Der letzte löscht das Licht

Ton und Text Mit Louisville Records gibt ein weiteres renommiertes Independent-Label auf. Ein Nachruf

„Ich hätte gerne eine Platte von dem Typen, der da hinten auf dem Klo verblutet.“ Mai 2008, Momentaufnahme in einem deutschen Club. Patrick Wagner – nur halbironische Selbstbeschreibung: „Größer als Gott“ – steht am Merchandise-Stand, er ist der Labelchef der Schweizer Grungerock-Band Navel, dessen nicht eben seelisch stabiler Sänger nach einem Salto von der Bühne in eine Bierflasche auf dem Boden des Herrenklos liegt und wie angestochen blutet. Krankenwagen, Tourabsage – und dieser Spruch, der so klingt, wie Rock’n’Roll eben klingen sollte.

Louisville Records war das Label in Deutschland, das so etwas von Herzen gern lieferte, und das natürlich ob solcherlei Triumphe – man nennt das heutzutage gern – „polarisierte“. Was nichts anderes bedeutet als: Man hasst die Attitude dieses Labels inständig – oder liebt sie vorbehaltlos. Jetzt hat Louisville aufgegeben, Insolvenz ist angemeldet. „Das Büro ist leer und das Licht aus“, sagt Patrick Wagner. Es ist das nächste Label auf einer wachsenden Scheitern-Liste renommierter Independent-Labels in Deutschland. Labels wie L’Age D’Or und dessen Ladomat-Ableger, Hausmusik, die praktisch komplette Berliner HipHop-Szene um Aggro.

Schwer erwischt hat es vor Jahren auch Kitty-Yo, dessen Mitbegründer Patrick Wagner ist und das mit der Entdeckung der internationalen Shooting-Stars Peaches und Gonzales vor gut zehn Jahren zum heißesten Thema der Musiklandschaft avancierte. Gegründet wurde es eigentlich, um Wagners Band, die sonst niemand haben wollte, eine Heimstatt zu bieten: Surrogat. „Wir sind immer oben, und wenn wir unten sind, ist unten oben“ ist eine der (mit Boxer-Kaputtnik-Legende Renè Weller im Videoclip verfilmten) zahlreichen schlagenden Textzeilen des allerorten als komplett irre eingestuften Trios, dessen brutaler Rockentwurf trotzdem oder genau deswegen für Aufsehen sorgte und für die man den Begriff „Kritikerlieblinge“ noch einmal erfinden müsste.

Größenwahn mit Ansage, so lässt sich das Schaffen kurz umreißen, daran hat sich nichts geändert, nachdem sich Wagner mit seinem Partner verkrachte, das Label verließ und – ein wenig später, mit Frau und Kind – eben Louisville Records gründete. „Wenn wir bald sehr reich sind, haben wir was falsch gemacht und wenn nicht, hatten wir zumindest Spaß“, konnte man vor zweieinhalb Jahren noch im Interview lesen.

Kaum Geld für Kissogram

Labels gründen sich, Labels haben ihre Zeit, Labels verschwinden. So läuft das schon immer im zeitgeistzyklischen Popmusik-Geschäft. Trotzdem scheint dieser Abgang einen etwas genaueren Blick wert. Denn hier war immerhin versammelt, was man halt nach allgemeiner Auffassung für ein Label braucht: Ungebrochene Begeisterung für das eigene Portfolio, ausreichend Erfahrungen mit dem Geschäft, ein bekannter Name, Musikbusiness-Kontakte wie kaum sonst jemand und natürlich Künstler, die etwas taugen. Die hatte Louisville mit den Kärntner Ausnahme-Melancholikern Naked Lunch, dem lustig-durchgeknallten HipHop-Theater Puppetmastaz, dem Studentenmädchen-Traum Maximilian Hecker oder den Berliner Electropop-Helden Kissogram zweifelsfrei zu bieten.

Nur lässt sich mit einem klassischen Label-Modell heutzutage kaum noch etwas reißen, es sei denn, man hat wenigstens einen international enorm erfolgreichen Künstler im Angebot. Und das lässt sich auch bei guten Bands nicht berechnen. Kissogram zum Beispiel waren im letzten Jahr mit Franz Ferdinand quer durch die ganze Welt unterwegs. „3.000 von 200.000 Leuten Publikum haben Geld für Kissogram ausgegeben.“ Diese ernüchternde Bilanz zieht Wagner heute.

Wie mühsam die Arbeit mit Newcomern ist, vor allem, wenn sie alles andere als Zeitgeist oder Mainstream sind, ließ sich am Beispiel Navel in Echtzeit verfolgen. Eine schon eingetütete Tour mit dem Mega-Act Smashing Pumpkins cancelte die Band kurzfristig und kaltschnäuzig; man hätte doch Besseres zu tun, als den Support für saturierte Rockstars zu geben. Cool, klar, aber nicht eben geschäftsfördernd. Alles andere als ein Aprilscherz war auch der Rundumschlag gegen die halbe deutsche Musikbranche, den Wagner kurz darauf mal eben in seinen Komplett-Verteiler schickte, eine drastische und mit Klarnamen versehene Abrechnung mit „unfähigen Vollidioten“ bei Vertrieben oder Medien und ungeachtet ihrer Major- oder Indie-Herkunft. Freunde macht man sich so wenig aber es war immerhin so etwas wie eine Marketingstrategie. Genützt hat es letztendlich wenig. „Hallo Leute, Louisville Records gibt es nicht mehr. Vielen Dank für Eure Unterstützung“ ist der trockene Abschied. Aber es war eine schöne Zeit. Und wenigstens ein paar Leute hatten Spaß daran. Danke zurück!

Dieser Text ist in Kooperation mit entstandenwww.motor.de

16:00 02.03.2010
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