Jan Pfaff
09.11.2009 | 16:10

Ein bisschen Weltuntergang

Eventkritik In seinem neuen Film "2012" lässt Roland Emmerich wieder einmal die Welt untergehen. Bei der Europa-Premiere in Berlin lief man sich für die Apokalypse schon mal warm

Die Presse-Akkreditierung soll man im Gasthaus "Lindenbräu" abholen, steht auf der Einladung. Das "Lindenbräu" versucht dort etwas Gemütlichkeit zu verströmen, wo das neue Berlin am künstlichsten ist – im Sony-Center am Potsdamer Platz. Das Sony-Center ist ein großer Innenhof, umstellt von hohen Glasfassaden, alles ganz modern. Im "Lindenbräu" kann man dann als Berlin-Tourist mit dicken Bierkrügen vor dunkler Holztäfelung sitzen und aus dem Fenster auf die Glasfassaden schauen. Vor der Holztäfelung steht eine Schiefertafel. Darauf hat jemand mit Kreide geschrieben "2012", daneben "Presse". Oben drüber steht: "Wir waren gewarnt."

In seinem neuen Film 2012 lässt der schwäbische Hollywood-Regisseur Roland Emmerich wieder einmal die Welt untergehen. Diesmal aber nicht so halb wie in Independence Day oder The Day after Tomorrow, sondern richtig, mit gigantischen Erdbeben, die durch die Verschiebung der Erdplatten ausgelöst werden und Flutwellen, die selbst den Himalaya überschwemmen. Die Story ist simpel. Emmerich hat um den Fakt, dass der astronomische Kalender der Mayas im Jahr 2012 endet, eine Geschichte gesponnen, in der John Cusack einen erfolglosen Autor und Untergangspropheten spielt, der versucht, seine Familie über das Ende der Welt hinaus zu retten. Aber um die Story ging es bei Emmerich noch nie, es geht um den Schauwert der Katastrophenbilder. Ein "Kino des Spektakels" nannte die FAS den neuen Film.

Neben dem "Lindenbräu" wird an diesem Sonntagabend in einem großen Kino die Europa-Premiere von 2012 gefeiert. Davor liegt roter Teppich. Im Innenhof wurde zudem ein wenig Weltuntergangs-Interieur aufgebaut. Schiefe, graue Ebenen sollen die sich verschiebenden Erdplatten aus dem Film symbolisieren – und über eine Wand mit einem riesigen 2012-Logo strömt permanent Wasser, das an Flutwellen gemahnen soll. Ab und zu hallt durch den Hof ein Warnhorn als Erinnerung daran, dass jetzt nicht mehr viel Zeit bleibt. 

"Vanity Fair? Die gibt's nicht mehr"

Auf dem Podest für die Fernsehteams ist kein Platz mehr frei, dicht gedrängt stehen Kameramänner, Tontechniker und Reporter. Daneben gibt es eine Ecke für Radio-Journalisten. Direkt vorm Kinoeingang warten die Print-Leute. Die Frau von der Bunten hat einem Freund eine Akkreditierung besorgt, damit er ihr mal "bei der Arbeit zusehen kann". Er ist noch unsicher in seiner neuen Rolle.

"Was sage ich, wenn mich jemand fragt, für wen ich da bin?"

"Sag' irgendwas."

"Dann sag' ich, ich bin von Vanity Fair."

"Die gibt's nicht mehr."

"Ach so."

Die Frage, die an diesem Abend gefühlte tausend Mal gestellt wird, lautet: Was würde man tun, wenn man wüsste, dass 2012 tatsächlich Schluss wäre? Erst stellen Fernsehjournalisten sie den hinter der Absperrung wartenden Touristen und Teenagern, dann dürfen sie deutsche Schauspieler und Medienschaffende beantworten, die über den roten Teppich laufen, und zum Schluss Emmerich und sein Team.

Die Frau hinter der Absperrung "aus der Nähe von Karlsruhe" sagt, sie würde noch möglichst viel reisen.

Womöglich haben wir es doch verdient

Katja Flint läuft in einem goldglitzernden Rock über den roten Teppich und meint, sie würde sowieso versuchen, jeden Tag zu leben, als wäre es ihr letzter: "Das ist dann viel intensiver."

Oliver Kalkofe spricht in die Mikrofone, er würde sich am letzten Tag noch mal richtig durch "RTL und den ganzen anderen Quatsch zappen." Warum? "Man geht dann mit einem besseren Gefühl. Dann denkt man: Womöglich haben wir es doch verdient."

Dann rollen schwarze Limousinen vor den Pappmaché-Erdplatten und dem künstlichen Wasserfall vor. Teenager hinter der Absperrung kreischen, es klingt wie in einem großen Hallenbad. Die Fotografen brüllen, die Schauspieler sollen doch bitte schön mal in ihre Richtung lächeln. Schließlich steht Emmerich vor dem Kino-Eingang und beantwortet ein paar Fragen. Was fasziniert uns so am Weltuntergang?

"Dass es zu Ende geht."

Ähh, ja?

"Es ist eine sehr philosophische Frage. Wenn man so etwas weiß, sieht man das Leben auf einmal mit ganz anderen Augen."

Leichte Irritation auf Seiten des Reporters. Es ist also ein philosophischer Film?

Emmerich lächelt. "In gewisser Weise schon. Es gibt zwei Gruppen. Die einen, die es wissen – und die anderen, die es nicht wissen. Und es geht darum, was das mit einer Gesellschaft macht." Dann lächelt er noch mal und verschwindet.

John Cusack hat bereits in unzählige Fernsehkameras gesprochen, aber die Frau von der Bunten will ihn nicht einfach so ins Kino lassen. Also was würde er tun, wenn 2012 die Welt unterginge?

"Ab sofort keine Interviews mehr geben", sagt er und schaut sehr ernst.