Jana Hensel
18.11.2011 | 07:00 22

Wo die braven Leute wohnen

Ein deutscher Bezirk Warum hassen alle den Prenzlauer Berg? Am einstigen Sehnsuchtsort der Berliner Republik ist die Vision der Wiedervereinigung an ein Ende gekommen

Es ist ein Dauerthema. Eines, das eigentlich alle nervt. Seit ein paar Jahren nun schon vergeht kaum ein Monat, mittlerweile kaum eine Woche, in der nicht in irgendeiner Zeitung über den Prenzlauer Berg hergezogen wird. Das Berliner Stadtmagazin Zitty beispielsweise titelte: „Die Familie in Prenzlauer Berg. Anatomie eines Feindbildes.“ Man kann es nicht mehr hören. Fast täglich muss man sich darüber unterhalten, überall in Deutschland. Jeder scheint eine Meinung zu diesem Stadtbezirk zu haben, egal, woher er kommt. Und meist ist es eine schlechte. Nur ältere und uncoole Leute finden den Prenzlauer Berg schön oder würden das zugeben. Es ist ein Phänomen.

Ein Beispiel: Unlängst gab Rainald Grebe in der Berliner Waldbühne ein Konzert. Grebe, das ist dieser Sänger und Schauspieler, der gern Lieder über Gentrifizierung macht und auch eins geschrieben hat, das – als spräche es für sich – „Prenzlauer Berg“ heißt. „Voll auf Litschi und Holunder, vom Himmel fällt Holzspielzeug und ein Satz Faber-Castell, die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell“, heißt es unter anderem darin.

Bevor Grebe also zu singen anhob, fragte er noch einmal ins Publikum, ob hier jemand aus dem Prenzlauer Berg sei? Eine Kollegin, die das Konzert besuchte, hob – todesmutig, wie man im Nachhinein sagen könnte – die Hand. Mit ihr zusammen tat das noch genau eine andere Frau. Eine einzige! Und die ganze Waldbühne begann daraufhin, die beiden auszubuhen. Natürlich wohnt auch Rainald Grebe selbst im Prenzlauer Berg. Wo sonst?

Wer aber einmal für einen Moment zurücktritt, kann sich auch fragen: Warum hassen eigentlich alle den Prenzlauer Berg? Was hat dieser knapp 11 Quadratkilometer große Stadtteil, in dem rund 150.000 Menschen wohnen, an sich, dass er zwar wie kein anderer zu einem Synonym für die Gegenwart Deutschlands geworden ist, seine Bewohner aber gleichzeitig so viel Antipathie und Häme hervorrufen.

Horrorkabinett der Projektionsfiguren

Heißt das, dass wir unsere Gegenwart verachten? Schämen die Deutschen sich gar, weil die Erzählung vom Aufbruch und der Suche nach dem guten Leben, für das der Prenzlauer Berg frühe­­­­­­­­­r stand, nicht so fortgeschrieben wurde, wie sie es sich nach der Wende vorgestellt haben?

In diesem Hass jedenfalls geht es nicht allein um den Prenzlauer Berg oder um Berlin. Es geht um Deutschland. Schließlich gab es keinen anderen Ort, an dem die Menschen aus Ost und West in den Jahren nach dem Mauerfall derart aufeinandertrafen. Der Prenzlauer Berg sollte Modell, Versuchslabor und Zukunftswerkstatt in einem sein. Aber was ist nun aus diesem Bezirk, aus uns, aus dem wiedervereinigten Deutschland geworden?

Vor ein paar Wochen ist das Buch von Anja Maier Lassen Sie mich durch. Ich bin Mutter erschienen. Nachdem die taz davon einen Vorabdruck unter dem Titel „Die Weiber denken, sie wären besser“ veröffentlicht hat – Mütter werden darin als Rinder bezeichnet, die Euter tragen –, waren binnen Stunden dazu mehrere Hundert Kommentare online zu lesen.

Viele dieser Einträge gehen weit über die gewohnte und in vielen Foren verbreitete Pöbelei hinaus. „Is das genial. Endlich mal ein fetter Tritt in Richtung dieses dumm-penetranten Ego-Mutti-Kults. Ich betrete schon kein Café mehr, in dem diese dummen Euter rumhängen“, heißt es da. Oder: „liebe pberg-wessi-besser-menschen – ihr kotzt verdammt viele alte ostberliner echt an. ja, war ne dumme idee, die mauer einzureissen.“ Mehr ist dazu und zu diesem Buch nicht zu sagen. Maier bedient die üblichen Stereotype und Neidreflexe, man kann gar nicht sagen, ob ihr Text eher menschenverachtend oder eher frauenfeindlich ist. Wahrscheinlich beides.

Die Latte-Macchiato-Mutter ist ja nur eine dieser Figuren, die man sich für das Prenzlauer-Berg-Bashing erfunden hat. Außerdem gibt es noch: den Elternzeit-Papa mit seinen Yoga-Kindern, die Schwaben, die Bionade-Spießer und manchmal auch die digitale Boheme, auch wenn die häufig in Mitte rumsitzt. Sie alle verbindet, so heißt es immer wieder, dass sie gleichsam auf dem Kollwitzplatz wohnen und die autochthonen Bewohner des Kiezes vertrieben haben; dass sie gut verdienen, obwohl sie den ganzen Tag im Café verbringen; dass sie ihre Kinder falsch, weil mit zu viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt erziehen; dass sie Grün wählen, beinahe ausschließlich im Biomarkt einkaufen und einen Volvo fahren. Kurzum: dass sie ihr Leben für das Beste aller möglichen halten.

Wer widerspricht, hat schon verloren

Wer heute zwischen 30 und 50 Jahre alt ist, kann sich nun aussuchen, welcher dieser Entwürfe, welche dieser Projektionsfiguren ihm selbst am nächsten kommt. Und wehe jedem, der denkt, er sei eigentlich ganz anders. Allein bei diesem Gedanken hat man sich bereits entlarvt. Denn alle diese sogenannten Latte-Macchiato-Mütter, Elternzeit-Väter und Bionade-Spießer glauben ja schließlich auch, ganz anders zu sein. Oder besser gesagt: Sie sind einst in die Fremde, in die Großstadt aufgebrochen, um zu beweisen, dass sie eigentlich anders sind.

Kehrt man an dieses „einst“ als Ausgangspunkt zurück, erscheint das Prenzlauer-Berg-Bashing als das, was es im Kern ist: Es ist der vorläufige Endpunkt einer Erzählung, die einmal als eine der Emanzipation begonnen hat. Als ein Aufbruch, der heute in Desillusionierung umgeschlagen ist. Oder eben in Hass.

Überraschenderweise begann dieser Aufbruch nicht erst, wie viele glauben, nach dem Mauerfall. Im Gegenteil: Der Bezirk war ja bereits in den achtziger Jahren ein Mythos. Schon damals versammelte sich hier die zahlenmäßig eher kleine, aber symbolträchtige Boheme der DDR. Sie brach leere Wohnungen auf und besetzte sie; sie eröffnete illegale Cafés, Galerien, Clubs und begrünte Hinterhöfe. Die „normalen Bewohner“ indes flüchteten, wenn sie konnten, nach Pankow, Marzahn oder Hellersdorf. Sie erfüllten sich ihren Traum von einer Wohnung mit Zentralheizung und Innen-Toilette. Wer wollte es ihnen verübeln. Im Nachhinein aber muss man sagen, dass bereits diese DDR-Boheme eine Art Vorläufer jenes Phänomens gewesen ist, das wir heute als Gentrifizierung bezeichnen.

Diese beiden Entwicklungen erfuhren in den Jahren nach dem Mauerfall eine Beschleunigung: Nun zogen auch noch jene aus dem Prenzlauer Berg ins Grüne oder an den Stadtrand, die bisher ausgeharrt hatten. Die Sache mit der Vertreibung der angestammten Bevölkerung jedenfalls entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Übertreibung. Burkhard Kleinert, der 15 Jahre lang Kommunalpolitiker im Prenzlauer Berg war und den Bezirk seit den Siebzigern kennt, sagt: „Ich kenne kaum jemanden, der wirklich von hier vertrieben worden ist.“ Die meisten gingen aus anderen Gründen.

Während Hunderttausende Ostdeutsche im übrigen Land auf der Suche nach Arbeit gen Westen zogen, kamen im Gegenzug viele Westdeutsche in den Prenzlauer Berg. Man könnte sie als die erste Generation bezeichnen. Sie kamen, weil sie mit dem Mythos des Prenzlauer Bergs sympathisierten; weil sie diese Nische, die für eine Gegenwelt stand, in die im Entstehen begriffene Berliner Republik hinüberretten wollten.

Ganz so, wie es eine Figur aus der Puppenbühne „Das Helmi“ vom Helmholtzplatz sagt: „1992 bin ich aus Frankfurt am Main hierher gezogen und habe mit meinen anderen Jungs aus Westdeutschland versucht, eine neue Welt aufzubauen. Hier in Ostdeutschland haben wir Raum und Platz gefunden. Wir wollten eine neue Welt, eine neue Vision. Und was ist daraus geworden: Scheiße.“

Vereinfacht gesagt, bestand diese erste Generation also aus Westdeutschen, die leere Wohnungen besetzen, aber noch nicht besitzen wollten. Sie sollten später von ihren eigenen Leuten, quasi der zweiten westdeutschen Generation, überrollt werden.

Was nun folgt, liest sich trocken und hat mit einem Mythos, einer Vision gar, nicht mehr viel zu tun. Im Gegenteil: Die Idee dieser neuen Vision wurde von der Politik schon begraben, bevor sie überhaupt geboren war. Denn bereits der Einigungsvertrag aus dem Jahr 1990 sah mit dem „Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen“ und der darin enthaltenen Regelung „Rückgabe vor Entschädigung“ vor, Immobilien an jene Alteigentümer zurückzugeben, die sie vor 1945 besessen hatten. Einige von denen wohnten im Westen. Und viele Ostdeutsche, die nun über Nacht zu Eigentümern wurden, haben ihre Immobilien anschließend weiterverkauft, weil ihnen oft schlicht die Mittel zur Sanierung fehlten. So wurde der Prenzlauer Berg mithilfe staatlicher Subventionen und Steuerabschreibungsmodelle zum größten innerstädtischen Sanierungsgebiet Europas.

Zwar konnte dadurch das größte Gründerzeit-Quartier Deutschlands vor dem Verfall gerettet werden, andererseits aber hat sich das Primat der Ökonomie knallhart durchgesetzt. Ein gewaltiger Vermögenstransfer von Ost nach West fand statt, dessen Auswirkungen man heute sehen kann: Mehr als zwei Drittel der Einwohner des Prenzlauer Berges sind ausgetauscht worden, gleichzeitig hat sich die Bevölkerung immer stärker homogenisiert.

Der Feuilletonist Gustav Seibt beschreibt das für sein Haus so: „Erst allmählich vollzog sich dann der Austausch der Bevölkerung, der in meinem Haus klischeegetreu stattfand: junge Familien aus der westdeutschen Provinz mit Kindern ersetzten Ost-Rentner, Studenten und Wohngemeinschaften. Inzwischen bin ich als freier ­Autor ein komischer Vogel in dem 20-Parteien-Haus, der vor allem durch die viele Bücherpost auffällt und dadurch, dass er oft noch am Vormittag im Schlafanzug angetroffen wird (weil ich meistens gleich nach dem Aufstehen schreibe, ohne mich anzuziehen).“

Was aus den sozialen Zielen der Sanierung wurde

Knapp die Hälfte der Bewohner ist heute zwischen 25 und 45 Jahre alt, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung lediglich rund 27 Prozent ausmacht. In der Gegend um den Kollwitzplatz liegt das Einkommen um 45 Prozent über dem Berliner Durchschnitt. Drei Viertel der dortigen Einwohnerschaft sind Akademiker. „Die sozialen Ziele der Sanierung sind verfehlt worden“, stellt Burkhard Kleinert ernüchtert fest. „Die Politik hat es nach Meinung vieler nicht geschafft, ihr selbst gesetztes Ziel einer sozialen Durchmischung zu erreichen“, sagt Philipp Schwörbel, der Herausgeber der Prenzlauer-Berg-Nachrichten, einer lokalen Online-Zeitung.

Insofern steht die Geschichte des Prenzlauer Bergs einerseits stellvertretend für die des wiedervereinigten Deutschland. Und doch ist sie anders. Das, was man hier beobachten kann, ist zwar die Verdichtung einer Entwicklung, die im Osten allerorten stattgefunden hat, dort aber größtenteils die Ostdeutschen allein betraf. Fronten und Verläufe und Konflikte sind in Leipzig oder Dresden viel schwerer auszumachen, weil sie viel weniger sichtbar sind. Gentrifizierung findet in diesen Städten meist ohne Reichtum statt, und die zugezogenen Westdeutschen sind eindeutig in der Unterzahl. Auch Philipp Schwörbel, der ursprünglich aus Hamburg stammt, ist sich sicher: „Das Ost-West-Thema ist hier noch lange nicht durch. Die Probleme des Prenzlauer Bergs sind im Kern Ost-West-Konflikte.“

Zuschreibungen wie Ost und West sind im Prenzlauer Berg dabei weniger eine Sache der Herkunft als eine der Gesinnung. Man wählt sie sich frei. Und so schießen die Konflikte wild durcheinander. „An jeder Ecke eine Bürgerinitiative“, erzählt Schwörbel.

Einfache Frontverläufe gibt es nicht, eher Gemengelagen: Ost-Mütter wie Anja Maier hacken auf West-Mütter ein. Kinderlose auf Familien. In der Kastanienallee kämpfen die Westdeutschen der ersten Generation gegen die der zweiten, weil sie nicht wollen, dass die Bürgersteige verengt werden und dass überhaupt der seit ein paar Jahren anhaltende Enturbanisierungs-Trend fortgesetzt wird. Anwohner klagen gegen Club-Besitzer. Rainald Grebe beschimpft sich selbst. Wer jüngst sogar Plakate gegen die Schwaben geklebt hat, weiß kein Mensch, man vermutet Links-Autonome. Im Quartier Kolle-Belle streiten Mieter mit DDR-Mietverträgen gegen den Immobilienbesitzer aus Westdeutschland. Und in einigen wenigen, meist sehr verrauchten Kneipen sitzen noch ein paar ehemalige DDR-Oppositionelle herum – aber die haben sich mit ihrer politischen Marginalisierung längst abgefunden. Sie sind wahrscheinlich die einzigen, die nicht mehr kämpfen.

Ansonsten aber gilt: alle gegen alle. Ein jeder gibt dem anderen die Schuld. Aber wofür eigentlich?

Als Ingeborg Bachmann in der ersten Hälfte der sechziger Jahre nach Berlin kam, schrieb sie in ihrem Text „Ein Ort für Zufälle“ über Kreuzberg: „Nach Mitternacht sind alle Bars überfüllt. Es gibt sofort eine Invasion von nassen Händen und verglasten Augen. Alles gerät durcheinander, dann sondern sich einige ab. Die Spionage hat leichte Arbeit, jede Zerrüttung ist durchsichtig. Jedem ist daran gelegen, sein Geheimnis loszuwerden, seine Nachricht zu geben, zusammenzubrechen im Verhör. Jeder hat jetzt jeden am Hals, und keiner kann die untergeschobene Rechnung kontrollieren, in dem wenigen Licht.“ Kreuzberg begann in diesen Jahren für jene Generation populär zu werden, die später einmal „die 68er“ heißen würden – quasi die Eltern derer, die heute im Prenzlauer Berg wohnen.

Und heute? Ein halbes Jahrhundert später hat am Kollwitzplatz kaum jemand ein Geheimnis mehr, schiebt niemand mehr den anderen seine Rechnung unter. Das Verhör in den Kneipen ist der gepflegten Unterhaltung beim Italiener gewichen. Kein Exzess, keine Zerrüttung, kaum ein übergreifendes Projekt mehr, das über den Einzelnen und seine partiellen Interessen hinausweisen würde. Nur noch kleine Konfliktherde, die isoliert und nebeneinander stattfinden.

Der Prenzlauer Berg steht für nichts mehr außer sich selbst. Ein Versprechen auf eine andere Zukunft ist er nicht mehr. Der Bezirk ist ganz Gegenwart geworden, und die einstigen Visionen haben dem Wohlstand, dem Wohlfühlen, dem guten Aussehen Platz gemacht. Wahrscheinlich macht sich deshalb an vielen Stellen, in vielen Köpfen das gleiche schale Gefühl der Vergeblichkeit breit. Und dieses Gefühl ist mehr als die Midlife-Crisis einer in die Jahre kommenden Generation.

Es gilt: alle gegen alle. Jeder gibt anderen die Schuld

Es rührt von der Einsicht, dass die Erzählung eines neuen Deutschlands, die Erzählung des wiedervereinigten Landes hier an ein Ende gekommen ist. Irgendwo tief unter dem Kollwitzplatz liegt sie nun begraben. Kaum einer erinnert sich mehr an sie.

Die Deutschen haben diese Entwicklung nicht verhindert, wir haben sie nicht aufgehalten, uns ihr nicht entgegengestellt. Weder Ost- noch Westdeutsche, weder die erste noch die zweite Generation, wenngleich auch aus anderen Gründen. Aber weil man sich dieses Versagen nur schwer eingestehen kann, versucht man die Schuld nun allen anderen, im Zweifelsfall den Nachbarn oder eben den Bewohnern des Prenzlauer Bergs in die Schuhe zu schieben.

Aus der Verachtung für die Gegenwart scheint ein Hass auf uns selbst geworden zu sein. Die Emanzipation derer, die einst in den Prenzlauer Berg aufgebrochen sind – sie war vergeblich. Das heutige Leben hat zu keinem neuen Zustand geführt. Die Befreiung von den alten Werten, von der eigenen Herkunft ist in einer Sackgasse gelandet.

Nun treffen sich am Prenzlauer Berg Menschen und hassen sich dafür, dass alle so sind wie sie selbst. Dass auch sie gezwungen sind, ihr Anderssein durch nichts als jene Dinge auszudrücken, die man nun an jeder Ecke kaufen kann: Klamotten, Möbel, iPhones, italienischen Schinken, französische Croissants, amerikanischen Kaffee. Denn auch das ist wahr: Es gibt hierzulande wahrscheinlich keinen anderen Ort, an dem sich Lifestyle als Konsum derart in seinen schillerndsten Farben zeigt.

Aber auch dies sei gesagt: Trotz allem ist der Prenzlauer Berg einer der schönsten Orte, an denen man in Deutschland wohnen kann. Und das ist ja nicht nichts.

Jana Hensel wohnt seit 1999 im Prenzlauer Berg

Kommentare (22)

linagru 18.11.2011 | 12:09

Ich kann sehr gut folgen. Danke für diesen Artikel. Allerdings frage ich mich ob das Ganze auch ein Kinder/Eltern/Familie Thema ist.
Ein Selbstverwirklichung versus Gemeinschaft Thema? Haben wir nicht ein Problem mit dem Kinder haben? Die meisten platteren Anfeindungen beziehen sich auf das Stillen auf Kinderwägen, teures Holzspielzeug und die Bio-Branche. Der Affekt solcher Anfeindungen scheint eine Mischung aus Neid, Angst und schlechtem Gewissen zu sein, dass die im Prenzlauerberg was richtig machen.
Der Prenzlauerberg ist homogen,reich und eine Komfort Zone in der nicht mehr viel neues passiert. Aber wer will das verübeln? Ich gönne es jedem der dort glücklich ist. Aber liebe Prenzlauerberger, früher hatten wir das Reihenhaus den Jägerzaun und die Gartenzwerge über die wir lästern konnten. Die Welt dreht sich weiter unsere niederen Läster-Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Jetzt ist es halt Altbauwohnung am Kollwitzplatz, HohoHolzspielzeug und Bionade über die Alle sich gerne lustig machen. Reinad Grebes Lieder sind doch sehr amüsant?

indyjane 18.11.2011 | 12:57

bin fast verärgert über die pauschalisierungen in diesem artikel und wie klein-milieugefühle als analysen umgewidmet werden, dazu noch mit dem "WIR"-hammer -
im absatz über die "paar ehemaligen ddr-oppositionellen ... die nicht mehr kämpfen" ist es besonders deutlich, denn die abwesenheit ihres tuns im medien-mainstream sagt nichts darüber aus, wieviele die alte ddr-maxime "bleibe im land und wehre dich täglich" in die labyrinte westdeutscher demokratie übertragen haben -
"die emanzipation derer...war vergeblich" - sagt WER?

Peter Nowak 18.11.2011 | 23:07

Die Autorin schreibt aus der Perspektive der Gewinner der Umstrukturierung in Prenzlauer, nun es ist eben ihre Perspektive. Sie ist ja 1999 hingezogen. Da waren schon sehr viele Menschen mit geringem Einkommen vertrieben. Daher kann Hensel auch kaum noch jemand der Vertriebenen kennen.
Dann aber so zu tun, als wäre niemand vertrieben worden ist ignorant. Zwischen 1991 und 2000 haben sich auch in Prenzlauer Berg viele Tragödien abgespielt. Es gab Menschen, die lieber den Gashahn aufgetreten oder sich die Pulsadern aufgeschnitten haben, als aus dem Haus wegzuziehen, wo sie teilweise ihr ganzes Leben verbracht haben. Es gab Menschen, die sind über den ganzen drohenden Stress krank geworden und gestorben. Und es gab die vielen, die in die Peripherie von Berlin oder ganz weg gezogen sind.
Es gab aber auch Widerstand. Die Bewegung "Wir bleiben alle" (WBA) ist im Hinterzimmer einer Kneipe in Oderbergerstrasse entstanden und wurde zur erste Mieter_innenbewegung nach der Annexion Das Kürzel WBA ist heute noch oft zu sehen, wenige nur wissen, dass es aus der DDR kommt und ursprünglich Wohnbezirksausschuss hieß.
Weiß Hensel davon überhaupt? Im Artikel findet sich zumindest kein Wort davon, wie überhaupt über die vielfältigen Versuche von Bewohner_innen des Prenzlauer Berges gegen staatliche Intrasparent Widerstand zu leisten. So wurde in den 80er Jahren in der DDR der Hirschhof in der Oderbergerstraße vor dem Abriss geredet. Mittlerweile war er länger nicht mehr zugänglich, weil die Eigenheimbesitzer_innen sich weigerten, die Leute durch ihre Hausflüre zu lassen. Es musste erst ein neuer Eingang gebaut werden.
Es gäbe viel zu streiben über Vertreibung, Repression und auch Widerstand in Prenzlauer Berg. Nichts davon findet sich in Hensels Artikel, er nimmt die Perspektive der Bionade-Bourgeoie ein, die dort die treibende Kraft der Umstrukturierung wurde und ist. Wenn die Autorin immer den Menschen am Prenzlauer Berg schreibt, dann ist diese Schicht gemeint. Die Einkommensschwachen kommen gar nicht in ihr Blickfeld, sind von vertrieben auf jeden Fall unsichtbar.
Nach der Lektuere gilt: Wenn die Herrschenden ihre Geschichte geschrieben haben, reden die Beherrschten. Und ihre wäre Geschichte wäre auch in Prenzlauer Berg interessanter udn lebendiger als das Lamento der Kleinbürger_innen und ihres Nachwuschses.

SBenn 20.11.2011 | 11:18

Ich teile Ihre Diagnose nicht. Natürlich ist der PB Projektionsfläche. Soweit so gut. Die Frage ist wofür. Und da liegen Sie m.E. gründlich daneben. Mal abgesehen davon, daß sie die von Peter Nowak beschriebenen sehr wesentlichen Prozesse gründlich ausblenden oder nicht wissen. Die Abneigung gegen bestimmte Erscheinungsformen des öffentlichten Straßen- und Kneipenlebens rund um Kollwitz-, Helmholtz-, Senefelder-, und Falkplatz ist Ausdruck eines begründeten Unbehagens. Und das hat etwas mit der brutalen Geschwindigkeit seiner baulichen und soziokulturellen Veränderung zu tun. Er ist anders als das alte Kreuzberg kein gewachsenes Gefüge mit hoher Durchmischnung und Lebensraum für viele unterschiedliche Exisitenzformen, sondern Ergebnis einer ökonimosch getriebenen Monokulturisierung. Es hat mit der substanzlosen Selbstettiketiererung der Zugezogenen als quasi legitime Nachfolger*innen derer zu tun, die einst bewußt als politisch dissidente Kulturinsassen dort Quartier bezogen haben usw. . Ganz sicher aber ist der "Hass" auf den PB nicht Ausdruck einer an ihr Ende gekommenen Vision der Wiedervereinigung. Dieser PB- Zentrismus ist Teil des Problems. Was sollte das für eine Vision sein ? Wer sollte sie gesponnen und gemeinsam geteilt haben ?
Daß es sich im PB gut flanieren und Kaffee trinken läßt, daß es sich dort bei entsprechender monetärer Ausstattung auch sehr schön shoppen läßt, daß die Kommunalpolitik dort in bezug auf Infrastrukturentwicklung Vieles richtig gemacht hat, steht auf einem anderen Blatt.
Im Kern aber ist der PB Ausweis einer demographischen Fehlentwicklung, die eben skurrile Blüten treibt. Und darüber kann man sich lustig machen und davon darf man auch unangenehm berührt sein. Dies sind im Übrigen auch viele der weniger Werdenden, die schon dort gewohnt haben, als dieser Stadtbezirk im Winter noch mit Kohle beheizt wurde.
Aber keine Sorge, auch das Interesse am PB wird erlahmen. Die vergeblichen Hoffnungen, durch Einkauf oder Einmietung in einen entleerten Mythos den eigenen Spießbürgerbiograhien zu entkommen, geben sich mehr und mehr der Lächerlichkeit preis.
Und irgendwann leben auch dort wieder Menschen mit Geschichte und Geschichten, die gelebt haben, wovon sie berichten. Das ist nur eine Frage der Zeit. Denn ein paar werden hängen bleiben und dort alt werden. Für die anderen ist er wie die Astrid Lindgren Welt in Vimmerby, ein potemkinsches Dorf, die Simulation einer Welt, in der es die Villa Kunterbunt für einen Augenblick tatsächlich zu geben scheint und Pippi kleiner Onkel ohne Mühe tragen kann.

klonkifanko 20.11.2011 | 17:06

Der Artikel hat mir in einer Hinsicht gut gefallen: Er fragt danach, wie ein Stadtteil derart symbolisch aufgeladen werden kann, wie es im PB-Fall nachweislich geschehen ist (obwohl ich die Aufmerksamkeit, die ihm deutschlandweit zuteil wird, auch nicht so hoch einschätzen würde wie die Autorin es tut).
In seiner Analyse ist der Artikel aber dort am stärksten, wo er sich an die historischen Verläufe hält, wo es also beispielsweise um Großinvestoren und Sanierungskosten oder die tatsächliche Anwohnerschaft im Kiez geht - statistisch, meine ich. Sich auf "Neid" als Erklärung für die weit verbreitete Ablehnung festzulegen, halte ich aber grundsätzlich und so auch in diesem Falle für zu einfach. Zu kritisieren, dass ein Stadtteil sich zu einer Stadt in der Stadt abgrenzt, in der Durchmischung nicht gelebt, wohl aber kulturelle Offenheit und alternativer Lifestyle propagiert werden, ist für mich eine Form immanenter Kritik - und darum in ihrer sachlichen Qualität kaum zu bemängeln. Es geht ja gerade nicht um die Motive anderer, neidender Betrachter von außen, sondern um die "Ideale" derjenigen, die den Prenzlauer Berg ihr Zuhause nennen (können).
Für mich steht das Viertel damit stellvertretend für eine Tendenz, die man auch ganz Deutschland attestieren kann: Wenn das Unangenehme nur unsichtbar wird und es bestenfalls noch bleibt, dann ist es nicht mehr da.
Der Neid kommt da ins Spiel, wo dieser Wunsch übernommen wird. Es ist vollkommen richtig, dass niemand, der ehrlichen Herzens gern im PB wohnen würde, zur Kritik des Lebenswandels dort ausholen sollte. Es muss aber auch denkbar sein, es nicht zu wollen. Neid wird leicht zum argumentativen Totschläger.

Jana Hensel 20.11.2011 | 20:06

Lieber klonkifanko, das finde ich interessant, dass Sie aus dem Text herauslesen, dass ich "Neid" für eine Erklärung halte. Das Wort kommt bewusst in ganzem Text nicht einmal vor. Obwohl viele Leute, mit denen ich gesprochen habe, die P-Berg-Debatte für eine Neid-Debatte halten. Ich tue das nämlich gar nicht, halte es, so wie ich es auch geschrieben habe, eher für eine Art Selbsthaß der dort wohnenden Generation. Neid, nein, gar nicht. Ihre Jana Hensel

miauxx 20.11.2011 | 21:04

"So wurde der Prenzlauer Berg mithilfe staatlicher Subventionen und Steuerabschreibungsmodelle zum größten innerstädtischen Sanierungsgebiet Europas.

Zwar konnte dadurch das größte Gründerzeit-Quartier Deutschlands vor dem Verfall gerettet werden, andererseits aber hat sich das Primat der Ökonomie knallhart durchgesetzt."

Diese Aussagen widersprechen der Aussage, "Vertreibung der angestammten Bevölkerung jedenfalls entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Übertreibung", ja nun vollkommen. Warum stellt die Autorin also die Aussage des Lokalpolitikers, "„Ich kenne kaum jemanden, der wirklich von hier vertrieben worden ist“, als nicht zu hinterfragende Tatsache hin?
Weil zunächst die gegangen sind, die nichts mit einem alternativen Lebensstil oder kulturellen Freiräumen zu tun haben wollten, wie uns Hensel anhand des Beispiels mit dem PB des DDR-Berlins glauben machen will? Die alternative Szene des einstigen Ostberlin, auch die des PB der 90er Jahre, als quasi Urahn der Gentrifizierung hinzustellen, ist schon ein starkes Stück! Dass viele Leute aus den vernachlässigten Altbaugebieten der DDR wegzogen, hat nichts mit der Besetzung dortiger Räume durch alternative Lebensentwürfe zu tun. Zudem war es in der DDR gar nicht möglich, sich mal eben, wie es beliebte, eine neue Wohnung zu nehmen.

Als dann schließlich der "knallharte Primat der Ökonomie" in PB zuschlug, haben Altangestammte, Geringverdiener und v.a. die, welche einen Szenebezirk begründeten, sich also gedacht, ach, wir gehen jetzt mal, ist uns hier zu bunt, oder was?
Nun würde ich eben gerne mal wissen, was den Vertreibung aus Wohngegenden ist, bzw., wo sie anfängt? (Tip: Peter Nowak hat oben bereits konkretere Hinweise gegeben) Hier eines Politiker Lippenbekenntnis ("Er kenne keinen ...") als einfach mal als Wahrheit an die Wand zu pinseln, ist, um es wohlwollend zu sagen, einfach viel zu wenig und zu bequem.

miauxx 21.11.2011 | 00:57

Also bitte, wenn Hr. Kleinert sagt, er kenne "kaum jemanden, der wirklich von hier vertrieben worden ist", dann soll das auf eine objektive Wirklichkeit verweisen?
Wenn Sie sich nun so gerne beruhigen lassen ... bitte! Aber: Sie sprechen selbst vom "knallharten Primat der Ökonomie" im PB und wollen dann gerne glauben, weil Herr Kleinert "kaum jemand" kenne, der "wirklich vertrieben" wurde, sei das auch so!?

Magda 21.11.2011 | 18:31

Jetzt komme ich drauf, was mich an dem Text stört. Er bietet zuviel Erklärung und schildert nichts.

"Aus der Verachtung für die Gegenwart scheint ein Hass auf uns selbst geworden zu sein. Die Emanzipation derer, die einst in den Prenzlauer Berg aufgebrochen sind – sie war vergeblich. Das heutige Leben hat zu keinem neuen Zustand geführt. Die Befreiung von den alten Werten, von der eigenen Herkunft ist in einer Sackgasse gelandet."

Et is det - halten zu Jnaden - gehobenet Rhabarber, Rhabarber.

Peter Nowak 22.11.2011 | 13:23

Nun mag kleinert ein verdienstvoller politiker sein oder nicht. Ich habe in den entscheidenden jahren in der oderbergerstrasse gewohnt und weiss, was damals abgegangen ist. ich habe die alten leute gesehen, die nach einem selbstmord aus der wohnung geholt worden, weil sie angst vor der vertreibung hatten.

bernd holfreter, spaeter auch pds-politiker udn schon gestorben, haette auch was anderes als kleinert gesagt.

aber ueberhaupt steltl sich die Frage, ob die politiker_innen oder die betroffenen gefragt werden Hensel hat sehr klar gemacht, wen sie das wort gibt.

Peter Nowak 22.11.2011 | 13:26

Es gibt Menschen, wie den Verfasser dieses Beitrags, die haben Anfang der 90er Jahre in Prenzlauer Berg gewohnt und die zunehmende Angst der Menschen vor dem Auszug und die realle Vertreibung erlebt. Das lassen sie sich von keinen Politiker und wegreden. Hensel will diese Betroffenen ignorieren und stuetzt sich lieber auf die Politik. Staatsnah nannte man das und das ist auch nur fuer Menschen bis 1989 ein Makel n der oeffentlichen Meinung.

jens hohmann 23.11.2011 | 09:50

Hmm, klingt alles nach aufgebauschten einzelschicksalen. die einen sind doch nur irritiert, ob das feiern weitergehen kann, weil die anderen sich kinder zulegen. selbst enge freunde sind sich uneinig, ob nun neue bürgersteige gut oder schlecht sind. gentrifizierung wird doof gefunden, aber man liebäugelt trotzdem mit den neuen wohnungen, die groooße fenster haben... ein wunderbarer, sich schon immer uneins seiender, bezirk. das war auf vor 89 so.

Joachim Petrick 24.11.2011 | 01:51

@Jana Hensel

Kennt der Prenzlauer Berg keine ausländisichen Bewohner/innen von fernen und nahen Gestaden?

Es gibt gelebte wie belebte Orte der Ermattung in vorherigen Kämpfen, der Prenzaluer Berg scheint so ein Ort einer uralten europäischen Erzählung zu sein, die sich selbst noch in fremden Zungen als deutsch zu erkennen geben will?

Warum eigentlich, wo doch die wahre Erzählung des Prenzaluer Berges, wie die deutsch- deutsch vereinigte Erzählung immer wieder von Neuem beginnt und dieses Mal Lifestyle sozial kulturell europäisch, interkontinental?

Unbekannter Weise novemberliche Grabes Grüsse von meiner Großmutter Emma, deren Schwestern Käthe, Dora Hensel, Jahrgänge 1880- 1888, aus Federow/Waren- Müritz

tschüss
JP

sybille 28.11.2011 | 10:17

Ich denke Vertreibung passiert auch ganz leise, wenn ich z. B. aus irgendeinem Grund in eine kleinere oder eine größere Wohnung umziehen muss - Trennung, Familienzuwachs, Auszug aus WG, etc., - und mir in demselben Kiez keine Wohnung mehr leisten kann, weil die neuen Verträge so teuer sind, dann ist das ja auch Vertreibung. Und solche kenne ich hunderte, obwohl ich erst ein paar Jahre in Berlin wohne.

BettyBoop2013 17.12.2012 | 14:43

Die Familien, die zuziehen, wollen hip beleiben, das Gefühl haben, dass ihr Leben trotz Kinder nicht zu Ende ist. Die, die schon dort wohnen, haben das Gefühl, dasss die Zugezogenen sie mit ihrem miefigen Lebensentwurf (Kleinfamilie kann ja gut den Provinzhorizont symbolisieren) herunterziehen. Ja, ich denke auch, dass es letztendlich um verpatzte Aufstiegsträume oder gar Visionen der Eingesessenen geht. Diesen Selbsthass projezieren sie auf die Zugezogenen (die dann Schuld sind, dass das Leben der "Eingesessenen" so öde ist).