"War ich gut?"

Medientagebuch Journalisten machen in ihren Videoblogs selten eine so irrsinnig gute Figur wie Matthias Matussek

Liegt eine Verwechslung vor, wenn es gestandene Journalisten vor die Videokamera zieht und sie dann statt im Fernsehen im Weblog ihres Verlagshauses landen? Eine geschriebene Kolumne reicht nicht mehr. Sie wollen ihre Häupter in die Kamera halten. Offenbar in der Annahme, dass die Leute für jedes Häppchen multimedialer Zerstreuung dankbar sind. Ist schon viel bequemer, sich im Bürostuhl zurückzulehnen und Gestik, Habitus und Fältchen der Schreiber zu studieren anstatt deren Texte lesen zu müssen. Wer eitel genug ist, sich in seiner Wohnküche zur Schau zu stellen, muss sich ein kritisches Urteil gefallen lassen.

Als "König der Videoblogger" bezeichnet sich Matthias "War ich gut" Matussek von Spiegel-Online. Zu Recht. Der kürzlich geschasste Kulturchef kann für sich in Anspruch nehmen, als erster prominenter Journalist seit Sommer 2006 im kleinen Zauberspiegel aufzutreten, wo er wöchentlich einen Kulturtipp zum Besten gibt. Vor seiner Büro-Bücherwand, im weißen Oberhemd mit roten Hosenträgern hat Matusseks Gebaren Stil prägend auf andere Videoblogger, kurz: Vlogger, abgefärbt. Man mag von ihm und seiner Deutschtümelei ja halten, was man will. In Sachen narzisstischer Kurzweiligkeit hat er sich nichts vorzuwerfen. Wie er sich im Licht einer 200-Watt-Kameraleuchte aalt, das macht ihm so schnell keiner nach.

Kürzlich imitierte Matussek im Tonfall Marcel Reich-Ranickis seinen Kollegen Harald Martenstein - seines Zeichens Videoblogger bei Zeit.de - wie dieser mit weißem Hemd und Hosenträgern Matthias Matussek parodierte. Irre! Der Clip wird zweifelsohne in die Annalen der Videobloggerei eingehen. Nicht allein weil er an Hybris kaum zu überbieten ist, sondern weil sich hier das noch junge Medium in einer vollkommenen Selbstreferenzialität ergeht, für die andere Medien vergleichsweise lange gebraucht haben. Gemeinhin wird Selbstreferenzialität als Ausdruck einer postmodernen Krise wahrgenommen: als spielerische Befreiung von Sinnbezügen. Wenn Zeichen nicht mehr auf eine äußere Realität verweisen, sondern nur noch auf sich selbst, dann ersetzen sie die Wirklichkeit durch eine Simulation.

Ästhetisch durchaus reizvoll und psychologisch manchmal heilsam bedeutet Simulation in journalistischen Größen freilich die Eliminierung von Relevanz. Daher erwehrt sich der Journalismus aller postmodernen Angriffe, um sich nicht dem Verdacht unnötiger Selbstbespiegelung auszusetzen. Nicht umsonst hat die Süddeutsche Zeitung angesichts solcher Eskapaden bereits um die Seriosität des Berufsstandes gefürchtet. Vom "Morast der Ironie" ist in einem Artikel über Videoblogs die Rede und davon, dass die dort vertretene Subjektivität keine Inhalte mehr transportiere, bloß noch Affekte und Ideosynkrasien.

Grund genug für Harald Martenstein, eine Folge seines Zeit-Vlogs für eine Replik zu nutzen. Aus seiner Wohnküche erklärt er, dass der Journalismus seine Funktion als Nachrichtenübermittler verloren hat. Weil sich jeder im Internet mit News versorgen könne, bleibe für den Journalisten nichts anderes übrig als Subjektivität: "Er verkauft nichts Anderes, sondern sich selber." Einmal abgesehen davon, dass Nachrichten im Netz immer noch zumeist aus journalistischen Quellen stammen und von Netzdiensten allenfalls aggregiert werden, will die Martenstein´sche Erkenntnis, zumal unter Feuilletonisten, nicht gerade neu erscheinen. Fragt sich bloß, ob das visuell geschehen muss und ob sich die Journalisten damit immer einen Gefallen tun.

Vielleicht leisten sie ja auch einer Entzauberung ihrer Person Vorschub. Es gibt ja Leute, die die Kamera nicht liebt. Sie wirken etwas fahrig, können, "ähm", nicht gut frei reden und blicken ins Objektiv wie ein Kaninchen die Schlange anstarrt - oder daran vorbei. Gemessen am Standard des Fernsehens geben Videoblogger selten eine gute Figur ab. Doch warum sollte sich das Publikum mit weniger begnügen? Entweder will nicht einleuchten, warum die Vlogger uns ihre Meinung nicht schriftlich kundtun. Das gilt etwa für den durchaus telegenen Oliver Gehrs mit seiner Blattschuss genannten Kritik des jeweils aktuellen Spiegel beim Holtzbrinck-Portal watchberlin.de. Oder sie agieren im Gestus des Gewichtigen derart ungelenk, dass sie einem fast Leid tun wie Zeit-Feuilleton-Chef Jens Jessen, der ein hervorragender Schreiber ist. Jeder Teenager aus einer Casting-Show weist heute mehr telegene Natürlichkeit auf.

Videoblogs scheinen kein journalistisches Medium zu sein und vor allem sind sie nicht Fernsehen. Sie finden auch nicht auf der Agora statt, sondern in den Kochnischen, Arbeitsecken und Wohnstuben der journalistischen Selbstdarsteller. Der Zuschauer betrachtet Videoblogs im Bürodrehstuhl beim Butterbrotkauen, bevor er sich etwas Wichtigerem zuwendet. Da ist es einfach langweilig, einer umständlichen Argumentation beizuwohnen. Vlogs dienen der Belustigung und Zerstreuung, der kurzweiligen Unterhaltung. Mit "dem Affen Zucker geben" lag die SZ gar nicht falsch. Gesunde Mägen können das verkraften.

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