Mir nach, Leute!

Dritte Welle Den Feminismus als doof, uncool und überflüssig zu beschimpfen, gilt wieder als schick. Ist das eine Reaktion auf die Erfolge dieser Bewegung? Eine Bestandsaufnahme
Jana Hensel | Ausgabe 17/2015 7

Vor Wochen schrieb Andreas Rosenfelder in der Welt am Sonntag einen Text mit dem Titel „Sorry, aber der Feminismus ist mir komplett egal“. Darin stand, dass alle Debatten um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ihm „im tiefsten Herzen völlig gleichgültig“ seien und nichts als „grenzenlose Langeweile“ bei ihm auslösen. Dieser Text hat mich erst wütend gemacht und dann traurig.

Ich musste mir eingestehen, dass er mich als Frau verletzte, weil er mich diskriminierte. Intellektuell und politisch, persönlich und menschlich. Der Autor sagt zwar nicht direkt, aber irgendwie doch unüberhörbar, so Leute wie ich sollten lieber die Klappe halten. Feministinnen werden zwar geduldet, sind aber nicht erwünscht. Dabei kenne ich Andreas Rosenfelder ein bisschen. Ich finde ihn einen interessanten Journalisten. Ich war sogar zu seiner Hochzeit eingeladen und erinnere mich an ein tolles Fest. Er hielt da eine schöne Rede. Hätte er mich lieber nicht dabei gehabt?

In jüngster Zeit fühlen sich gehäuft Journalisten und Journalistinnen, Buchautoren und Buchautorinnen, Blogger, Politiker sowie Leute auf Facebook und Twitter herausgefordert zu schreiben, dass sie Feminismus uncool, doof, übertrieben oder schlicht für überflüssig halten. Die Welt am Sonntag hat sogar eine ganze Reihe mit Texten wie „Warum mich der Feminismus anekelt“ gemacht. Radikale Positionen sollten da vertreten werden. Radikal feministische fielen den Kollegen leider nicht ein, nur sehr antifeministische.

Eindeutige Zahlen

Immer wieder wird dem Feminismus die Existenzberechtigung komplett abgesprochen, obwohl doch alle möglichen Zahlen beweisen, dass Frauen gegenüber Männern in diesem Land ziemlich benachteiligt sind: Frauen verdienen hier im Schnitt 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Für denselben Job bekommen sie rund sieben Prozent weniger; Männer besitzen durchschnittlich 33.000 Euro mehr Vermögen als die Frau, mit der sie zusammenleben. Zwar sind 51 Prozent aller Hochschulabsolventen Frauen, aber nur ein Drittel von ihnen bekleidet später eine Führungsposition. Nur jeder dritte Vater nimmt Elternzeit, und von diesen Vätern bleiben auch 80 Prozent nur zwei Monate zu Hause. Alleinerziehende Mütter sind fünf Mal häufiger von Armut bedroht als solche, die in einer Partnerschaft leben und so weiter.

Warum fällt es trotzdem vielen so schwer, sich Frauen gegenüber solidarisch zu zeigen? Ganz im Gegenteil sogar: Warum lassen sie sich für ihre frauenfeindlichen Ansichten feiern? Und warum bringt man dafür so viel Verständnis auf?

Ich will es noch einmal klar sagen: Der Feminismus der vergangenen 15 Jahre ist trotz allem eine unfassbare Erfolgsgeschichte, eine große und wichtige Bewegung. Ich will ihn in Ermangelung eines besseren Namens den Feminismus des 21. Jahrhunderts nennen. Er fand als Update jenes 70er-Jahre-Feminismus nicht nur in Deutschland, sondern praktisch in der gesamten westlichen Welt aus einem einfachen Grund statt: Nie zuvor hatten so viele Frauen eine Universität besucht.

Jana Hensel war von April 2012 bis Dezember 2014 stellvertretende Chefredakteurin des Freitag, Mitarbeit: Katja Kullmann

Foto: Daniel Seiffert

Nun haben Frauen noch einmal, und wie mir scheint grundlegender und breiter als vor 30 Jahren, gelernt, über sich und ihr Leben, über ihre Wünsche, Ansprüche und Vorhaben zu sprechen. Sie sind bewusster und selbstbewusster, mutiger und zuversichtlicher geworden. Aus all dem haben sie Forderungen nach Mitbestimmung, Repräsentation, Quote und Gleichstellung abgeleitet. Es haben sich Institutionen gegründet, wurden Gesetze wie zuletzt die Quotenregelung in Aufsichtsräten geschaffen. An den Universitäten wird viel zum Thema Gender gelehrt und geforscht. Frauen können heute bis auf Papst und Fußballbundestrainer theoretisch alles werden. Bundeskanzlerin sowieso.

Ich sage übrigens mit Absicht Bewegung, weil ich weiß, dass wir in Deutschland mit so etwas Probleme haben. Viele glauben noch immer, dass der Feminismus des 21. Jahrhunderts, der ja ohne eine eindeutige Protagonistin, ohne Straßenkrawalle und ohne ein markantes historisches Ereignis vonstattengeht, keine sei. Anders aber ist der Werte- und Sinneswandel, der damit einhergeht und dem man überall begegnet, nicht zu erklären.

Und so fallen mir sofort eine Menge Frauen ein, die zu diesem Thema hier in Deutschland bereits kluge Dinge gesagt und publiziert haben. Oder wie es eine Veteranin der neuen Bewegung formuliert: „Der Feminismus ist zu einem Betrieb geworden.“ Was also sagen die klugen Frauen aus dem Feminismus-Betrieb? „Der Mainstream denkt längst feministisch“, sagt Annette Bruhns von Pro Quote. Ihre Initiative, die eine verbindliche Frauenquote von 30 Prozent für alle Führungsebenen in den Medienhäusern der Republik fordert, nennt sie eine „riesige Erfolgsgeschichte“.

„Der Kreis derer, die sich im Internet zu Feminismus äußern, hat sich unglaublich ausgedehnt“, konstatiert Kübra Gümüsay, eine der bekanntesten Bloggerinnen in Deutschland. „Tausende sprechen da mittlerweile mit“, sagt sie. „Feminismus wird wieder relevant und für das bestehende System als ‚bedrohlich’ empfunden“, schreibt die Politologin und Bloggerin Antje Schrupp.

Ich schicke auch der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig von der SPD ein paar Fragen. Schließlich kämpft sie an vorderster Front um gesetzlichen Frauenquoten und bessere Vereinbarkeit von Beruf und Kindern. Sie antwortet, dass sie drei Wellen des Feminismus sieht: Die erste kämpfte um Bürgerrechte wie das Wahlrecht für Frauen, die zweite habe Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert. Und, schreibt Manuela Schwesig: „Der neue Feminismus will, dass die erkämpften Rechte im Gesetz jetzt auch Lebenswirklichkeit werden.“

Von allen Frauen, die ich zum Stand der Dinge befrage, ist Teresa Bücker die skeptischste. Sie ist Herausgeberin des feministischen Online-Magazins Edition F und eines der bekanntesten Gesichter des neuen Feminismus. Sie sagt: „In den vergangenen zehn Jahren ist nicht wirklich viel passiert. Der Feminismus ist noch immer ein schlechtes Label.“

Der Feminismus des 21. Jahrhundert hat also das Bewusstsein fundamental verändert, das Sein allerdings noch unzureichend, wie die Zahlen und die Skepsis von Bücker zeigen. Aber noch einmal zurück zu den Angriffen, zu diesen Der-Feminismus-ekelt-mich-an-Statements, deren aktuellste Version von der jungen Autorin Ronja von Rönne stammt. Diese Angriffe sind ja als Phänomen interessant, weil sich die Autorinnen weiterhin selbst mit einer Pose von Sexyness ausstatten. Woher kommt das? „Das sind die letzten Abwehrkämpfe“, meint Annette Bruhns. Und Antje Schrupp schreibt: „In den Redaktionen sitzen und bestimmen überwiegend alte weiße Männer, die ihre Hegemonie davonschwimmen sehen. Deshalb fördern sie junge Frauen, die ihnen glaubhaft versichern, dass von ihnen keine Gefahr droht. Feminismuskritische Artikel zu schreiben, ist also ein guter Weg, in Redaktionen nach oben zu kommen, und es gibt Frauen, die sich das zunutze machen.“

Offenbar gelten Privilegien und Koalitionen mit Männern noch immer als attraktiver als Solidarität zu Frauen. Solche Verbindungen scheinen nämlich Einfluss zu garantieren, und viele glauben, je weiter sie sich von vermeintlichen Opfern entfernt positionieren, desto näher könnten sie an solche Machtzentren herangelangen. Der Impuls jedoch, und darauf will ich eigentlich hinaus, ist im Kern trotzdem ein emanzipatorischer. Denn er setzt auf Begriffe wie Stärke, Unabhängigkeit und Individualität.

Auch wenn es paradox klingt: Es scheint vielen Frauen Individualität zu versprechen, sich dem Feminismus zu verweigern. Denn dieser Individualismus garantiert ihnen, ein funkelndes Einzelwesen zu sein und kein hässliches Massentier. Dahinter versteckt sich ein Freiheitsgedanke. Feminismus aber bedeutet Individualität plus Solidarität. Und Solidarität sollte einem als denkender Mensch eigentlich sehr wichtig sein. Vorschreiben kann man das aber niemandem. Oder anders: Individualität geht natürlich leichter als Solidarität. In der neoliberal geprägten Gesellschaft sowieso.

Auch Annette Bruhns von Pro Quote gesteht ein, dass die „Förderung von Frauen irre anstrengend“ ist, schließlich geht es um nicht weniger, als fest geschlossene Strukturen aufzubrechen. Und niemand lässt sich gern seine als selbstverständlich betrachteten oder als eigene Leistung gefeierten Privilegien wegnehmen. Und doch, ja, die Strukturen ändern sich erst, wenn auch Männer den Frauen ihre Solidarität nicht länger verweigern. Bei allen Fortschritten: „Wenn es um Macht, Geld und Einfluss geht, treffen Frauen immer noch auf erheblichen Widerstand“, schreibt Manuela Schwesig. Sie betont aber auch, dass viele junge Männer sich heute mehr gelebte Gleichberechtigung wünschen würden.

Kübra Gümüsay hat die letzten Jahre in Großbritannien gelebt, sie erzählt, dass es dort viele Männer gibt, die kein Problem damit haben, sich als Feministen zu bezeichnen. In Deutschland kann man die noch mit der Lupe suchen. Kaum einer der hier mächtigen Männer übt offen Sympathie für oder Solidarität mit Frauen.

Und so sagt Annette Bruhns dann: „Wir von Pro Quote haben Giovanni di Lorenzo viel zu verdanken – aber die Zeit umgekehrt auch uns.“ Im März 2012 hatte sich der Zeit-Chefredakteur verpflichtet, bis zum Jahr 2017 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Mittlerweile, wie eine interaktive Graphik auf pro-quote.de zeigt, ist die Zeit schon über diese Marke hinaus. Die Bild liegt knapp dahinter, der Spiegel steht nun bei knapp 20 Prozent. Eine Dynamik, die die Spiegel-Frau Bruhns als irre bezeichnet. Schlusslicht in diesem Ranking bildet ausgerechnet die Welt, jene Zeitung also, in der gerade all die antifeministischen Texte erschienen sind.

Die Akademikerinnen

Die Medien bilden in dieser Debatte freilich nur einen kleinen Ausschnitt, der im Moment aber eben eine zum Teil hohe Veränderungsbereitschaft aufweist, weil auch Männer einen Veränderungsbedarf erkannt haben. Oder anders gesagt: Einige Medienhäuser zeigen, wie viel man in wenigen Jahren schaffen kann, wenn man nur will. Auch die Deutsche Telekom, die sich 2010 als erstes DAX-Unternehmen zu einer solchen Quote verpflichtete, hat den Anteil bis zum Dezember 2014 bereits auf 25 Prozent gesteigert. Natürlich hat auch recht, wer sagt, dass diese Entwicklung bisher nur den besserverdienenden Akademikerinnen zugute kommt. Es klingt bitter, ist aber im Moment leider noch so: Im neuen Feminismus gibt es Gewinnerinnen und Verliererinnen. Das darf nicht so bleiben.

Aber trotzdem scheint mir, dass es darauf nun ankommt: Die Bewegung des Feminismus des 21. Jahrhunderts braucht die Männer. Ihre Solidarität, ihre Unterstützung, nicht versteckt, sondern offen. Umso fataler ist so ein Text wie der von Andreas Rosenfelder, immerhin Kulturchef von Welt und Welt am Sonntag.

Teresa Bücker sagt: „Ich vermisse männliche Stimmen. Wir führen diese Debatten nur unter Frauen, Männer halten sich bequem heraus.“ Und das, obwohl viele der neueren Feministinnen immer wieder betonen, dass sie sich als partnerschaftliche Aktivistinnen verstehen, nicht gegen die Männer agieren wollen. Die Männer selbst allerdings hat das in der Mehrzahl noch nicht erreicht. Eher im Gegenteil, sie verschanzen sich, geben sich lieber unsicher als progressiv und lieben die Selbstinszenierung als bedrohte Spezies. Der pessimistischen Einschätzung von Teresa Bücker, dass sich noch nicht viel getan habe, lässt sich daher trotz der Erfolge nicht wirklich widersprechen.

Vor ein paar Wochen hat Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, ein Foto von sich und ihrem Mann gepostet. Unnötig zu sagen, dass beide darauf glücklich aussehen. Als sie ihn vor 15 Jahren kennenlernte, wurden sie auf Anhieb sehr gute Freunde, „best of friends“, schreibt sie. Er sei der erste Mann gewesen, der ihr das Internet gezeigt habe. Also ein Typ, der auftaucht, wenn man mitten im Umzugsstress ist und mit anpackt. Ein Mann, der ihr immer das Gefühl gegeben habe, zu Hause zu sein. Als sie dann geheiratet haben, hielt er, was er versprach: „Er ist ein 50/50-Partner zu Hause und ein fürsorglicher Vater. Die beste Entscheidung, die eine Frau treffen kann, ist so einen Partner fürs Leben zu haben.“ Ich glaube, Sheryl Sandberg hat recht. Wir brauchen diese 50/50-Partner-Männer in der Liebe – und im Büro.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien in der Print-Ausgabe des Freitag vom 23. April 2015. Am 1. Mai 2015 verunglückte der Mann von Sheryl Sandberg bei einem Sportunfall tödlich.

06:00 03.06.2015
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 7

Dieser Kommentar wurde versteckt