Das bisschen Totschlag

Ton & Text Onkelz-Comeback mit 88 und der Babo von der CSU: Popmusik verschmilzt mit ganz viel Kleinbürger-Mief und der Rebellion von rechts unten
Das bisschen Totschlag
Angemessen: "Vielleicht bin ich schon bald das neue Gesicht auf der Kinderschokolade" schreibt Fabian Giersdorf auf seiner Facebookseite

Foto: Screenshot, Facebook

Deutschland 2014. Seit einigen Tagen kennt so ziemlich jeder den Namen Fabian K. Giersdorf. Der ist mehr oder weniger ein armselig geschniegelter Provinzheini aus Bayern, allerdings einer, der sich in den Kommunalwahlkampf für die CSU begibt. Und zwar mit dem Wahlwerbespruch „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Außerhalb von Fankreisen des Rappers Haftbefehl bekannt ist diese Wendung, weil „Babo“ zum „Jugendwort des Jahres 2013“ gekürt worden ist. Dass Haftbefehls Hit im Prinzip Werte propagiert, die selbst bei großzügig ausgelegter Toleranz mit denen der CSU – nun ja – schwer in Einklang zu bringen sind, weiß jeder Chabo. Egal, findet Giersdorf, so viel Abstraktionsvermögen, derlei inhaltliche Botschaft vom Refrain-Slogan zu trennen, hätte der mündige Bürger schon. (Er drückt es allerdings etwas dilettantischer aus: „Vom Text des Originalsongs distanziere ich mich deutlich.“) Im seinem Facebook-Profil offenbart der bayerische Nachwuchspolitiker, welche Bands er sonst noch so alle mag. Und das erstaunt denn doch noch ein bisschen. Da findet sich auch Egotronic, das explizit linke Electro-Punk-Projekt aus dem Hause Audiolith, bekannt für seine Textzeile „Deutschland soll brennen!“ und dafür, in jedem AJZ der Republik aufzutreten und auch bei mindestens jedem zweiten Hamburger Rote-Flora-Benefiz. Gleich daneben in Giersdorfs Facebook-Welt stehen die Böhsen Onkelz. Häh?

Eben erst haben die Böhsen Onkelz ihr Comeback verkündet, mit großen Brimborium, versteht sich, anders geht es bei den Frankfurtern nicht. Es gibt also jede Menge Riefenstahl-Schwarz-Weiß, Blitz und Donner und in harten Kontrasten gezeichnete Männer mit ernst zu nehmenden Faltengesichtern, die bedeutungsschwanger drein gucken und sehr geschwollen daherreden. (Hier bitte nochmal Donner vorstellen.) Dass es bei all dem genauestens orchestrierten Theater erstmal nur um die Ankündigung für ein Konzert geht, ist dem gemeinen Onkelz-Fan ziemlich schnurz. „Shut up and take my money!“ ist das passende popkulturelle Meme aus Futurama, inbegriffen ist die Hoffnung auf mehr: neue Songs, neues Album, neue Tour.

Die Onkelz, das ist eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt, aufgelöst 2005 und doch immer noch sehr präsent im täglichen Popkultur-Hickhack um das Thema „rechte Bands“, gerade weil die Südtiroler Frei.Wild die Lücke gern ausgefüllt und die Fans gleich weitgehend deckungsgleich übernommen haben – mit noch dumpferen Blut-und-Boden-Parolen und noch deutlicher rechtsradikaler Ausrichtung. Dass Onkelz oder Frei.Wild – es gibt noch eine Reihe weiterer solcher Bands weniger populären Kalibers – überhaupt „rechts“ sind, wird von ihnen und ihren Fans seit eh und je vehement bestritten. Heute durchgesetzt hat sich – gerade auch im Kontext der eben erst gelaufenen Frei.Wild-Diskussion – die Sprachregelung, man sei „neutral“, gegen jeden Extremismus, von links wie rechts. Ansonsten sei das sowieso alles nur Verleumdung aus Bosheit und Erfolgsneid oder mindestens der Unkenntnis aller Kritiker geschuldet, die sich gefälligst mal richtig informieren sollten, am besten natürlich bei den Onkelz selbst. Die allerdings waren schon 2001 damit gescheitert, der tageszeitung per Landgericht Berlin untersagen zu lassen, die Onkelz als „berüchtigte rechtsradikale Band“ bezeichnen zu dürfen. Und man muss schon etwas mehr als deppert sein, um auch ohne ausdrückliche Naziparolen die Gesinnung nicht wahrzunehmen; das bedingungslos Männerbündlerische, die martialische Wir-hier-unten-gegen-die-da-oben-Rhetorik, die Verschwörungstheorien vom „linken Mainstream“ mit seiner „Lügenpresse“. Und vor allem: das stets behauptete Außenseitertum, der Underdog-Mythos, das Einer-gegen-alle-Gefasel, das längst mehrheitsfähig und kommerziell verwertet ist. Kleinbürgerliches Dumpfbackentum funktioniert hier als grundlegende ästhetische Codierung, da mieft schon wieder der Untertan durch. Wobei der Begriff „Code“ fast schon unangemessen ist.

Nicht schlecht staunen konnten sogar eingeschworene Onkelz-Kritiker ob des ersten veröffentlichten Bandbildes in diesem Jahr. Ganz unten, ganz rechts (Haha!) findet sich eine deutlich sichtbare „88“. In Nazikreisen ist das ein gern vorgezeigtes, weil nicht verbotenes, Kürzel für „Heil Hitler“. Absicht oder schlicht übersehen bei der Bildauswahl? Das spielt kaum eine Rolle, passt es doch perfekt in die schon immer praktizierte Linie der zwar offiziellen Distanzierung von der Szene – die aber immer wieder geradezu augenzwinkernd subtextuell durchbrochen wird. Man könne halt nicht so, wie man eigentlich wollte – so wird das dann gern wahrgenommen. Wie erfolgreich diese Strategie ist, lässt sich leicht daran ablesen, wie oft sich – gerade auch per Facebook – offen rechtsradikal positionierte User in einschlägigen Diskussionen mit Onkelz- und Frei.Wild-Symbolik schmücken.

Dass es mit den sonst immer gern beschworenen „Ehre“ und „Stolz“ ausgerechnet bei den Onkelz selbst nicht weit her ist, wird dabei gern ignoriert. Es ist gerade mal dreieinhalb Jahre her, dass Sänger Kevin Russel wegen „fahrlässiger Körperverletzung, Gefährdung des Straßenverkehrs und Unfallflucht“ zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Die Details des Geschehens sind erhellend: Russell hatte unter Drogen und mit weit überhöhter Geschwindigkeit einen schweren Unfall verursacht, sich davon gemacht und später jegliche Schuld geleugnet, sich nie bei seinen Opfern entschuldigt und auch während der Verhandlung keinerlei Anzeichen von Reue oder gar Einsicht gezeigt.

Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um, hier fliegen nicht gleich die Löcher aus dem Käse.“ So texteten Die Goldenen Zitronen vor ziemlich genau 20 Jahren, es war die Reaktion auf die rechtsradikalen Exzesse der frühen Neunziger, auf Brandanschläge und marodierenden Nazi-Pöbel und die darauf folgende Lichterketten-Beschwichtigungs-Strategie. „The Kids Are Not Alright“ befand Popdiskurs-Ikone Diedrich Diederichsen damals, Ausgangspunkt einer veritablen Diskussion um die Rolle von Popkultur und ihrer Zeichen. Es war der Abgesang an den bis dahin immer angenommenen „linken“ Konsens der Popkultur. 15 Jahre später attestierte Diederichsen Popmusik gar den Verlust jeglichen Gegenwartsverständnisses. Die Goldenen Zitronen sind heute noch aktiv, werden – eben erst von der Süddeutschen Zeitung – immer noch als Kronzeugen linker Pop-Positionen berufen. Mit der Realität in den Charts und auf den Straßen haben sie indes nichts mehr zu schaffen. Sie gehören einer Generation an, die sich ganz gut eingerichtet hat in der intellektuellen Nische der halbstaatlichen Bildungsbürger-Kulturindustrie, oft ermöglicht durch abgeschlossene akademische Ausbildung, die früher einem Parallel-Leben in der Popmusik kaum im Wege stand. Heute ist im normal Bologna-optimierten Studienleben für Dissidenz gar keine Zeit mehr, es sei denn, man verzichtet von vornherein auf die Chance zur bürgerlichen Karriere. Die klaren Standpunkte wurden ersetzt durch eine postmoderne Smartness, die im besseren Fall so clever und gut gemacht ist, wie bei Marteria. Normalerweise aber in der auch musikalisch elenden Beliebigkeit eines Tim Bendzko angesiedelt ist, der das Weltretten gleich im Ironiemodus betrachtet. Rebellion sieht anders aus.

Antimodernität ist der neue Widerstand. Die Rebellion im Pop ist reaktionär ausgerichtet, wendet sich gegen den inzwischen durchgesetzten Verständnis-Konsens der Elterngeneration, die sich nicht entblödet, bei jeder noch so dämlichen Gelegenheit „Tage wie dieser“ zu gröhlen. Man muss, um da noch schmerzlich aufzufallen, inzwischen schon ziemlich weit gehen, sei es im drastisch maskulinen Gangster-Rapper-Kosmos oder eben im Verunsicherungs-Potenzial des diffus angelegten Rechtsrock. Niemand weiß das besser und kann das virtuoser inszenieren als die Onkelz. Das Comeback ist absolut folgerichtig. Den Ekel mindert das nicht. Vor allem nicht den Ekel vor Typen wie Fabian K. Giersdorf.

11:51 05.02.2014
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