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Ehrung Merkel bekommt die Freiheitsmedaille des amerikanischen Präsidenten verliehen – als erste Frau und ostdeutsche Kanzlerin. Weiter kann man im Leben eigentlich nicht kommen

Der amerikanische Traum geht bekanntlich so: Man fängt in einem Diner an, die Teller zu spülen, kurze Zeit später gehört einem der Laden, dann die übrigen in der Straße, schließlich die in der ganzen Stadt. Das ist so einfach wie verlockend. Schade ist nur, dass man am Ende des langen und wahrscheinlich mühsamen Weges genau dort angekommen ist, wo alle anderen auch schon sind. Hat man es geschafft, ist man einer von vielen. Eigentlich ist der amerikanische Traum nichts anderes als der kleinste gemeinsame Nenner. Eine Blackbox, ein Hollywood-Film, ein Madonna-Song, Marlboro-Werbung. Etwas, das es eigentlich nicht gibt, weil die Dinge so einfach nicht sind.

Wieviel Anderssein verträgt die Macht?

Angela Merkel hat ihren amerikanischen Traum, ihren Way of Life, trotzdem schon oft erzählt. In großen Zeitungsinterviews, in denen sie auch einmal persönlich wird. Vor Wahlen oder als Gast auf dem Kirchentag sowieso. Oder auch als sie vor ein paar Jahren in Meck-Pomm mit George W. Bush Spare-Ribs gegrillt hat. Bush Jr. hat sie dafür auf der Stelle ganz fest in sein Herz geschlossen, und Barack Obama, sein Nachfolger, hat diese Liebe irgendwie geerbt, auch wenn beide noch nicht zu einem richtigen Umgang gefunden haben. Wenn sie nun am Dienstag im Rosengarten des Weißen Hauses die Freiheitsmedaille des Präsidenten verliehen bekommt, eine von drei höchsten zivilen Ehrungen Amerikas, dann ist das der vorläufige Endpunkt einer Geschichte, die 1989 einmal klein angefangen hat, und die nun, wie Barack Obama es in einer kurzen Laudatio bereits sagte, "zu einer Inspiration" geworden ist. Für die ganze Welt versteht sich. Merkel ist damit erst die zweite Deutsche, der nach Helmut Kohl diese Ehre zuteil wird.

Die Parallelen zwischen Merkel und Obama liegenauf der Hand. Beide waren nicht Teil des Establishments, sondern haben sich als Außenseiter bis ganz an die Spitze durchgekämpft. Dort der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten, hier die erste Frau und Ostdeutsche als Bundeskanzlerin des wiedervereinigten Landes. Zwei faszinierende Biographien, zweifellos. Und doch bleibt die Frage, wieviel Anderssein Macht eigentlich verträgt? Hier wie dort.

Barack Obama hat seinen Wahlkampf im Sommer 2008 streng mit seinem eigenen Werdegang verknüpft. Er hat sich demonstrativ zu einem anderen gemacht und seine minoritäre Geschichte zu einer Erzählung aller werden lassen. Nicht zuletzt damit hat er auch Hillary Clinton, seine damalige Konkurrentin und Mitbewerberin um das Präsidentenamt, besiegt. Ihr eisiges Schweigen darüber, dass sie eine Frau ist, war einfach nicht mehr zeitgemäß. Denn in Amerika gilt wahrscheinlich noch mehr als hier: Im Zweifel ist die Summe der anderen größer als die derer, die sich als gleich empfinden. Angela Merkels Aufstieg innerhalb der CDU war ein anderer. Sie hat sich weder für die Sache der Frau, noch die der Ostdeutschen eingesetzt. Zwar hat sie auch als Quotenfrau – damals hieß die Stellenbeschreibung dieses Job noch "Kohls Mädchen" – begonnen, aber damit hatte sich die Sache schon erledigt. Die Quittung hierfür bekam sie prompt: Als sie 2005 zur Bundestagswahl antrat, haben die meisten Ostdeutschen sie – wahrscheinlich demonstrativ – nicht gewählt. Auch wenn viele von denen trotzdem irgendwie stolz auf sie waren.

Die richtige Frau am richtigen Ort

Und so bleibt es kurios, dass Angela Merkel den Freiheitsorden ausdrücklich "für ihr Engagement für Freiheit und Bürgerrechte zu Zeiten der Wende" bekommt. Denn damals war sie keinesfalls eine Protagonistin, sondern, wie im CDU-Spendenskandal übrigens auch, eigentlich nur die richtige Frau am richtigen Ort. Glaubt man ihrem Biographen Gerd Langguth, dann verhielt es sich am Abend des Mauerfalls sogar so, dass die junge Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften, die sie damals noch war, völlig ungeachtet der äußeren Ereignisse in die Sauna ging, weil sie das am Donnerstagabend eben immer so tat.

Aber vielleicht ist daran zu erinnern ein wenig kleinlich. Wahrscheinlich nehmen die weltgeschichtlichen Dinge immer so einen Lauf, wenn das ganz große Rad gedreht wird. Auch, dass es um die Sache der Ostdeutschen recht schlecht bestellt ist, dass die Lebensverhältnisse in Ost und West in der Ära Merkel eher wieder auseinandergefallen sind, statt sich anzugleichen, wird wahrscheinlich in Washington nicht zur Sprache kommen. Aber eines hat Angela Merkel wie keine andere Ostdeutsche, wie kein anderer Ostdeutscher geschafft: Es ist ihr gelungen, mit der Macht in ein positives Verhältnis zu treten – während die meisten anderen, vor allem Politiker, wieder in jene Nische zurückgekehrt sind, aus der sie 1989 einmal ausgebrochen waren. Dafür kann man mit gutem Gewissen auch eine Freiheitsmedaille bekommen.

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17:50 06.06.2011
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Ausgabe 39/2020

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