Trimm dich

Spielfilm „Dessau Dancers“ erzählt über Breakdance in der DDR. Unser Autor erinnert sich an seine erste Bewegung
Jochen Schmidt | Ausgabe 16/2015

Es gibt etwas im Leben, das man vielleicht nur einmal erlebt, nämlich dass man von einem Moment auf den anderen umgeworfen wird von einer neuen Musik, von einer Art zu tanzen, von Klamotten, ohne die man sich seine persönliche Zukunft nicht mehr vorstellen kann. Und was viele im Westen nicht wissen – aber auch unsere eigenen Kinder heute nicht mehr ahnen –, für viele Jugendliche in der DDR war das Mitte der 80er Jahre Hip-Hop und Breakdance, vermittelt durch den Film Beat Street, der in der DDR laufen durfte, weil Harry Belafonte ihn produziert hatte, ein „Freund der DDR“.

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Es ging darin ja sozusagen um vom Kapitalismus ausgebeutete schwarze Jugendliche in New York und ihren kreativen Widerstand. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen habe, ich glaube, ich bin noch zehn Jahre später vor allem deshalb nach New York gefahren, weil ich diese Bilder im Kopf hatte, die BRD war nach dem Mauerfall nur ein Zwischenstopp. Ich verstehe bis heute nicht, warum Hip-Hop für die Jugendlichen eines sozialistischen Landes so geeignet war, warum ich genau so tanzen wollte und bei dieser Musik auch nicht stillhalten konnte.

Für den Rest des Lebens ist man dann nur noch alt und erinnert sich an diesen einmaligen Moment, in dem man völlig aufging in einer Kultur, die gerade erst im Entstehen war. Damals gab es kein Internet, keine ernst zu nehmende publizistische Öffentlichkeit, man war auf Gerüchte angewiesen und ahnte deshalb gar nicht, dass man nicht alleine war und dass außerhalb der eigenen Schule, des eigenen Viertels in vielen Städten im Land Jugendliche diese Leidenschaft teilten.

Jochen Schmidt ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm bei Rowohlt Drüben und drüben (mit David Wagner). Im Herbst soll bei Piper Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland herauskommen, die Recherche dazu lässt sich auf jochen-schmidt.blogspot.de verfolgen

Ich weiß noch, wie wir mal aus Berlin-Buch zum Alex fuhren, weil dort angeblich welche breakten, und dann waren dort nur eisschleckende DDR-Touristen zu sehen. Man hätte so dringend Anschauungsmaterial gebraucht, aber ohne Youtube und Videorekorder, ohne jemanden, der einem die Schritte zeigte, war man auf die wenigen Schnipsel angewiesen, die hier und da im Westfernsehen liefen, vor allem dieser absurde Gymnastik-Trimm-dich-Breakdance-Hybrid, der im ZDF als Breakdancekurs lief. Im Übrigen hatte man für das Westfernsehen ja kein Programm, es war immer Glück, wenn mal in einem Musikvideo im Hintergrund einer breakte.

Moves der Industrieroboter

Mein Problem bestand schon darin, dass ich keinen Spiegel zum Üben hatte, in dem ich meinen ganzen Körper sehen konnte; im Palast der Republik gab es eine Spiegelwand, aber da war man nicht alleine. Und die schnellen Bewegungen am Boden konnte ich mir in den kurzen Sequenzen, die man hier und da sah, nicht merken.

Aber der Mangel machte kreativ, die weißen Handschuhe kamen aus der Apotheke, die Adidas-Streifen wurden selbst auf die Schuhe gemalt, die Hosen bekamen mit Gummilitze einen Bund eingenäht, und den Tanz guckte man sich von den Moves der Industrieroboter in den volkseigenen Betrieben ab. Erstaunlich schnell wurde die Bewegung vom Staat vereinnahmt. Die „Volkskunstkollektive“ durften, wenn sie eine Einstufung vor einer Kommission bekommen hatten, in Jugendklubs und Diskotheken mit „akrobatischem Schautanz“ viel Geld verdienen und landeten auch im Fernsehen und etwa in einem Artikel der Zeitschrift Deine Gesundheit.

Die alte Geschichte vom künstlerischen Kompromiss, dem Verlust der Wurzeln, der street credibility, der Anpassung für den kommerziellen Erfolg beziehungsweise für die Freiheit, überhaupt tanzen zu dürfen, das erzählt auch Dessau Dancers, und wenn man erst nicht so richtig weiß, ob man wieder einen dieser Filme sehen will, in denen der DDR-Mief ziemlich überzeichnet karikiert wird, also sächselnde Funktionäre mit Hornbrillen bei der Sitzung vor sich auf dem Tisch einen Marx-Kopf stehen haben, dann legt sich das Gefühl irgendwann, und man freut sich an den Tanzszenen und der immer aktuellen Geschichte vom Aufbegehren für die eigene Leidenschaft.

Man kann es ja kaum noch verstehen, dass es in diesem Land reichte, auf der Straße zu tanzen, um von der Polizei „zugeführt“ zu werden, während in vielen Betrieben ein großer Teil der Arbeitszeit privaten Erledigungen oder Bastelarbeiten für Tauschgeschäfte diente und viele normale Leistungen nur noch mit Schmiergeld zu bekommen waren. Der Dokumentarfilm Here we come hat die Geschichte 2006 mit Zeitzeugen und originalem Bildmaterial erzählt, daher kann man sehen, das Dessau Dancers sich in vielem an die Wahrheit hält. Ein Stück Aufklärung, für viele vielleicht auch ein völlig neues Kapitel in der Geschichte dieses Landes, die irgendwie nie zu Ende erzählt werden kann.

Film

Dessau Dancers Jan Martin Scharf Deutschland 2014, 90 Minuten

11:56 15.04.2015
Geschrieben von

Jochen Schmidt

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