Ich & Ich

Regent Klaus Wowereit ist zu seiner eigenen Marke geworden. An ihm kommt in Berlin niemand mehr vorbei, nicht einmal Renate Künast. Wie konnte das geschehen?

„Der Regierende“, wie Klaus Wowereit von seinen Mitarbeitern kurz und klar genannt wird, hat an diesem Sonntagmorgen ziemlich gute Laune. Und er will, dass die anderen das sehen. Auf einem Bauernhof in Lübars im Norden Berlins hat die SPD ein Familienfest organisiert, und der Regierende, den viele hier wahrscheinlich nur aus dem Fernsehen kennen, lässt es sich nicht nehmen, von Stand zu Stand zu gehen und sich alles genau erklären zu lassen. Wirklich alles, mit einer fast erschreckender Ausdauer tut er das und erfährt so, dass der Verband der hiesigen Kleingärtner – Wowereit nennt sie im Scherz „die Macht“ – ausgerechnet mal keine Sorgen hat. Auch gut.

Zwischendurch gibt er Autogramme wie ein Popstar, posiert mit Omas und Kleinkindern gleichermaßen vor Handykameras und lässt sich von jedem anfassen. Das kann nicht jeder, diese dauernde Antatscherei muss man abkönnen. Aber bei Klaus Wowereit sieht es so aus, als würde ihm das sogar Spaß machen. Haben jene, die ihn als einen kalten Instinktpolitiker und Intriganten beschreiben, dem das Wort „danke“ nie über die Lippen kommen soll, wirklich recht? Ist der 57-Jährige Jurist aus Berlin-Lichtenrade nur jener begnadete Schauspieler, als den sie ihn gern bezeichnen?

Adrenalinstoß für die Wahl?

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, also der Wahlkampf, läuft für ihn jedenfalls nach Plan. Drei Wochen vor der Abstimmung hat sich die Stimmung gedreht. Kaum jemand erinnert sich noch daran, dass zu Beginn des Jahres vieles auf ein hartes Duell zwischen ihm und Renate Künast, der Spitzenkandidatin der Grünen, hingedeutet hatte. Dass Wowereit nach zehn Jahren geräuschloser, aber wohl effizienter rot-roter Koalition ziemlich amtsmüde wirkte. Heute liegt der Regierende mehr als zehn Umfragepunkte vor der ehemaligen Bundesministerin für Verbraucherschutz, und es wird bereits geunkt, dass ihre Nominierung ein Fehler gewesen wäre.

In der Tat, seit sie ihre Kandidatur bekannt gab, verlieren die Grünen in der Hauptstadt an Boden. Und Klaus Wowereit kann fast siegessicher feststellen: „Die Grünen haben alles über den Erfolg gestellt. Aber viele Berliner sehen Renate Künast nicht als Bürgermeisterin.“ Worin aber besteht Wowis Geheimnis? Hat er überhaupt eines, oder profitiert er nur von den Schwächen seiner Gegner? Alles in allem: Wie lautet das Prinzip Wowereit?

Im Gegensatz zu ihm liegt Renate Künast die Verstellung nicht. Ähnlich wie bei Angela Merkel sieht man ihrem Gesicht, ihrer Körperhaltung stets an, wie es ihr geht. Das muss man unbedingt für unverstellt halten, auch für gradlinig. Oft aber wirkt es auch sehr spröde. Politische Inhalte lassen sich von den Menschen, die für sie einstehen, nicht trennen. Wer das glaubt, ignoriert die Spielregeln des politischen Betriebes. Es ist wie jedes andere Geschäft, das nach Käufern sucht, auch auf Oberflächen angewiesen. Und gerade weil die beiden prominentesten Kontrahenten so unterschiedlich sind, wird die Macht der Oberfläche im hiesigen Wahlkampf besonders augenscheinlich. Gut möglich, dass die Berliner sich auch künftig von der SPD regieren lassen wollen, einfach weil Klaus Wowereit sympathischer wirkt.

Beim Leserforum der Berliner Zeitung jedenfalls zappelt Renate, wie sie sich selbst auf den Wahlplakaten nennt, auf dem Stuhl herum. Die 53-Jährige verschränkt die Arme, wenn sie nicht weiß, worauf die Frage des Moderators abzielt. Vor den Sponsoren des Fußballvereins 1. FC Union kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Wenn sie zum Gegenschlag ausholen will, reibt sie sich noch einmal derb mit dem Zeigefinger unter der Nase, als hätte sie dort einen Schnauzer. Wie der Polizist Dimpfelmoser aus Räuber Hotzenplotz.

Über Renate Künast zu lästern, das ist inzwischen ein Sport, den alle im Wahlkampf hinter vorgehaltener Hand betreiben, egal aus welchem politischen Lager. Auch Volker Ratzmann, der Berliner Fraktionsvorsitzende der Grünen, wirkt gequält, wenn er nach einem Satz über seine Spitzenkandidatin sucht. „Sie war ein Adrenalinstoß für den Wahlkampf“, sagt er dann.

Warum Renate überhaupt zur Wahl angetreten ist, lässt sich im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Natürlich, wie gesagt, als sie im November 2010 ihre Kandidatur bekannt gab, lagen die Grünen in den Umfragen vor der SPD. Damals sah es so aus, als ließe sich die Hauptstadt wie von allein und über Nacht erobern. Inzwischen aber hat sich der Fukushima-Effekt ein wenig abgenutzt. Und für Klaus Wowereit ist klar, dass die Grünen jetzt an ihre Grenzen stoßen werden: „Die Grünen haben in einem Anflug von Größenwahn gedacht, sie könnten überall zulegen. In Berlin wird nun klar, dass sie die SPD nicht einfach überflügeln können. Das ist ein wichtiges Signal für die Sozialdemokraten.“

Man kann es nur mit dem Übermut jener Tage erklären, dass Renate Künast damals mit der Option einer grün-schwarzen Koalition ins Rennen um das Rote Rathaus ging. Man muss wissen, dass die Berliner CDU mit der von Angela Merkel nicht viel zu tun hat. Sie ist provinziell, spießig, wenig liberal, alles in allem ziemlich weit rechts der Mitte. Die Hauptstadt mit einer solchen Koalitionsidee zum Versuchslabor für bundespolitische Strategien zu machen, – Angela Merkel tut ja manchmal so, als hielte sie die Grünen für einen nächsten möglichen Regierungspartner –, diese Idee hat in Berlin nicht gezündet.

Nun versuchen die Grünen zu retten, was zu retten ist. Aber es sieht ein wenig nach Zickzack aus, wenn Volker Ratzmann jetzt sagt: „Wir haben die größten Schnittmengen mit der SPD.“ Und auf die anderen zeigt: „Die Gefahr, dass Wowereit mit den Christdemokraten regieren wird, ist um ein vielfaches höher.“ Die Grünen-Wähler dürfte das allenfalls noch mehr verunsichern.

Aber offensichtlich haben die Grünen begriffen, was Wowereit schon immer wusste. Berlin tickt anders. Die Stadt ist eigen, sie verträgt es schlecht, wenn Politiker hier allzu ambitioniert auftreten. Hinzukommt, dass zwischen einer CDU-Hochburg wie Spandau und Friedrichshain, in der vor fünf Jahren 26,6 Prozent die Grünen gewählt haben, Welten liegen. Das mag im Ländle anders sein. Die Berliner wünschen sich, glaubt man den Umfragen, eher Rot-Grün. Das war bei der letzten Wahl auch schon so.

Leiser Kampf um Hegemonie

Eines ist überraschend: Renate Künast, geboren in Recklinghausen, lebt seit 35 Jahren in Berlin. Sie saß einst sogar im Abgeordnetenhaus, wie eine Berlinerin indes wirkt sie nicht. Warum, das kann man schwer sagen. Es ist nur ein Gefühl, aber eines, das von ihren eigenartig gestanzten Sätzen immer wieder genährt wird. Sie sagt: „Ich will Berlin bewegen.“ Und: „Berlin ist die spannendste Metropole der Welt.“ Oder: „Ich will, dass Berlin zur Mitsprachestadt wird.“ Und noch: „Berlin macht zu wenig aus sich.“ Konkreter wird sie leider selten. Und so spielt sie den Ball ein weiteres Mal in das Feld von Klaus Wowereit.

Knapp die Hälfte der rund 3,5 Millionen zählenden Berliner wurde nach dem Mauerfall ausgetauscht. Die Hausmacht der Ur-Berliner jedoch darf man nicht unterschätzen. Im Zweifelsfall darf sogar angenommen werden, dass sie sich mit ihrer Stadt stärker verbunden fühlen als die Zugezogenen. Sie kämpfen auf ihre Art um die Hegemonie, wenn auch eher leise und zäh, eher auf dem Bürgersteig und in den Kneipen als in den Zeitungen und Restaurants von Mitte. Dort haben die Neuen das Sagen.

Einer wie Klaus Wowereit, das sieht man auf dem Familienfest in Lübars sehr genau, ist für die Ur-Berliner einer von ihnen. Na logo! Da kiekste! Ick sach dir! Wowereit selbst jedenfalls setzt seinen Dialekt sehr gekonnt ein, wenn er mit den Omas aus Reinickendorf flirtet. Diese Klaviatur will gespielt sein: einerseits sein kleinbürgerliches Milieu verlassen, es bis ins Rote Rathaus beziehungsweise die Talkshow schaffen, andererseits bei den einfachen Leuten nicht als Verräter empfunden zu werden, keinen Sozialneid hervorzurufen. Auch das schafft der Regierende. Wowereit wirkt nicht wie ein Aufsteiger, der seine Seele verkauft hat, obwohl ihn politisch von Gerhard Schröder nicht viel unterscheidet. Gegen die Agenda 2010 war er auf jeden Fall nicht. Überhaupt dürfen Zweifel daran geäußert werden, wie links der Mann eigentlich ist. Einen gewissen Zynismus, der ihm eigen ist, hat er gut im Griff. Man merkt ihn nur, wenn man genau hinhört. Von wegen: arm, aber sexy.

Renate erscheint dagegen wie eine, die immer gegen Widerstände kämpft. Wenn sie erzählt, dass sie aus einem Milieu stammt, in der es für ein Mädchen nicht vorgesehen war zu studieren, dann stößt es den Leuten eher auf. So genau will man es nicht wissen. Schließlich bemüht sie sich um ein Amt, in der sie die Vorstellungen der Mehrheit repräsentieren soll, statt diese dauernd zu hinterfragen. Es geht um Repräsentanz, um eine Stimme für viele, nicht um einen Emanzipationskampf für sich selbst. Auch wenn das gar nicht feministisch klingt.

In Berlin steht Klaus Wowereit für das umgekehrte Obama-Prinzip: Während Barack Obama bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen gezeigt hat, dass die Summe der einzelnen gesellschaftlichen Teile größer sein kann als die jener, die sich als Mehrheit empfinden, so gilt es in Berlin vielmehr, bei allen Unterschieden der einzelnen sozialen Gruppen und Bewohner – Ost und West, Arm und Reich, Immigranten und Deutsche, Innenstadt und Vororte, Neu- und Altberliner – den kleinsten gemeinsamen Nenner für sie zu finden. Eine wirkliche Majorität beheimatet die Hauptstadt nicht. Das klingt einfach, ist es aber nicht, und es ist im Kern politischer als es scheinen mag. Es hat etwas mit Versöhnung zu tun und mit Toleranz.

Vielleicht ahnt Wowereit das. Dass er sich bereits zweimal für die Linken als Koalitionspartner entschied, hat ihm politisch jedenfalls anders als Matthias Platzeck in Brandenburg nicht geschadet. Der Regierende hat die Stadt zumindest auf diesem Flügel befriedet. Und er weiß, was er an den Linken hat: ein fleißiger Arbeiter wie der Wirtschaftssenator Harald Wolf stiehlt ihm nicht die Show, er drängt sich nicht in den Vordergrund. Und so hat eines Wowereit mit Sicherheit geschafft: Sein Name steht als Synonym für Berliner Politik. Wowereit ist längst zu einem brand, zu einer Marke geworden. Wofür: für sich selbst. Für: an der Macht bleiben. Für: keiner neben mir. Für: ich glaube nur an mich selbst.

Senat als Suppentopf

Der Regierende hat dabei zu nutzen gewusst, dass es zur Wirklichkeit dieser Stadt gehört, dass jedes politische Milieu von einem anderen neutralisiert werden kann. Der Senat gleicht einem großen Suppentopf, in dem alles landet und hinterher einmal kräftig umgerührt wird. Pankow, Köpenick, Treptow, Lichtenberg, Marzahn und Hellersdorf haben vor fünf Jahren zu großen Teilen die Linke gewählt; Charlottenburg, Wilmersdorf, Tempelhof, Schöneberg, Neukölln und Reinickendorf die CDU; und Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg die Grünen. Sie alle müssen sich damit abfinden, hinterher gar nicht oder nur zum Teil in der Regierung zu sein. Politisch betrachtet ist Berlin so etwas wie Deutschland en miniature.

Die Berliner Parteien wiederum, allen voran Klaus Wowereit, haben aus dieser Situation gelernt. Sie wissen, dass man, wenn man regieren will, in dieser Stadt mit nahezu jeder anderen demokratischen Kraft zusammenarbeiten muss. Ein zu eng definierter politischer Auftrag könnte dabei hinderlich sein. Denn auch das ist wahr: Selbst wenn die SPD die Umfragen anführt – rein rechnerisch sind im Moment vier Koalitionen möglich: Rot-Rot, Rot-Grün, Rot-Schwarz, Grün-Schwarz. Und Wowereit ist jede Option zuzutrauen. Die Berliner Wahl, sie bleibt bis hinein in die Koalitionsgespräche offen. Niemand kann heute sagen, wer am Ende auf der Regierungsbank sitzt.

Bisher haben die verschiedenen Lager ihre Neutralisierung mit Fassung getragen. Nun aber, wo die Stadt boomt, wie die Linke es auf ihren Wahlplakaten annonciert, oder sie sich zumindest, wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau, in einem steten Aufwärtstrend befindet, ist anzunehmen, dass die Verteilungskämpfe zunehmen werden. Im Wahlkampf ist das nur am Rande ein Thema.

Dass die Zahl der Arbeitssuchenden trotz guter Konjunktur im vergangenen Jahr um 0,4 Prozent anstieg, während sie bundesweit um 7,8 Prozent zurückging; dass die Mieten gerade in den Innenstadtbezirken ständig steigen und ärmere Einkommensschichten gerade aus kleinen Wohnungen verdrängt werden; dass die boomende Tourismus-Industrie zwar angeblich 250.000 neue Jobs schafft, viele davon aber im Niedriglohnsektor liegen und ohne soziale Absicherung sind; dass Berlin eine der deutschlandweit höchsten Schulabbrecherquoten hat, das Durchschnittsalter der hiesigen Lehrer bei 50,6 Jahren liegt und die bildungsnahe Mittelschicht ihre Kinder immer mehr auf Privatschulen schickt; dass gerade im Öffentlichen Beschäftigungssektor als einem Lieblingsprojekt der Linken bisher nur 7.500 der versprochenen 10.000 Stellen existieren und deren Auswirkungen auf den ersten Arbeitsmarkt eher bezweifelt werden können – über all das wird schon bald wieder zu reden sein. Auch wenn es im Moment so erscheint, als seien die anderen Kandidaten, die brennenden Autos und die zu hohen Parkgebühren Themen, die die Stadt bewegen.

Kann Wowi am Ende sogar Kanzler? Im Willy-Brandt-Haus beobachtet der linke SPD-Flügel mit Zufriedenheit den Berliner Gang der Dinge. Die Suche nach einem geeigneten Kanzlerkandidaten wird sich nach einem Sieg Wowereits wieder offener gestalten lassen. Sein Name steht dann wieder mit auf der Liste, auch wenn er selbst natürlich abwehrt: „Ich schalte mich in keine Kanzler-Debatte ein. Solche Debatten kommen immer zur Unzeit.“ Intern aber hofft man, dass die mediale Konjunktur von Peer Steinbrück einen Dämpfer erhält. Sein Name verknüpft sich für viele zu sehr mit der Agenda 2010.

Bis zur nächsten Bundestagswahl aber sind es noch zwei Jahre. Das ist viel Zeit, im immer kurzlebiger werdenden Politikgeschäft allemal. Wenn Klaus Wowereit in der nächsten Legislatur wieder in den alten Trott zurückfällt und man erneut den Eindruck gewinnt, einem amtsmüden Regierenden bei der Arbeit zuzusehen, dürfte sich die Sache mit der Kanzlerschaft erledigt haben. Andererseits aber könnte sie für Wowereit Ansporn sein. Denn: Berlin verstehen, wie es auf den SPD-Wahlplakaten überall heißt, ist ein großes Ziel. Der Regierende wird sich daran messen lassen müssen. Ob er mehr kann, als nur er selbst zu sein. Es wird auch Zeit.

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07:00 01.09.2011
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Ausgabe 42/2021

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