden, damit man überhaupt den Bedingungen des Arbeitsmarktes entspricht.
- Man muss sich duschen können damit man nicht stinkt.
- Man braucht die Möglichkeit zu kochen, damit man sich nicht nur kalt ernährt.
- Man braucht einen Schlafplatz, wo man sich auch wirklich erholt. Denn unter der Brücke pennen ist nicht wirklich erholsam.
Erst wenn diese drei Punkte erfüllt sind, kann man einen Schritt weiter gehen und in die Eingliederungsvereinbarungen so was reinschreiben wie: "Bewerben sie sich 5x im Monat".
Das beziehe ich jetzt alles auf das vorhandene, neoliberale System. Denn in meinen Augen ist es nicht Ziel, Menschen nur in Erwerbsarbeit zu bringen. Und einen Menschen zwingen, der überhaupt keine Orientierung und / oder Ausbildung hat sich irgendwo zu bewerben hat sowieso keinen Sinn und demütigt sie, weil sie sich ihrer Überflüssigkeit innerhalb des kapitalistischen Systems bewusst werden. "Ich kann doch nix... was soll ich nur machen?"
Bitte nicht falsch verstehen, denn ich halte keinen Menschen für überflüssig. Und jeder Mensch kann was, es haben aber viele das Gefühl nichts zu können, weil der Arbeitsmarkt halt nichts hergibt für ihre Fähigkeiten. Das System macht sie überflüssig. Ein krankes System, welches kranke Menschen produziert.

abghoul 22.12.2011 | 14:11

Naja, richtige Obdachlosigkeit und "fehlen einer Meldeadresse" sind zwar zwei Paar Schuhe, aber insgesamt komme ich auf zehn Jahre.
Ich habe aber eher im Lager eines Feinkosthändlers Mundraub begangen als bei städtischen oder kirchlichen Veranstaltungen nach Suppe anzustehen, von daher würde ich wohl in keiner Statistik auftauchen.
Entlüftungsanlagen von Schulen und städtischen Betrieben dienten mir tagsüber als Schlafplatz, des nachts blieb ich auf den Beinen, zumindest im Winter.
Mit den meisten Gruppen von anderen Obdachlosen hatte ich nicht viel zu tun, außerdem stand ich mit dem Heroin auf Kriegsfuß, was mich ziemlich unbeliebt machte.
Den Alkoholikern auf dem HertieVorPlatz "besorgte" ich aber täglich eine Flasche Jägermeister, sozusagen von Hertie gesponsert, da ich das unauffälliger erledigte als die Veteranen und den Leuten von Hertie "das laute Geschrei und den Polizeiaufwand satt hatten"(O-Ton Lagerverwalter)
Als Haus und Hof Schamane (eigentlich Masseur und med. Bademeister) hatte ich wohlgesonnene Patienten bei denen ich mich ein paar Tage erholen konnte, Wäsche waschen und dergleichen, um dann halt weiterzuziehen.
Ich kann mich eigentlich nicht beschweren, ich habe sehr viel mehr Elend gesehen als ich selber erfahren habe.
Nur krank darf man wirklich nicht werden, chronische Blutvergiftung durch verfaulende Zähne haben mich dann doch in die Abhängigkeit von den Behörden getrieben.