Clan In Da Front

Ton & Text Messerscharf, surreal, irre – vor 20 Jahren erschien mit „Enter The Wu-Tang (36 Chambers)“ das immer noch unfassbare Debüt-Album des Wu-Tang Clans
Clan In Da Front
Quasi gleichberechtigt: Wu-Tang Clan bei einem Videodreh im Jahr 2000

Foto: Kevin Winter

November 1993: HipHop hatte die Kinderschuhe endgültig ausgezogen. Die ersten beiden großen Wellen Oldschool und Newschool waren durch, die Stilvielfalt und das Selbstbewusstsein der neuen jungen Garde explodierten förmlich. HipHop war mehr oder weniger unversehens ein weites Feld geworden, in dem jeder – dank der in Sachen Wirkmächtigkeit bis heute unerreichten MTV-Show „Yo! MTV Raps“ quasi in Echtzeit und hochauthentisch informiert – nach seinem Gusto fündig werden konnte. A Tribe Called Quest, Digable Planets oder De La Soul schafften ohne Probleme den Anschluss an die Hörgewohnheiten der Indie-Gemeinde, KRS One oder Lords Of The Underground übernahmen den Staffelstab des „real“ HipHop, Onyx waren der Partysoundtrack der Stunde, Tupac Shakur legte den Grundstein für seine bis heute andauernde Überhelden-Verehrung und Snoop Dogg machte mit seinem Debüt „Doggystyle“ die Tür ganz weit auf in eine Mainstream-Zukunft, die HipHop zum weltweit dominierenden Musikstil der nächsten 20 Jahre machen sollte. Und dann gab es da diese ganz ohrenscheinlich komplett Irren aus New York, die mit ihrem billig heruntergeschredderten Debüt einfach mal alles aus den Angeln hoben.

Billig war „Enter The Wu-Tang“ im Wortsinn, es gab für die Newcomer schlicht keinen Etat für eine Produktion, die selbst nach bescheidenen Frühneunziger-Maßstäben auch nur im Ansatz konkurrenzfähig gewesen wäre – ausgerechnet zu einer Zeit, als sich Hochglanz-Beats im HipHop mit aller Macht durchzusetzen begannen. An allen Ecken und Enden scheppern und rumpeln die Tracks, der Sound lässt sich mit Fug und Recht als räudig bezeichnen. Obendrein agieren neun völlig disparat erscheinende Rapper praktisch gleichberechtigt – das hatte man bis dato auch noch nicht gehört. Schon gar nicht einen Ol’ Dirty Bastard, der mit seinem zermanschten und buchstäblich verspuckten Reimstil aus einer irgendwie verzerrten Parallelwelt zu stammen schien. Und als ob das noch nicht genug Zumutung wäre, zerhackstücken scheinbar willkürlich eingestreute, endlos anmutende Dialog-Inserts und die immer wiederkehrenden Shaolin-Samples die Tracks bedenkenlos, während invers gedrehte Pianoloops und ausgetrocknete Beats eine beängstigend surreale Atmosphäre schaffen. Immer noch irgendwie unfassbar ist, dass ausgerechnet dieses Album mit „Can It Be All So Simple“ und „C.R.E.A.M.“ auch noch zwei der effektivsten und schönsten HipHop-„Balladen“ aller Zeiten bietet.

Völlig losgelöst vom restlichen HipHop-Kosmos wirkt „Enter The Wu-Tang“ bis heute, immer noch einzigartig in seiner perfektionierten Ignoranz aller herkömmlichen Regeln und weit über den angestammten Genre-Horizont infizierend. Man lehnt sich nicht all zu weit aus dem Fenster, wenn man Grime ohne Wu-Tang für undenkbar hält oder die ebenso verleiert angelegten Vapourwave-Soundspinnereien der Gegenwart. Der Clan selbst wurde aus dem Stand zur Legende. Maßstäbe setzte er nicht nur musikalisch: „We trying to make a business out of this“, heißt es in einer ellenlangen Interviewszene im Outro zu „Can It Be All So Simple“. Mit der Etablierung ihrer eigenen Wu-Wear-Marke wurde denn auch prompt eines der langlebigsten und erfolgreichsten HipHop-Spin-Offs begründet, ein seitdem bei den Hotshots der Szene immer wieder ausgemessenes Geschäftsmodell. Wer sich heute auf einem der angesagten HipHop-Festivals à la Splash umschaut, wird das markante Wu-Tang-Logo in immer noch verblüffender Häufigkeit entdecken.

Musikalisch reichte der Wu-Tang Clan nie mehr an die atemberaubende Wucht des Debüts heran, vier weitere Alben folgten bis 2007, standesgemäß produziert und mit dem üblichen Majorlabel-Brimborium in die Charts gepusht. Interessanter ist, was die Clan-Member – oft genug auch kommerziell erfolgreich – solo machten. Method Man, zum Beispiel, zählte lange Zeit zu den verlässlichsten Garanten in Sachen Qualitäts-HipHop. Produzenten-Genie RZA machte mit dem Soundtrack zu „Ghost Dog“ Furore und ist aus den einschlägigen Tarantino-Soundtracks nicht mehr wegzudenken.

Eine ganz eigene Legende ist Ol’ Dirty Bastard, der sogar im nicht eben glattgebügelten Wu-Tang-Kontext noch heraussticht. Mit „Shimmy Shimmy Ya“ holte er sich 1995 mühelos den Preis für den exzentrischsten HipHop-Hit der Geschichte ab. Zwischenzeitlich war er auf der Flucht, wurde polizeilich gesucht und zu einer Haftstrafe verurteilt. Wie durchgeknallt er wirklich war – nun, man muss ihn einfach mal live gesehen haben, allein auf der Bühne, begleitet nur von einem DJ und einer Flasche Gin und nach zweieinhalb Stunden sturzbetrunkenem und nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen – höchst unterhaltsamem Rap-Entertainment von seinen Bodyguards gegen seinen Willen von der Bühne geschleift. 2004 forderten Drogen und Alkohol ihren ultimativen Tribut.

12:45 13.11.2013
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