Der will nur spielen

Porträt Jacques Servin, bekannt als Andy Bichlbaum von der Kommunikationsguerilla-Gruppe "The Yes Men", lehrt große Konzerne das Fürchten. Seine stärkste Waffe: beißender Humor

An dem Tag, der ihn berühmt machen wird, will Andy Bichl­baum erst nicht aufstehen. Er liegt in seinem Bett in einem Pariser Hotelzimmer und grübelt: Ist es richtig? Soll er es lieber abbrechen? Wird er sich vorher verraten?

Mit einer Handkamera verfolgt ein Freund, wie Bichlbaum mit seiner Nervosität ringt, noch einmal die Bettdecke über den Kopf zieht, sich schließlich aus dem Bett rollt, einen dunklen Anzug anzieht, die Haare mit Gel zurückkämmt und sich auf den Weg zum Pariser Fernsehstudio der BBC macht. Dort wird er ein Interview geben, das um die Welt gehen wird. Seine Worte werden an diesem Tag dafür sorgen, dass der Börsenwert des amerikanischen Chemieriesen Dow Chemical um zwei Milliarden Dollar absackt.

Aus Paris wird Bichlbaum live in das Hauptnachrichtenstudio der BBC geschaltet. Er gibt vor, ein Sprecher von Dow Chemical zu sein. Vor Millionen TV-Zuschauern erklärt er: „Ich bin sehr glücklich, mitteilen zu können, dass Dow erstmals die volle Verantwortung für die Katastrophe in Bhopal übernimmt.“ In der indischen Stadt starben nach dem Austritt einer Giftwolke im Dezember 1984 nach offiziellen Angaben mehr als 3.000 Menschen, an den Folgen leiden heute noch über 100.000. „Dow Chemical wird 12 Milliarden Dollar Entschädigung zahlen“, sagt Bichlbaum. Für einige Stunden ist dies am 3. Dezember 2004 die Top-Nachricht. Dann dementiert Dow Chemical, der Aktienkurs erholt sich. Aber der Konzern ist bloßgestellt, das mitunter zynische Kalkül an den Aktienmärkten für einen kurzen Moment sichtbar geworden.

Seit diesem Auftritt ist Andy Bichlbaum ein Star unter Globalisierungskritikern. Zusammen mit seinem Mitstreiter Mike Bonanno bildet er den Kern der Kommunikationsguerilla-Gruppe The Yes Men. „Identitätskorrektur“ nennen die zwei New Yorker ihre subversive Methode: Sie schleusen sich unter falschen Namen als Vertreter internationaler Organisationen oder großer Konzerne bei Konferenzen ein, um mit absurden Forderungen deren Ziele zu karikieren. Oder sie stellen – wie bei der Bhopal-Katastrophe – Firmen so dar, wie diese sich ihrer Meinung nach verhalten sollten.

Dabei verwenden sie geschickt jene PR-Techniken, mit denen Unternehmen sonst dafür sorgen, dass ihr Image sauber erscheint. Sie verschicken Pressemitteilungen im Namen der Welthandelsorganisation WTO, in denen diese vermeintlich die Wiedereinführung der Sklaverei in Entwicklungsstaaten fordert. Sie präsentieren als angebliche Vertreter des Großkonzerns Halliburton einen grotesken Kugel-Anzug, der verspricht, Manager vor Terroranschlägen und Klimakatastrophen zu schützen. Oder sie stellen satirische Firmen-Webseiten ins Netz, die oft nicht als Fälschungen erkannt werden. Die BBC etwa bat Bichlbaum zum Interview, nachdem er eine Seite mit dem Namen Dow Ethics online gestellt hatte.

Am Vorabend eines Kongresses von Globalisierungskritikern in Berlin hat die Heinrich-Böll-Stiftung ein Treffen von Aktivisten und Journalisten organisiert. Es gibt Sushi, vegetarische Frikadellen und Bio-Wein. Andy Bichlbaum trägt an diesem Abend ein knallgrünes T-Shirt und eine alte Jeans. Er ist braungebrannt, in seinen schwarzen Haaren zeichnen sich ein paar graue Strähnen ab. Eigentlich heißt er Jacques Servin, aber in der Öffentlichkeit tritt er nur als Bichlbaum auf. Er hat den Namen seiner ersten Rolle als Yes Man entlehnt. Hier nennen ihn aber alle ohnehin nur Andy. Er ist der Stargast und Kumpel zugleich.

Bichlbaum sitzt vor einer hohen Bücherwand, mit politikwissenschaftlicher Literatur zum fairen Welthandel. Er nippt an einem Glas Grauburgunder und versucht sich zu erinnern, wie er ein Yes Man wurde. „Es begann damit, dass ich in ein Computerspiel küssende Jungs in Badehosen reinprogrammiert habe.“ Geboren in Tucson, Arizona, hatte er zunächst Mathematik studiert, anschließend noch kreatives Schreiben. 1997 dann hatte er eine Stelle als Software-Entwickler in San Francisco angenommen. Es war die Phase des ersten Internet-Hypes. „Der Job ödete mich unglaublich an. Außerdem hatte mich gerade mein Freund verlassen, also dachte ich: Zeit für ein bisschen Spaß.“

Knutscher in Badehosen

Die küssenden Männer wurden erst entdeckt, nachdem das Spiel bereits in den Läden stand. Ein Lacher bei seinen schwulen Freunden, ein Schock für den prüden Rest des Landes. Servin wurde gefeuert. Dafür riefen ihn Journalisten an. „Sie fragten, was ich mir dabei gedacht habe. Aber es gab keine übergeordneten Gründe, ich hatte ja nur einen Witz gemacht.“

Weil er nicht ganz so unbedarft erscheinen wollte, begann er, Gründe zu erfinden, erzählte etwas über die Diskriminierung von Homosexuellen. „Dann merkte ich, dass es noch wichtigere Probleme gibt“, sagt er. Und Bichlbaum hatte verstanden, wie er die Aufmerksamkeit der Medien bekam: „Humor ist der Schlüssel“, sagt er.

Freunde stellten ihm Mike Bonanno vor, der ebenfalls Erfahrungen als Kommunikationsguerillero gesammelt hatte: Bonanno hatte die Elektronik von Barbie- und Soldatenpuppen vertauscht und diese wieder ins Ladenregal zurückgestellt. Während aus den Bäuchen der Barbies Maschinengewehre ratterten, sagten die Soldaten immer wieder: „Ich will mit dir shoppen gehen.“

Die Geburtsstunde der Yes Men war 1999 der Protest von Seattle. Weil sie keinen Urlaub nehmen konnten, um selbst nach Seattle zu fahren, stellten sie die Satire-Webseite gatt.org ins Netz, die vorgab von der WTO betrieben zu werden. Viel passierte erst einmal nicht. Monate später aber kam über die Seite per E-Mail eine Einladung für eine Wirtschaftskonferenz in Salzburg. „Es war reiner Zufall“, sagt Bichlbaum. Doch die Einladung brachte ihn auf eine Idee.

Er flog nach Österreich und schlüpfte das erste Mal in die Identität, die ihn später zu seinem Künstlernamen inspirieren sollte: Jacques Servin stellte sich als WTO-Repräsentant Dr. Andreas Bichlbauer vor und forderte, die Gesetze des freien Marktes konsequent auf die Politik anzuwenden, also Wählerstimmen einfach zu kaufen. Selbst als er Adolf Hitlers Wirtschaftspolitik gut hieß, kam aus dem Publikum kein Widerspruch. Ein Yes-Men-Mitglied befragte anschließend die Zuhörer, aber niemandem wollte etwas Ungewöhnliches aufgefallen sein. „Ich merkte, dass es für uns viel zu tun gab“, sagt Bichlbaum heute.

"Nimm deine Wünsche für Wirklichkeit"

Mittlerweile können die Yes Men auf eine lange Liste spektakulärer Aktionen blicken. Sie haben George W. Bush mit einer falschen Webseite im Präsidentschaftswahlkampf in Rage versetzt und als vermeintliche Sprecher des Ölkonzerns Exxon bei einer Konferenz von Energieexperten vorgeschlagen, menschliche Leichen zu einem neuartigen Brennstoff zu verarbeiten. Als Inspiration ihrer Arbeit bezeichnen die Yes Men die politischen Happenings der 60er, die Aktionskunst und die Situationisten. Diese Bewegung propagierte in den 60er Jahren den Slogan „Nimm deine Wünsche für Wirklichkeit“ und experimentierte bereits mit der Manipulation von Medien.

Im Februar haben Bichlbaum und Bonanno auf der Berlinale eine Dokumentation über ihre Aktionen der letzten zehn Jahre vorgestellt. Der Film gewann den Publikumspreis. „Die Yes Men reparieren die Welt“, lautet der deutsche Titel. Natürlich ist das ironisch gemeint, aber irgendwie passt der Anflug von Größenwahn auch zu Bichlbaum, den man vielleicht den Felix Krull der Engagierten nennen kann: Trotz des ernsten Anliegens wird ihm alles zum Spiel. „Als ich aus dem BBC-Studio kam, war ich völlig high vom Adrenalin“, erzählt er. Er brauche diese Kicks. „Ich bin kein Heiliger, ich will Spaß haben.“

Im Gespräch kokettiert Bichlbaum gern mit seiner Eitelkeit. Sein genaues Alter, 45, will er zum Beispiel nicht nennen. Er stehe gern vor Publikum, sagt er. Und ja sicher, es gefalle ihm, im Fernsehen aufzutreten. Während seiner College-Zeit habe er sich als Schauspieler versucht und bekam eine Rolle in einem Shakespeare-Stück. „Sie haben mich noch vor der Premiere rausgeschmissen, weil ich so schlecht war.“

Wie kann er dann heute so überzeugend seine Rollen spielen? „Das hat mit Schauspielen nichts zu tun. Bei dem BBC-Auftritt musste ich mich nicht verstellen.“ Weil er Angst hatte aufzufliegen, war er sichtlich nervös. Es passte zur Rolle. Jeder Pressesprecher, der eine solche Erklärung abgeben müsste, wäre nervös gewesen.

Clowns, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Bewegen die Yes Men mit ihren Aktionen denn etwas? Bichlbaum schüttelt den Kopf. „Nein, wir sind nur Clowns, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.“ Er überlegt einen Augenblick: „Höchstens mit vielen anderen Menschen zusammen können wir etwas ändern.“ Es sei wichtig, ständig Druck auf Regierungen und Konzerne auszuüben. „Von allein passiert gar nichts.“

Dann erzählt er von der Aktion im vergangenen Jahr. Zusammen mit Helfern verteilten die Yes Men am 12. November mehr als eine Million Exemplare einer gefälschten New York Times. Im Layout identisch mit dem Original verkündete die Zeitung, die auf den 4. Juli 2009 vordatiert war, dass der Irak-Krieg beendet wäre, jeder Amerikaner eine Krankenversicherung bekomme und die New Yorker Straßen in Radwege verwandelt würden – eine Zeitung voller Träume von Frieden und Gerechtigkeit. Manchem Leser schossen die Tränen in den Augen. Und in Deutschland übernahmen die Globalisierungskritiker von Attac die Idee und verteilten im März eine gefälschte Ausgabe der Zeit, mit Wunschnachrichten „einer anderen Globalisierung“.

„Wir haben die Times selbst gemacht, um zu zeigen, was möglich wäre“, erzählt Bichl­baum. „Gerade jetzt mit Obama.“ Der neue Präsident mache seine Sache bisher nicht schlecht. „Aber wenn wir nachlassen, nur weil ein Demokrat im Weißen Haus sitzt, passiert dasselbe wie bei Bill Clinton – nämlich nichts.“ Dann springt Bichlbaum abrupt von seinem Stuhl auf. Er sei nur kurz in Berlin und müsse heute Abend noch einen Freund treffen, entschuldigt er sich. „Wir sehen uns morgen.“

Am nächsten Vormittag leitet er einen Workshop. Etwa 40 junge Leute sitzen in der Sonne auf dem Campus-Rasen der Technischen Universität Berlin. Bichlbaum, der inzwischen hauptberuflich Design an der New School in New York unterrichtet, kniet in der Mitte. Er wolle von ihrer Arbeit erfahren, sagt er. Ein Student spricht über einen geplanten Studentenstreik, eine Polin lädt die Yes Men nach Warschau ein. Und ein schlaksiger Junge erklärt, wie er mit Freunden die Aktionärsversammlung einer Großbank stören will. Bichlbaum gibt Tipps: „Ihr dürft keine Angst davor haben, Leute vor den Kopf zu stoßen.“

Sein Tipp: selbst filmen

Eine junge Frau mit Rastalocken fragt nach seinen langfristigen Zielen, seinen Träumen. „Darüber möchte ich heute nicht sprechen“, antwortet er knapp und nimmt die nächste Frage entgegen. Nach dem Ende des Workshops wird er sagen, dass es nicht um ihn gehen sollte. „Und auch nicht um irgendwelche Zukunftsträume, sondern um konkrete Arbeit. Darum, was man jetzt tun kann.“

Während des Workshops fragt Bichlbaum immer wieder nach der Medienarbeit für die geplanten Aktionen. Oft hört er, darüber habe man noch nicht nachgedacht. Er blickt erstaunt. „Ihr könnt die Presse einladen – aber besser ist noch: Ihr macht eure eigene Presse.“ Vor allem müssten die Aktivisten alles filmen. „Dann könnt ihr über die Bilder bestimmen.“

Nach dem Workshop steht eine Handvoll Teilnehmer um Bichlbaum herum. Er tippt E-Mail-Adressen in seinen Organiser. Eine junge Frau sagt, sie wolle den Yes Men-Film für die Jugendarbeit nutzen. Sie habe schon ein paar Ideen. „Toll, lass uns die gleich mal ausarbeiten“, sagt Bichlbaum. Dann ziehen sie gemeinsam los. Ein neues Projekt.

Von den Situationisten zur Kommunikationsguerilla

1957 gründete sich die Situationistische Internationale. Diese Gruppe linker Künstler und Intellektueller um den Franzosen Guy Debord war vor allem in den sechziger Jahren aktiv. Die Situationisten forderten die Abschaffung der Ware und der Lohnarbeit. Sie wollten, dass das Leben selbst zur Kunst wird. Dafür beschäftigten sie sich auch mit den Massenmedien und deren Umdeutung. So veränderten sie etwa in Comics die Texte und durchsetzten sie mit situationistischen Ideen. Genauso veränderten sie bekannte Plakatmotive in ihrem Sinne. 1972 löste sich die Gruppe auf um nicht zu erstarren, wie es hieß.

Die Idee der Entfremdung von Situationen übernahm die deutsche Spaßguerilla im Umfeld der Berliner Kommune 1 von den Situationisten. Die Spaßguerilla wollte die herrschende Ordnung durch fantasievolle, lustige Aktionen aufbrechen. Dazu gehörten Fakes etwa gefälschte Behördenmitteilungen oder auch Tortenattentate auf Prominente.

Als Kommunikationsguerilla wiederum wird eine Form des Aktivismus bezeichnet, die gezielt falsche Informationen einsetzt, um bestehende Strukturen zu hinterfragen. Eine Methode, die auch die Yes Men oft benutzen, ist dabei die Überidentifikation: Im Namen einer Organisation werden übertriebene Forderungen veröffentlicht, welche die Ziele dieser Organisation karikieren und bloßstellen. jap

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09:40 04.06.2009

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