Der Krieg in uns

Bücher Katja Petrowskaja, Marci Shore und Ines Geipel versuchen, das osteuropäische 20. Jahrhundert zu erzählen
Jana Hensel | Ausgabe 11/2014

An dieses Nichtwissen kann ich mich noch gut erinnern. Auch in der DDR wurde unaufhörlich von der Vergangenheit geredet, ohne dass man daraus schlau geworden wäre. Ohne, dass man das Gefühl hatte, diese Vergangenheit hätte etwas mit einem selbst zu tun. Katja Petrowskaja schreibt in ihrem Debüt Vielleicht Esther, wie sie in einem Kiewer Stadtviertel in den siebziger und achtziger Jahren aufwuchs, das nach dem Krieg errichtet worden war. An diesem Ort, an dem nichts stattgefunden hatte, weil nichts stattfinden konnte, wurde sie, wie ich auch, in der Erinnerung an die Millionen, freilich antifaschistischen, Opfer erzogen. Niemand und nichts sollte vergessen werden.

„Diese Zeile schloss man ins Herz“, schreibt Petrowskaja, „sie ersetzte die Erinnerung im ganzen Land, man entging ihr nicht, denn sie wurde zur Prophezeiung, mit ihrer offenen Wahrheit und den versteckten Lügen, man rief uns dazu auf, niemanden und nichts zu vergessen, damit wir vergaßen, wer und was vergessen war.“ Wenn man jedoch wie Petrowskaja aus einer jüdischen Familie stammt, dann bedeutet dieses Nichtwissen etwas anderes. Das Nichts sind die eigenen Toten und die stehen im Zentrum der eigenen Existenz.

Es liegt auf der Hand: Das diktatorische 20. Jahrhundert war in Westeuropa mehr oder weniger mit dem Jahr 1945 vorbei, in Osteuropa aber dauerte es mindestens bis 1989. Das hat natürlich mit jenen offenen Wahrheiten und den versteckten Lügen zu tun. Es ist daher sicher kein Zufall, dass jetzt drei Bücher von Autorinnen erscheinen, die dieses osteuropäische 20. Jahrhundert zu erzählen versuchen.

Gegen das Nichtwissen

Sie sind damit freilich nicht die ersten. Aber keinen Text gibt es zweimal, und jeder schreibt seinen eigenen und jeweils andere weiter. „Im Osteuropa des 20. Jahrhunderts war das Tragische heimisch“, schreibt Marci Shore in ihrem Buch Der Geschmack von Asche. „Ich denke jeden Tag an den Krieg“, heißt es bei Katja Petrowskaja. Und bei Ines Geipel wiederum in Generation Mauer: „Abwesendes, Schweigen, Schuldgefühle. Es ist die Fugenmasse für die Innenräume der Nachkriegsfamilien in Ost und West.“ Die drei Bücher ähneln sich, aber wiederholen sich nicht. Sie erzählen von der gleichen historischen Erfahrung aus verschiedenen Perspektiven. Sie schreiben gegen dieses Nichtwissen an, jedes auf seine Art.

Da ist Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, die 1999 der Liebe wegen nach Berlin kommt und sich dann später auf die literarische Suche nach ihrer Familie macht. Eine Familie, über die sie nichts als ein paar Namen weiß. Die Amerikanerin Marci Shore, 1972 geboren, lehrt als Historikerin in Yale. Sie bricht nach dem Mauerfall ebenfalls nach Osteuropa auf und sucht dort, so der Untertitel, nach dem Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa. Auch Marci Shore ist Jüdin. Und da ist die 1960 in Dresden geborene Ines Geipel. Sie hat, äußerlich zumindest, ein Generationenbuch geschrieben, das sich jenen widmet, die heute um die 50 sind und in deren Lebensmitte die Mauer gefallen ist.

Alle drei legen dabei Erstaunliches zutage. Und wenngleich das nicht von unterschiedlicher Qualität ist, so doch von unterschiedlicher Dimension. Sagen wir es in aller Bescheidenheit: Katja Petrowskajas Roman ist ein Solitär, ein überwältigendes Buch. Ein Geschenk. Es reißt den Himmel Osteuropas auf und zeigt, was bisher unsichtbar dahinter lag. Vielleicht Esther beginnt bereits im Jahr 1846. Petrowskaja nimmt die wenigen Überlebenden ihrer Familie, Kinder und Kindeskinder der Überlebenden und der Toten von Pogromen, des Stalinismus und des Holocaust, und folgt deren jeweiliger Geschichte rückwärts bis zu den Urgroßeltern nach Polen, Russland, Österreich und in die Ukraine.

Ein jeder von ihnen bekommt so weit seine Geschichte zurück, wie Katja Petrowskaja sie zu rekonstruieren und erzählen vermochte. Einmal: „Ich litt immer wieder an dieser manchmal schneidend scharfen, manchmal wermutherben Einsamkeit, und ich dachte, es komme nur daher, dass mir etwas fehlte. Der üppige Traum von einer großen Familie an einem langem Tisch verfolgte mich mit der Beständigkeit eines Rituals.“ Das Überwältigende: Katja Petrowskaja schreibt das auf Deutsch. Ausgerechnet. Kein deutsches Deutsch. Ein russisches, durch das man die Fremde liest, ein jüdisches, durch das mindestens 150 Jahre Vergangenheit scheinen. Ein leichtes und helles, melancholisches und trauriges Deutsch. Nicht auszudenken, wie lang der Weg zu diesem Buch gewesen sein muss.

Eine schöne Hoffnung

Auch Marci Shore ist für Der Geschmack von Asche durch die Tschechische Republik, die Slowakei, Polen und Rumänien gereist, hat in Prag, der tschechischen Provinz und in Warschau gelebt, weil sie „eine Geschichte mit gutem Ende hören wollte“. Eine schöne Hoffnung. Schließlich waren nach 1989 mit Václav Havel und Lech Wałęsa nun zwei ehemalige Dissidenten zu Präsidenten geworden, einer davon sogar ein Dichter. Aber kann die Geschichte Osteuropas wirklich gut ausgehen? Jetzt schon.

Je länger Marci Shore unterwegs ist, je mehr Menschen – Dissidenten und Regimetreue, Künstler und Politiker, Juden und Christen, Kommunisten und Nichtkommunisten, Alte und Junge – sie spricht, desto mehr wird ihr bewusst, dass ihre Seelen schwer zu tragen haben, dass die Vergangenheit in der Gegenwart weiterlebt. „Das Leben der Osteuropäer nach dem Kommunismus offenbart die Allgegenwart von Schuld und die Unmöglichkeit, einen Schlussstrich zu ziehen“, schreibt sie. Einmal fragt eine tschechische Dissidentin, ob aus Stalinisten wirklich Demokraten werden können.

Marci Shore hat ein Geschichtsbuch der anderen Art geschrieben. Ein unakademisches, wenn man so will, weil es auch aus einem Nichtwissen heraus entwickelt wird, persönliche Schicksale eng an den historischen Entwicklungen entlang erzählt werden. Das Erstaunlichste: Shore tut das aus einer jüdischen Perspektive und füllt damit eine große Leerstelle. Von sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden stammte ja der überwiegende Teil aus Osteuropa, allein drei Millionen aus Polen. Wie notwendig diese Perspektive ist, sieht man an jenen Büchern, in denen sie fehlt. Im selben Verlag wie Shore ist zeitgleich von Joachim Bahlcke eine Geschichte Tschechiens. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart erschienen. Darin kommen Juden und jüdisches Leben so gut wie nicht vor. Kein Franz Kafka, kein Egon Erwin Kisch, kein Max Brod. Nichts.

Wie aber passt Generation Mauer von Ines Geipel hier hinein? Nun, in einem rauen, wunden und sezierenden Ton wird, wie gesagt, die Generation der heute 50-Jährigen beschrieben. Das Zentrum des Buches aber bildet eigentlich Geipels eigene Familiengeschichte. Sie legt den Grundton fest. Es ist eine deutsche Geschichte: Geipels Großvater war im Reichskommissariat in Riga angestellt, wurde später Landesoberinspektor, wohnte in einer großen Wohnung, die einst Juden gehörte, wurde Mitglied der SS. Geipels Vater studierte Musik, leitete dann den Dresdner Pionierpalast, wurde schließlich Mitarbeiter der Staatssicherheit und arbeitete 15 Jahre verdeckt im Ausland. „Er kann das Heute nicht sehen, weil das Morgen ihn braucht. Es geht um alles oder nichts“, heißt es über ihn.

„Es ist nicht so einfach, über Dinge wie diese zu schreiben. Über die Akkuratesse der Leere, der Brutalität, der Dumpfheit, in der wir lebten. Über das spezielle Angstsystem in diesem 40 Jahre währenden Einschluss“, schreibt Geipel an einer Stelle. Auch sie spricht mit vielen Menschen, folgt den Verläufen verschiedener Biographien. Das Überraschendste: In vielen nimmt sie Ungelebtes, Ungesagtes, Verdrängtes und Verschorftes wahr. Das mag manchmal übertrieben klingen. Dafür aber, dass sie so schonungslos mit sich umgeht, dass sie diese langen Linien zieht und konsequent auf das von anderen Verschwiegene zielt, muss man ihr dankbar sein.

Das Buch von Ines Geipel ist in gewisser Weise eine Antwortbuch auf die Fragen, mit denen Marci Shore ihre Reise begann. Sie beendet, wie Katja Petrowskaja auch, das Nichtwissen. Und zeigt, auf welche Art die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts weitergelebt haben. Und wahrscheinlich noch eine Weile weiterleben werden.

Vielleicht Esther Katja Petrowskaja Suhrkamp 2014, 286 S., 19,95 €

Der Geschmack von Asche Marci Shore C.H. Beck 2014, 376 S., 26,95 €

Generation Mauer Ines Geipel Klett-Cotta 2014, 275 S., 19,95 €

 

06:00 14.03.2014
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