Ey, Boss!

A-Z Springsteen Bruce Springsteen kommt mit der E Street Band nach Deutschland. Als einer der großen Geschichtenerzähler der USA wurde er oft falsch verstanden. Eine Hommage von A bis Z

Abrissbirne

In seinen Liedern vermesse er den Abstand zwischen dem amerikanischen Traum und der Realität, hat Bruce Springsteen einmal gesagt. Momentan ist der Abstand verdammt groß. Auf seinem im März erschienenen Album Wrecking Ball – die Abrissbirne – erzählt Springsteen Geschichten aus einem von Immobilienkrise und Rezession verheerten Amerika. Die Musik ist teils trotzig-fröhlich, die Texte sind umso düsterer und betont politisch. Da wird die Hometown nicht vom Krieg in Trümmer gelegt, sondern von Schrottkrediten und Spekulanten. Zugespitzt in der Klassenkampf-Formel: "The banker man grows fat/the working man grows thin." Dem entgegen setzt Springsteen ein trotziges "We take care of our own" all jener, die noch daran glauben, dass das Versprechen des amerikanischen Traums nicht mit Profitmaximierung verwechselt werden darf.

Bibel

Springsteen, geboren 1949 in New Jersey als Sohn einer Mutter mit italienischen Vorfahren und eines Vaters mit irischen Wurzeln, wurde streng katholisch erzogen. Auf einer Franziskaner-Schule lag er im Dauerstreit mit den Nonnen. Die religiöse Erziehung prägte seine Musik aber tief – nicht nur bei den Metaphern, die oft biblische Motive nutzen. Auch die Taten der Vergangenheit, die einen immer wieder einholen und in den Liedern eine wichtige Rolle spielen, verraten die katholische Herkunft.

Boss

In den Siebzigern bekam Spring­steen die Konzertgagen von den Veranstaltern noch bar ausgezahlt. Er teilte das Geld und gab den Bandmitgliedern ihren Anteil. Deshalb nannten sie ihn "Boss". Die Medien liebten den Spitznamen, die Fans nennen ihn oft "Bruce".

Clarence Clemons

Der "Big Man" prägte den Sound der E Street Band, mit der Springsteen seit 1972 auftritt. Clarence Clemons war groß, füllig und der einzige Schwarze unter weißen Rockern. Vor allem dominierte er aber mit seinen Saxophon-Soli viele Stücke. Springsteen widmete seinem Freund als einzigem Bandmitglied eine Textzeile: "And the Big Man joined the band." Clemons starb vergangenen Juli an einem Schlaganfall.

Dual-Use

Das Missverständnis, das Spring­steen seit seinem 1984 erschienenen Album Born in the U.S.A. begleitet, ist die Annahme, er sei ein Hurra-Patriot. Die Zeilen des Titelsongs sind als Kritik am Vietnamkrieg und am Umgang mit dessen Veteranen eigentlich eindeutig. Nur kamen viele Zuhörer beim Text von "Born in the U.S.A." nie über den hämmernden Refrain hinaus. Mit der verkürzten Rezeption hatte Springsteen selbst in Amerika zu kämpfen. Ronald Reagan wollte mit dem Lied 1984 Wahlkampf machen, bevor der bekennende Demokrat Springsteen (➝Obama) es ihm untersagte.

Für das Phänomen, dass der als Linker geltende Springsteen gern von republikanischen Politikern und superpatriotischen Pickup-Fahrern gehört wird, hat Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung den schönen Begriff "Dual-Use-Musik" gefunden. Der Vorwurf der Zweideutigkeit bleibt Springsteen auch erhalten. Bei der neuen Single "We take care of our own" (➝Abrissbirne) schrieben Kritiker, damit könne man genauso gut für die Occupy-Bewegung mobilisieren wie US-Soldaten irgendwo einmarschieren lassen.

Highway

In der amerikanischen Pop-Kultur ist wohl keine Metapher geläufiger als der Highway. Die Beat-Generation hat das ständige Unterwegssein von Küste zu Küste als Rausch gefeiert, David Lynch das nächtliche Fahren in Lost Highway als Reise in die Abgründe des Unbewussten stilisiert. Zwischen diesen Polen – der Sehnsucht nach Freiheit und dem Beängstigenden der endlosen Straße – changieren Springsteens Highway-Bilder. Bei ihm ist die Straße der Ort ewiger Maloche, wo der Mechaniker Tag für Tag an Autos rumschraubt, ohne selbst jemals vom Fleck zu kommen. Andererseits ist dem Highway natürlich immer das Versprechen auf einen neuen Anfang eingeschrieben.

Wie wäre es jetzt loszufahren, sich auf die Suche nach einem anderen, besseren Leben zu machen und erst anzuhalten, wenn man es gefunden hat? Was Springsteens Highway-Bilder dabei von jenen unterscheidet, die nur klischeehaft den American Way of Life beschwören, ist, dass zwischen den Zeilen immer das Bewusstsein durchklingt, dass man noch so weit fahren kann – am Ende kommt man doch wieder bei sich selbst an.

Loser

Jon Stewart, Kult-Moderator der US-Satiresendung The Daily Show, kommt wie Springsteen aus New Jersey. Allein deswegen habe er eine gewisse Springsteen-Expertise, meint Stewart. An dessen Songs schätze er besonders das Aufgehobensein in einem übergreifenden Zusammenhang: "Wenn du Bruce Springsteen hörst, fühlst du dich nicht mehr als Loser. Du fühlst dich, als wärst du ein Charakter in einem epischen Gedicht, das – nun ja – nur von Losern handelt."

Mainstream

Ein unsinniger Vorwurf, der Springsteen oft gemacht wird, ist jener, zu erfolgreich zu sein. Es sei übelste Mainstream-Musik, sagen die Springsteen-Hasser und spucken das M-Wort mehr aus, als dass sie es sprechen. Es ist ein seltsamer Vorwurf: Springsteen hat nie bestritten, dass seine Songs auf die Masse abzielen. Viele Refrains sind fürs große Stadion geschrieben. Springsteen aber weiß: Die größtmögliche Zahl erreichen zu wollen, ist einfach urdemokratisch. Wer sich von der Masse durch den Musikgeschmack abgrenzen will, strebt ja auch nur danach, sich als etwas Besseres zu fühlen.

Must-Have

Es gibt Platten, die hört man, wenn man sehr jung ist – und sie begleiten einen fortan. Seit Springsteens Debüt 1973 sind 17 Studioalben von ihm erschienen, aber wirklich unverzichtbar ist das Dreier-CD-Set Live/1975-85. Ich erinnere mich, wie mir Anfang der Neunziger ein Schulfreund die Box lieh. Ich war 16, vergrub mich in die Texte, hörte die CDs immer wieder und versuchte, die genuschelten Geschichten zu verstehen, die Springsteen in Song-Pausen erzählte. Da waren Rock, Politik, Familienzwist, Revolte, Davonlaufen, Neuanfänge, Utopien.

Oft verliert Musik an einem anderen Punkt im Leben die Bedeutung, die sie früher mal für einen hatte. Diese nicht.

Obama

Aus seiner politischen Überzeugung hat Springsteen nie einen Hehl gemacht (➝Dual-Use). Er spendet für verschiedene Gewerkschaften und tourte 2004 für den demokratischen Präsidentschaftsbewerber John Kerry. 2008 machte Springsteen dann voller Wut über acht Jahre Bush Wahlkampf für Barack Obama. Zur Amtseinführung spielte er mit Bürgerrechts-Folk-Ikone Pete Seeger "This Land is your Land" (➝Woody) vor dem Lincoln-Memorial. „Der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten saß an unserer Seite“, erzählte Springsteen später berührt. "Nach all den Rassenkonflikten, mit denen ich in den Sechzigern aufgewachsen war, schien es einfach unglaublich, dass dieser Tag nun tatsächlich Realität geworden war."

Storytelling

Wer Bruce Springsteen auf seine Musik reduziert, verpasst das Eigentliche. Die Musik mag für die Heavy Rotation im Radio geschrieben sein, aber seine Bedeutung bekommt er erst durchs Geschichtenerzählen. In den Konzertpausen zwischen Songs (➝Must-Have) und in den Texten der Lieder selbst. Für das Album Nebraska (1982) schuf er etwa zehn düstere Kurzgeschichten, die Raymond Carver zur Ehre gereicht hätten. Wie in "Reason to believe" erzählt Springsteen meist von Menschen, die die Schläge des Lebens hinnehmen – und immer weitermachen. Der Erzähler wundert sich existenzialistisch-aufgeklärt darüber, woher sie den Glauben dafür nehmen. Camus’ Sisyphos ist jedenfalls weit weg: Wir dürfen uns Springsteens Protagonisten oft nicht als glückliche Menschen vorstellen.

Style

Gut, er hat mit 62 Jahren noch einen Ring im Ohrläppchen, seltsame Ketten um den Hals und läuft auch nach 130 Millionen verkauften Platten rum, als komme er eben gerade von Montage – aber ist Springsteen mit seinem modischen Understatement in den Zeiten von Badelatschen-Männern wie Mark Zuckerberg nicht schon wieder Trendsetter? Zu großen Konzerten zieht er mal ein schwarzes Hemd an (oder für Foto-Shootings wie auf dem Bild von 1970 oben), aber ansonsten kultiviert er seinen Arbeiter-Look. Er habe immer doof ausgesehen, wenn er versucht habe, seine langweiligen Klamotten gegen etwas zu tauschen, dass "ein bisschen mehr flashy" sei, sagte er gerade dem Rolling Stone.

Vater

Viele Springsteen-Geschichten drehen sich um das Verhältnis von Vater und Sohn. Es geht darum, Erfahrungen weiterzugeben. Und es geht um erbitterte Streits. Springsteen beschreibt seinen Vater als schlecht gelaunt und immer wieder durch Arbeitslosigkeit frustriert. Er trank gern, wollte seinen Sohn aber zu eiserner Disziplin erziehen. Auf Live/1975-85 (➝Must-Have) erzählt Springsteen, wie er als Teenager mit langen Haaren ständig vom Vater zu hören bekam: "Ich kann es nicht erwarten, bis du in die Army kommst. Die Army wird einen Mann aus dir machen." Es war die Zeit des Vietnamkriegs. Vor der Musterung blieb der 18-Jährige 72 Stunden lang wach, um möglichst fertig zu wirken. Er wurde ausgemustert. Als er nach Hause kam, saß sein Vater in der Küche und fragte: "Was ist passiert?" "Sie haben mich nicht genommen." "Das ist gut." Drei Worte, die alles über die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn erzählen.

Woody

Für Springsteen ist die Sache klar: Der Folk-Song "This Land is your Land" von Woody Guthrie ist "eines der schönsten Lieder, die je über Amerika geschrieben wurden". Woody Guthrie, überzeugter Sozialist, der dieses Jahr seinen 100. Geburstag gefeiert hätte, schrieb das Lied 1940 als Kritik an Irvin Berlins Patriotismuskitsch-Hymne "God bless America". Guthries Protestsong findet sich heute auch in den Geschichtsbüchern vieler Highschools. Allerdings werden dort meist zwei Strophen weggelassen, die als "zu sozialistisch" gelten. Seine große Wiederentdeckung erlebte der Song in den Sechzigern mit der Folk- und Bürgerrechtsbewegung. Springsteen singt "This Land is your Land" gern in seinen Konzerten – in der langen Fassung.

Zukunft

"Ich habe die Zukunft des Rock’n’Roll gesehen, ihr Name ist Bruce Spring­steen", schrieb der Kritiker Jon Landau 1974. Der Satz pappte Springsteen lang an. Aber der kennt sich aus mit Vergänglichkeit und wusste, auch das geht vorbei. Everything dies, baby, that’s a fact.

Bruce Springsteen und die E Street Band spielen am 25. Mai in Frankfurt, am 27. Mai in Köln und am 30. Mai in Berlin. Alle drei Konzerte sind bereits ausverkauft.

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18:00 25.05.2012

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