Lügen, bellen und beißen

Musiik Vor 30 Jahren ­erschien die erste erfolgreiche Hip-Hop-Platte. Ein Muster­beispiel für die Kommer­zialisierung eines Genres

Hip Hop, das ist für den mit den Phänomenen des Pop nur durchschnittlich vertrauten Hörer jenes Genre, in dem viel mit Sprechgesang gearbeitet und in dem sehr viel geschimpft wird. Männer bellen sich zu schleppenden Beats mit wüster Wortwahl an und bezichtigen sich gegenseitig der Schlechtigkeit, des Neids, der Lüge. Wenn nun dieser Wochen allerorten von der Geburt des Hip Hop vor 30 Jahren die Rede ist, muss man festhalten: Das ist eine Lüge. Was sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt, ist keineswegs die Erfindung einer Musik­richtung, sondern ihre Eingliederung in die Verwertungsketten der Plattenindustrie. Ein wichtiger Unterschied. Hip Hop gab es, lange bevor 1979 die Single „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang erschien.

Mehr zum Thema:
Glossar zu den Begriffen des Hip Hop und der Rap-Szene

Spätestens Anfang der 70er Jahre hatten in den New Yorker Vierteln der South Bronx und in Brooklyn DJs zusammen mit ihren reimenden Kollegen, genannt „MCs“ (eine Art Animateure), auf Block Partys (Straßenfeten) jene Musik entwickelt, die bis heute die größte musikalische Revolution seit dem Rock’n’Roll darstellt. Hip Hop war zunächst ein reines Party-Phänomen: Plattenspieler wurden zu Live-Instrumenten umfunktioniert, Vinylscheiben von den Discjockeys nicht mehr behutsam am Rand angefasst, sondern mit ungeahntem Effekt gescratcht (gekratzt). Vergleichbar widersinnig, wie die Geburt von Hip Hop auf das Erscheinen der Single „Rapper’s Delight“ zu datieren, wäre es zu behaupten, das Fliegen sei von Easyjet erfunden worden.


Englewood, New Jersey: Meilen von den Epizentren der Hip-Hop-Kultur entfernt, aber doch noch nah genug dran, um etwas von ihren Innovationen mitzubekommen, beschließt Sylvia Robinson, ein ehemaliges Rhythm--Blues-Starlet, dem neuen Musikgenre zu seinem Debüt auf Schallplatte zu verhelfen. Robinson ist Betreiberin einiger recht erfolgreich laufender Soul- und R und stellt die Sugarhill Gang zusammen, ihre eigene Hip-Hop-Crew. Robinson gründet für sie auch gleich ein neues Label: Sugar Hill Records. Die Sugarhill Gang besteht aus drei Afroamerikanern, die sich Wonder Mike, Master Gee und Big Bank Hank nennen, also ähnliche Namen tragen wie die Original-MCs in der Bronx, die aber, wie ihre Chefin, aus New Jersey kommen und am Mikrofon absolute Amateure sind. Die 16 Minuten lange, eine volle Seite einer Maxi-Single in Anspruch nehmende Debütsingle „Rapper’s Delight“ wird dennoch zum Riesenhit – was nicht zuletzt daran liegt, dass das Stück auf einer bass­betonten Instrumentalpassage aus dem Disco-Klassiker „Good Times“ der Gruppe Chic basiert.

Frauen trieben den Hip Hop voran

Doch war „Rapper’s Delight“ tatsächlich die erste Hip-Hop-Platte? Die Fatback Band, eine Funk-Combo, von der man heute nicht mehr viel weiß, hatte bereits zwei Monate vorher eine Single veröffentlicht, auf der ein MC zu hören war: „King Tim III (Personality Jock)“. Und zwei Schwestern namens Paulett and Tanya Winley aus Harlem präsentierten etwa zur gleichen Zeit mit „Rhymin’ and Rappin’“ ihre Interpretation von rhythmischen End- und Stabreimen auf Platte – was die These stützt, dass Frauen, auch wenn es im Rückblick oft nicht so scheint, die Entwicklung und Popularisierung von Hip Hop schon früh auch am Mikrofon vorantrieben.

Um die jeweils exakten Veröffentlichungstermine der Platten wird bis heute heiß debattiert – als ließe sich so verhindern, dass sich, wie schon in den 50er Jahren bei Elvis und dem Rock’n’Roll, die älteste aller Pop-Regeln bewahrheitet: Als erster Künstler eines Stils wird im Rückspiegel der Geschichte nie derjenige erscheinen, der die erste entsprechende Platte in die Läden gebracht hat, sondern immer nur derjenige, der mit solch einer Platte auch in den Charts landete. Genau das gelang der Sugarhill Gang: „Rapper’s Delight“ stieg in die Top 40 ein und verkaufte sich insgesamt zwei Millionen Mal, zeitweilig 50.000 Platten pro Tag.

Hip Hop gilt seitdem als äußerst umkämpftes und bisweilen auch als halbseidenes Genre. „Rapper’s Delight“ setzte in diesem Punkt Maßstäbe: Big Bank Hank, ein ehemaliger Türsteher und Pizzabäcker, rappte in dem Song Zeilen, die keineswegs er selbst geschrieben hatte, sondern die dem Textbuch des MCs Grandmaster Caz entnommen waren. Caz, auch unter dem Namen Casanova Fly bekannt, gehörte zu den Cold Crush Brothers, einer der prägenden Hip-Hop-Crews in der Bronx. „I’m the C-A-S-A-N-O-V-A and the rest is F-L-Y“, hört man Big Bank Hank in „Rapper’s Delight“ reimen. Kreativdiebstähle wie diese werden in der Hip-Hop-Welt bis heute als „Biting“ bezeichnet – als linke Manöver, bei denen ein talentfreier Rapper einem anderen, begnadeten Rapper den Erfolg vom Teller frisst. Ein Mundraub im wahrsten Sinne des Wortes.

Grandmaster Caz wurde für den Reimklau nie entschädigt, auch steht er bis heute nicht in der Autorenliste von „Rapper’s Delight“. Doch dem nicht genug der Unverfrorenheit: Sylvia Robinson, die Chefin von Sugar Hill Records, beteiligte die Urheber der dem Hit zugrunde liegenden Basslinie nur widerwillig am Erfolg. Erst als Nile Rogers und Bernard Edwards, die Chefs von Chic, mit dem Anwalt drohten, überwies sie Geld. Angeblich 500.000 Dollar. Man sieht: Mit dem Streit, dem bestimmenden Motiv des Hip Hop, ging es vor 30 Jahren schon los.

Türöffner für ein Genre

„Rapper’s Delight“ war also der Türöffner, wie es ihn in jedem Musikgenre einmal gab: Ohne die frühen Charthits von Technotronic oder U96 hätte sich auch Techno nie zu der Massenparty entwickelt, die es – zum Nutzen auch vieler Untergrundaktivisten der ersten Techno-Tage – in den 90er Jahren war. Und wenn heute Sänger wie Roger Cicero beim Eurovision Song Contest für Deutschland swingen, müssen die vielen Retro-Swing-Kids, die seit Jahren mit Original-Kreppsohle und Wasserwelle zu den Nummern vergessener Swing-Helden über die Tanzdielen fegen, entscheiden, ob sie das nun schlimm finden oder nicht lieber begrüßen sollen. Kurzum: Popularisierung bedeutet auch immer Entzauberung, inhaltliche Verkürzung und Fronten­bildung zwischen denen, die sich als Gralshüter einer reinen Lehre verstehen, und denen, für die Kommerzialisierung in erster Linie eine Chance darstellt.

Grandmaster Flash, der legendäre Hip-Hop-DJ, der 1982 zusammen mit den Rappern der Furious Five und dem Song „The Message“ schließlich das Motiv des Sozialrealismus im Rap einführte, sagte dem renommiertesten Geschichtsschreiber des Hip Hop, Nelson George, einmal: „Ich konnte mir damals überhaupt nicht vorstellen, dass irgendjemand eine Platte, auf der jemand über eine andere Platte drüber redet, kaufen wollen würde. Ich hätte niemals gedacht, dass solche Musik die Massen erreichen könnte. Ich war blind.“

Ein Geschäft wie jedes andere

Heute ist Hip Hop ein rundum globalisiertes Phänomen, sein Schema „Ein Beat, ein Reim, eine minoritäre Sprechposition“ ermöglicht es einem afrodeutschen MC wie Samy Deluxe, auf bedenklich verkürzte Weise Vaterlandsliebe zu formulieren – wie aktuell in seiner Single „Dis’ wo ich herkomm“ mit dem Reim: „Und wir haben keinen Nationalstolz, und das alles bloß wegen Adolf / ja toll, schöne Scheiße, der Typ war doch eigentlich ’n Österreicher“.

Genauso ermöglicht Hip Hop den Regierungen afrikanischer Länder, Beats und Reime zur AIDS-Aufklärung zu instrumentalisieren. Hip Hop, als erste Popmusik-Kultur, die mit ihren Vorläufern nicht mehr radikal brach, sondern sich von den afrikanischen Griots über Gospel bis zu James Brown und George Clinton auf eine Traditionslinie berief, war entscheidend für das Ausprägen einer selbstbewussten schwarzen Stimme in Nordamerika und so Teil derselben Entwicklung, die Barack Obama den Weg zur Präsidentschaft ebnete.

Die Sugarhill Gang verschwand, nach noch ein paar unbedeutenden Singles, Mitte der 80er Jahre von der Bildfläche. Nur 1999, ausgerechnet zur Hochphase des Gangsta-Rap und dessen bisweilen erschreckend realer Pistolero-Szenarien, rief sie sich noch einmal kurz in Erinnerung – mit „Jump On It“, einem gut gemeinten, aber peinlich missglückten Versuch, so etwas wie ein Erziehungs-Rap-Album für Kinder aufzunehmen.

Von Grandmaster Caz, dem Chefreimer der kommerziell nie wirklich erfolgreichen Cold Crush Brothers und Autor des bis heute stilprägenden Eröffnungs-Rap von „Rapper’s Delight“ – „I said a hip hop, a hippie to the hippie / to the hip hip hop, you don’t stop“ –, hörte man nie wieder etwas. Er soll heute, so erzählt man in New York, als Fremdenführer für ein Busunternehmen namens „Hush Hip Hop Tours“ ar­beiten und musikinteressierte Touristen auf Rundfahrten durch Harlem, Brooklyn und die Bronx begleiten – zu den Schauplätzen seiner eigenen Geschichte. Und zu den Schauplätzen, an denen Hip Hop spielte, bevor er ein Geschäft wie jedes andere wurde.

Jan Kedves, 32, ist Redakteur der Zeitschrift Spex in Berlin und schreibt über Pop, Kino und Mode. Er studierte Amerikanistik und Musikwissenschaften in Hamburg

Der digitale Freitag

Die Welt aus neuen Blickwinkeln erfahren

Geschrieben von

Verändern Sie mit guten Argumenten die Welt. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt kostenlos testen

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt kostenlos testen

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden