Das hat er nicht nötig!

Rockschicksal Wer Sex, Drugs and Rock’n’Roll übersteht, hat als Rockmusiker ein Problem. Wie damit umgehen? Ray Davies hat sich lange raus gehalten.

Ruhm ist vergänglich. Jugend auch. Beides ist für Rockstars ­essentiell. Der rebellische Rock’n’Roll ist eine Ausdrucksform der Jugend. Wer Sex, Drugs and Rock’n’Roll übersteht, hat als Rockmusiker ein ­Problem. Wie damit umgehen? Ray ­Davies, Sänger und wichtigster Songschreiber der Band The Kinks, hat sich da lange raus gehalten. Auf dem Höhepunkt des Ruhms, nach You Really Got Me, All Day and All of the Night, Till the End of the Day oder Waterloo Sunset Mitte der sechziger Jahre bog er ins Schräge ab. Schrieb grandiose Alben über die englische Provinz oder über machtgeile Autokraten und ihre Gefolgschaft. Die Transvestiten-Hymne Lola war 1970 eher ein Ausrutscher auf Platz zwei in England und Deutschland. Der Ruhm kehrte sporadisch zurück. Auch wenn er und die Kinks sowohl zum ­Paten des Punks wie später des ­Britpops erklärt wurden: Man blieb zweite Reihe.

Damit hat Ray Davies mittlerweile scheinbar ebenso große Probleme wie mit dem Älterwerden. Junge Freundin und gefärbte Haare deuten darauf hin. Und die Projekte. War die „unautorisierte Autobiografie“ Mitte der 1990er Jahre noch so sperrig wie der ganze Ray Davies und seine Kinks von 1964 bis 1996, und waren die Solo-Alben, die er nach dem faktischen Ende der Band vorlegte, noch von künstlerisch hoher Qualität, sind seine heutigen Versuche der eigenen Legendenbildung seiner unwürdig. 2008 inszenierte sich Davies als Bewahrer der alten englischen Music-Hall-Tradition im Musical Come Dancing und agierte dabei auf der Bühne als sein eigener Erzähler. Vergangenes Jahr wollte er beweisen, dass die alten Kinks-Hits auch mit Chor funktionieren. The Kinks Choral Collection (Decca/Universal) bewies aber vor allem, dass er sich kaum an seinen eigenen Katalog von mehr als 500 Liedern traut. Es sind immer die gleichen Hits aus den 1960ern neben ein paar schrägen Songs, die sich aber auch immer wiederholen.

Ray Davies geht auf Nummer sicher. Davon zeugt auch das Album See My Friends (Universal), das morgen erscheint. Ray Davies mit Metallica, Bruce Springsteen, Jon Bon Jovi oder den neuen britischen Folk-Helden Mumford Sons. Das klingt nach Hitparade. Klar, schließlich sind sie auch alle wieder vertreten: Lola, You Really Got Me und so weiter. Ein wenig interessant wird es, wenn Days mit This Time Tomorrow gemixt wird oder der alte Hit All Day and All of The Night zusammen mit Destroyer aus den 1980ern beweist, dass sich Davies immer auch selbst erneuert hat. See My Friends klingt so deutlich nach der Suche nach breiter Anerkennung, dass man sich der musikalisch an einigen Stellen ansprechenden Arrangements (insbesondere Dead End Street mit Amy McDonalds) einfach immer wieder entziehen kmuss.

Schade, denn Ray Davies ist und bleibt ein grandioser songwriter. Statt dem Ruhm hinterherzulaufen sollte er sich lieber einmal mit den Segnungen der zweiten Reihe befassen. Schließlich ist diese oft interessanter und spannender als die erste. Spock versus Captain Kirk, Buzz Aldrin versus Neil Armstrong wären da gute Beispiele. In der Musik stellen Davies versus Jagger oder auch Davies versus McCartney vergleichbare Paare dar. Zumindest so lange, wie der Mann aus der zweiten nicht krampfhaft versucht, die erste Reihe zu erreichen.

Helge Buttkereit schrieb im Freitag zuletzt über die Bibliothek des Widerstands

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