Das große Rauschen

Information Alain de Botton fragt sich, was das tägliche Dauerfeuer der Nachrichten alles bewirkt
Jan Pfaff | Ausgabe 35/2015 7
Das große Rauschen
Früher hat die Religion den Tag getaktet, heute machen das die Medien
Foto: der Freitag

Brauchen wir Hilfe, um mit dem klarzukommen, was das alltägliche Nachrichtendauerfeuer in unseren Gehirnen anrichtet? Sind zu viele negative Meldungen schuld daran, dass so viele Menschen passiv und unpolitisch werden? Und führen aus dem Kontext gerissene Informationsfetzen dazu, dass wir am Ende weniger von der Welt verstehen, als wenn wir diese Häppchen-News niemals konsumiert hätten?

Diese Fragen hat sich der britisch-schweizerische Autor Alain de Botton gestellt. De Botton hat sich darauf spezialisiert, Alltagsphänomene mit dem Blick des philosophisch Geschulten zu hinterfragen. Er hat in London eine „Schule des Lebens“ gegründet und den Lesern seiner Bücher bisher unter anderem erklärt, wie man richtig an Sex denkt, was Statusangst mit einem macht und wie die Lektüre von Marcel Proust das Leben verändern kann. Nun also die Medien. Vor kurzem ist sein neuestes Werk auf Deutsch erschienen: Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung.

Zum einen richtet sich diese Gebrauchsanweisung an die täglichen Konsumenten journalistischer Erzeugnisse, also an eigentlich alle, zum anderen aber an die Nachrichtenproduzenten. Wobei de Botton bewusst keine scharfe Trennung zwischen harten Nachrichten und erzählendem oder analysierendem Journalismus zieht. Denn er ist der festen Überzeugung: Wenn wir andere und bessere News hätten, wenn wir insgesamt einen besseren Journalismus hätten, der nicht so oft seine eigentlichen Ziele verfehlte, könnte auch unsere Gesellschaft eine bessere sein.

Das ist die Fallhöhe seiner Überlegungen. Und so beruft er sich gleich eingangs auf Hegel, der bemerkte, dass Gesellschaften in dem Moment modern werden, in dem Nachrichten die Religion als oberste Autorität und wesentliche Quelle der Orientierung ablösen. Während in religiösen Gesellschaften der Glaube den Ablauf des Tages taktete, habe diese Rolle heute der Medienkonsum übernommen, schreibt de Botton. Nach dem Aufwachen geht unser Blick aufs Display des Smartphones, zum Frühstück hören wir Radionachrichten, den Tag über checken wir Newswebseiten und soziale Netzwerke, den Abend beschließen die Spätnachrichten im Fernsehen. Diesen Rhythmus haben wir so sehr verinnerlicht, dass man nach ein paar Urlaubswochen mit Medienabstinenz mitunter erstaunt feststellt: Die Welt dreht sich ja auch weiter, wenn ich nicht stündlich erfahre, was es Neues gibt.

Ansturm des Disparaten

Dieses Nutzungsverhalten, das Züge eines pawlowschen Reflexes trägt, erklärt de Botton mit der Flucht vor dem eigenen Ich: „Die Nachrichten entlasten uns von dem bedrückenden Gefühl, auf uns selbst zurückgeworfen zu leben, immer wieder unseren eigenen Möglichkeiten gerecht werden zu müssen und darum zu ringen, ein paar Menschen in unserem engeren Umkreis davon zu überzeugen, unsere Ideen und Bedürfnisse ernst zu nehmen.“

Zu seiner Hauptkritik am aktuell praktizierten Nachrichtenjournalismus zählt, dass der Nutzer bei weitem zu viele Informationen erhalte, die nichts mit seinem Leben zu tun hätten – und die er auch nicht in einen für ihn sinnvollen Zusammenhang einordnen könne, da ihm dafür der Kontext fehle. Deshalb würden die Nachrichten vor allem zwei Reaktionen hervorrufen: Langeweile und Verwirrung. Was wiederum zu Passivität und Rückzug aus der Gesellschaft führe.

Das ist nun eine Grundsatzkritik, die nicht ganz neu ist. Dass der Ansturm des Disparaten, das die Medien Tag für Tag vor einem ausbreiten, Überforderungsgefühle auslösen kann – davon finden sich auch in anderen Phasen des medialen Umbruchs Zeugnisse zuhauf. Man denke nur an die Weimarer Republik und die Protagonisten von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz oder Erich Kästners Fabian. Trotzdem bleibt die Beobachtung natürlich auch für das Nachrichtenwesen des 21. Jahrhunderts zutreffend und gewinnt durch den ständig steigenden Output im Onlinebereich eine neue Dringlichkeit.

Dass es Probleme des Zuviels und Entgleisungen aufgrund des medialen Konkurrenzdrucks gibt, ist ja unstrittig. Man muss nur an die Berichterstattung nach dem German-Wings-Absturz erinnern – ein bis auf wenige Ausnahmen völliger Ausfall journalistischer Selbstreflexion und Qualitätssicherungsmechanismen. Da wurden Nachrichtenticker eingerichtet, die noch die absurdeste Nichtigkeit vermeldeten, da wurde Fernsehschalte um Fernsehschalte wild drauf losspekuliert sowie jede sichtbare Form von Trauer ausgeschlachtet. Und es wurden apodiktische Zeitungsschlagzeilen ins völlig Ungewisse hinein formuliert. Die Forderung de Bottons, Journalisten sollten sich immer zuerst fragen, ob das Vermeldete die Gesellschaft voranbringe, klingt da allerdings nur nach einem frommen Wunsch – fern jeder Chance, jemals umgesetzt zu werden.

Seine Stärken hat das Buch, wenn der Autor grundlegende Fragen stellt: Wieso halten etwa so viele Nachrichtenredaktionen an der Fiktion fest, es gebe einen quasi über den Dingen schwebenden, rein objektiven Journalismus, bei dem es keine Rolle spiele, wer die Nachrichten zusammenstellt?

Wie ein anderer, besserer Journalismus aussehen könnte, bleibt in de Bottons Essay aber weitgehend unscharf. So wechseln sich prägnante Beobachtungen – etwa dass der investigative Journalismus an einem Watergate-Syndrom leidet, indem er immer nur nach einzelnen Schurken sucht, die es zu enttarnen gilt, statt systemische Missstände zu analysieren – mit eher wolkigen Forderungen ab.

Positive Beispiele, wie es anders gehen könnte, findet de Botton vor allem in der Kunst. Wenn er einem trockenen Zeitungsbericht über Wohngeld-Zahlungen einen Auszug aus Leo Tolstois Anna Karenina als Vorbild gegenüberstellt, hat das aber doch etwas arg Verzerrendes. Tolstoi hat nicht nur fünf Jahre an seinem Roman geschrieben und somit einige Zeit für den dramaturgischen Feinschliff gehabt, auch die Rezeptionshaltung des Lesers ist bei einem 1.200-Seiten-Buch eine völlig andere als bei einem Zeitungstext.

Und wenn de Botton fordert, bei der Auswahl der Nachrichten solle berücksichtigt werden, inwiefern sie dem Einzelnen eine Möglichkeit zum Handeln eröffnen und etwas Positives mit auf den Weg geben, hat das Anknüpfungspunkte zu einer aktuellen Mediendebatte um Constructive News. Daran schließen sich ja auch spannende Fragen an: Braucht es mehr Journalismus, der Lösungen aufzeigt, statt die starke Fokussierung auf das Negative und die Probleme? Und wie könnte so etwas aussehen, ohne mit PR-Sprache eine Heiti-Deiti-Welt zu entwerfen, in der immer alles gut wird? Dazu schreibt de Botton leider nichts. Es bleibt bei der Empfehlung, die auch Bernd das Brot seinen Fernsehzuschauern gern gibt: öfter mal abschalten!

Info

Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung Alain de Botton Fischer 2015, 256 S., 10,99 €

06:00 31.08.2015

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