An die Westdeutschen

Brief 25 Jahre Mauerfall: Wir brauchen euch, ihr braucht uns nicht
Jana Hensel | Ausgabe 45/2014 224

In der vergangenen Woche schrieb einer von euch: „Man muss es einfach mal ganz deutlich sagen: Wir Westdeutschen hatten das bessere Land. Wir hatten ein Land, das besser war als die DDR vor der Wiedervereinigung, und wir hatten ein Land, das besser war als das, in dem wir heute leben. Ihr, liebe Ostdeutsche, habt es uns genommen. Dafür könnt ihr nichts. Aber hin und wieder etwas mehr Demut wäre ganz schön gewesen.“ Es war der Literaturkritiker Christoph Schröder und Zeit Online hat den Text, sicherlich als Beitrag zum nahenden 25. Jahrestag des Mauerfalls, veröffentlicht. Ich kenne Christoph Schröder, ich finde ihn eigentlich ganz nett, auch wenn ich mit seinen literarischen Urteilen nicht immer übereinstimme und wir auch zum Thema Feminismus wohl verschiedene Ansichten haben. Aber das finde ich nicht weiter beunruhigend, das passiert mir schließlich nicht nur mit ihm.

Ich will ehrlich sein. Mich hat dieser Text traurig gemacht, ich hatte einen Kloß im Hals, als ich ihn las, er liegt mir seither schwer im Magen. Weniger weil das, was Christoph Schröder schrieb, besonders neu oder wahnsinnig originell war, sondern vielmehr, weil es mir sehr bekannt vorkam. Ich weiß, ihr haltet das für übertrieben, aber ich glaube, dass das, was er schrieb, zwar wenige so zugespitzt sagen oder schreiben würden, dass viele von euch das aber so oder so ähnlich denken.

Es vergeht kaum eine Woche, in der ihr nicht irgendeinen Witz auf unsere Kosten macht; ihr hofft dabei, wir fänden das auch lustig, weil man ja schließlich über sich selbst lachen können muss. Wenn Angela Merkel etwas falsch macht, nennt ihr sie die FDJlerin; Joachim Gauck haltet ihr für einen aus der Zeit gefallenen mecklenburgischen Pastor, vor dessen Protestantismus ihr warnen zu müssen glaubt. Ihr sehnt euch eher nach Helmut Kohl, auch wenn ihr das dann freilich nur ironisch gemeint haben wollt. Wenn ihr mal einen Ausflug in die ostdeutsche Provinz macht, dann postet ihr auf Facebook Bilder von billigen Kneipen, hässlichen Menschen und Schildern in schlechtem Deutsch und lacht euch darüber schlapp. So ein kehliges, höhnisches Lachen ist das. München ist für euch das bessere Berlin. Unseren Krippen und Kindergärten misstraut ihr; unser zwölfjähriges Turbo-Abitur, wie ihr es nennt, haltet ihr für einen großen Fehler und würdet es gern so schnell wie möglich wieder abschaffen. Neulich nannte die Süddeutsche Marzahn „das gewalttätige Hartz-IV-Ghetto“, obwohl die Kriminalitätsrate dort unter dem Berliner Durchschnitt liegt. Aber egal, das sind so unwichtige Details.

Ihr mögt uns nicht mehr besonders. Wir gehen euch auf die Nerven, denn wir sind nicht so geworden, wie ihr gehofft hattet. Wir sollten so werden wie ihr, damit ihr so bleiben konntet, wie ihr wart. Die deutsche Teilung war für euch nicht länger ein Ergebnis der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, sondern etwas, womit ihr nichts mehr zu tun haben wolltet. Ihr wart doch längst zu Europäern geworden und dann haben wir euch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, auf die so verhasste deutsche Scholle. Wir sollten nach dem Mauerfall verschwinden, so schnell wie wir gekommen waren, und uns in euch und mit euch in Wohlgefallen auflösen. Ich habe das auch gedacht, ich dachte auch, die Zeit heilt alle Wunden. Aber unsere Wunden sind tief, eure übrigens genauso wie unsere.

Und nun sind wir eher so geblieben, wie wir waren, und haben heute ein Selbstbewusstsein, das wahrscheinlich größer ist als je zuvor in den vergangenen 25 Jahren. Auch dank Angela Merkel und Joachim Gauck, dank dem zwölfjährigen Abitur und unserer Kinderbetreuung. Und selbst von jenen, die damals noch kleine Kinder waren, empfinden sich heute noch viele als Ostdeutsche; und sie sagen das fast lauter, als ihre Eltern es je gesagt haben. Ihr haltet das für übertrieben. Und auch wenn ihr noch nicht ganz aufgegeben habt, uns zu verstehen, so gelangt eure Geduld mit uns doch immer mehr an ein Ende. Wir bringen euch einfach nicht jenen Respekt entgegen, den ihr im Gegenzug für all das Geld, das ihr uns gegeben habt, erwartet hattet. Aber habt ihr einmal überlegt, warum viele von euch Amerika nicht mögen?

Der Ton wird wieder rauer, die Friktionen größer und die Erzählungen gehen wieder auseinander, mehr noch, sie werden ganz absichtsvoll eher voneinander weg als aufeinander zu erzählt. Auf beiden Seiten. Bloß nicht sein wie der andere!

Wir machen es genauso. Ich weiß nicht, ob ihr wisst, dass wir oft zusammensitzen und über euch reden. Aber wahrscheinlich könnt ihr euch das denken. Seit Jahren geht das schon so und ich habe das Gefühl, unsere Ansichten über euch werden immer unversöhnlicher und radikaler. Ihr kommt bei solchen Gesprächen selten gut weg. Wir machen dann Witze über euch und finden die lustig. Wir halten euch für selbstbezogen, intolerant und oberflächlich; wir finden, euch umgibt eine bleierne Langeweile, weil ihr keine echten Konflikte, sondern nichts als Wohlstand kennt und nichts erlebt habt. Wir glauben, für euch gelten nichts als eure eigenen Maßstäbe und deshalb erklärt ihr fast überall, wo ihr hinkommt, den anderen, wie ihr es machen würdet. Denn so wie ihr es machen würdet, wäre es eigentlich richtig. Auch halten wir euch für unemanzipiert, Männer wie Frauen übrigens gleichermaßen; und wir finden, dass ihr beim Sex verkrampft seid. Nein, das war ein Witz, das denken wir nicht. Nein, das war kein Witz, das denken wir wirklich.

Zwischen euren Witzen über uns und unseren Witzen über euch gibt es nur einen Unterschied: Wir brauchen euch, und ihr braucht uns nicht. Wir sind wenige, und ihr seid viele. Wir reden nächtelang über euch, und ihr redet eigentlich nicht über uns. Ihr habt das Geld und wir haben es nicht. Ihr seid unsere Vermieter und wir wohnen in euren Wohnungen. Ihr gebt uns die Jobs und wir arbeiten für euch. Ihr trefft die Entscheidungen und wir führen sie aus. Ihr sagt, was ihr denkt, und wir sagen nicht, was wir denken. Ihr habt euer Land verloren, wir haben unser Land verloren. Wir haben zusammen noch kein neues gefunden. Ich würde gern sagen können, Westdeutsche sind mir egal. Aber so ein Satz könnte mich jenes Leben kosten, das ich gern führen möchte. Wenn ihr sagen würdet, Ostdeutsche sind mir egal, würde es nichts bedeuten.

06:00 08.11.2014
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