Die Bier-Falle

Ton & Text So ein paar Proteste können doch die GEMA nicht erschüttern! Oder vielleicht doch? Die Tarifreform für Discotheken könnte das Fass endgültig zum Überlaufen bringen
Die Bier-Falle
Demo gegen die Tarifreform der GEMA vor dem Frannz Club in Berlin
Foto: Geisler-Fotopress

Es geht viel um Bier an diesem frühen Montagabend. Denn die Lage scheint schwierig, Lösungen gibt es kaum. „Außer wir erhöhen die Getränkepreise!“, brüllt Organisator Lotar Küpper ins Mikro und erntet – natürlich – ein sehr lautes „Buuuhhh!“ vom Volk auf der Schönhauser Allee. Hier, vor der Kulturbrauerei, startet gerade die Demo gegen die GEMA. Genau genommen, geht es nur gegen die neueste Tarifreform der GEMA, die Neuregelung der GEMA-Kosten für Discotheken. Aber das unterscheidet heute kaum jemand, die GEMA an sich – da ist man sich hier ziemlich einig – gehört mindestens geteert und gefedert. Denn – auch diese Zahl wird gern und nur halbscherzhaft kolportiert – ein Bier im Club müsste nach der Reform nicht mehr drei, sondern 30 Euro kosten.

Es ginge nur darum, endlich eine gerechte Entlohnung der Musikurheber zu erreichen. Dazu würde man nur 10 Prozent des Eintritts verlangen, das sei doch wohl fair – so lässt die GEMA seit Anfang April unbeirrt verlauten. Seit sie also etwas überraschend ankündigte, was unter anderem Musikkneipen und Discotheken für „Unterhaltungs- und Tanzmusik mit Tonträgerwiedergabe mit Veranstaltungscharakter“ ab 2013 bezahlen sollen. Und überhaupt: Kleine und kulturell wertvolle Veranstalter würden sogar profitieren oder wenigstens per Härtefallregelung geschont.

Etliche Preistreiber, die in den GEMA-Mitteilungen nicht erwähnt werden

Dass sich das nicht nur im Einzelfall anders verhält, kann sich indes jeder schnell selbst ausrechnen, der sich seinen Lieblingsclub vornimmt und die Tarife grob überschlägt: Legt man realistische Werte zugrunde, kommt bei nahezu jedem normal betriebenen Club eine tatsächlich drastische Erhöhung heraus. Was schon daran liegt, dass Clubnächte in der Regel zwei bis drei Mal so lang sind, wie von der GEMA offiziell vorgesehen, also auch das Doppelte oder Dreifache kosten. Es gibt noch etliche andere Preistreiber, die die GEMA-Offiziellen in den üblichen Mitteilungen nicht erwähnen: Es wird immer von einem vollen Club ausgegangen, Flop-Abende werden also ebenso berechnet wie proppevolle Läden. Die Berechnung der zugrunde liegenden Fläche ist seit eh und je umstritten. Es gilt immer der höchste verlangte Ticketpreis, ermäßigte Vorverkäufe zum Beispiel spielen keine Rolle. Und: Die vielbeschworenen Urheber, deren Leistung gerechter entlohnt werden soll, sehen von diesem Geld praktisch nichts. Denn es wird gar nicht erfasst, welche Musik in den Clubs des Landes wirklich läuft, das sogenannte Tanzflächen-Monitoring spiegelt die Musik außerhalb der Großdiscotheken überhaupt nicht wieder.

„Das ist krimineller Raubtierkapitalismus!“ Bruno Kramm bevorzugt bei seiner Rede auf der Demo den Marktschreier-Gestus. Der renommierte Gruftie-Musiker und -Produzent hat sich in den letzten Monaten zum Sprachrohr der Piratenpartei in Sachen GEMA und Musikurheberrecht entwickelt. Seine Forderungen zum Beispiel nach Legalisierung von Filesharing-Börsen bringen nicht wenige Musiker auf die Palme und auch in der sonstigen Parteienlandschaft steht der Ex-Grüne und Neu-Pirat damit ziemlich allein da.

Wirtschaftsfaktor Clublandschaft

In Sachen GEMA-Tarifreform allerdings hat sich eine erstaunliche Einheitsfront gebildet, zumindest in Berlin. Alle Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus protestieren ganz offiziell dagegen. Denn gefährdet scheint, was so ziemlich das einzige Erfolgsmodell der letzten Dekade Berliner Wirtschaftsgeschichte scheint: der Partytourismus. Mit aller Macht versucht sich Berlin als deutsche Musikhauptstadt zu etablieren. Eine vom Senat spürbar gepimpte Berlin Music Week gehört ebenso dazu, wie der immer noch nachhallende „Arm aber sexy“-Mythos oder eben die „Easy Jetset“-Massen, die allwochenendlich einfliegen und – da sind wir wieder beim Bier – ordentlich feiern und nicht immer ganz so ordentlich saufen.

Am Bier hängen eine Menge Arbeitsplätze. Und die Clublandschaft – sie sorgt für den weltweiten Ruf von Berlin und damit für die touristischen Umsätze – muss GEMA zahlen. Müssen Clubs dichtmachen, weil sie sich die erhöhten Gebühren nicht mehr leisten können, droht – so die Heraufbeschwörung – der Untergang des Abendlandes. Schon haben etliche Berliner Veranstalter und Clubs mit Schließung ab Januar 2013 gedroht, allen voran das Berghain, Berlins Nonplusultra in Sachen weltweites Partymetropolen-Image.

Da vergisst man fast, dass gerade die Berliner Clublandschaft derzeit aus ganz anderen Gründen praktisch in der verschärften Dauerkrise agiert: In zunehmend durchgentrifizierten In-Gegenden werden die inzwischen unbequemen Wegbereiter der Coolness vorzugsweise verdrängt, Ordnungsämter und Brandschutzvorschriften sind auch in Berlin der natürliche Feind aller Clubbetreiber. Das Berliner Finanzamt fordert mehr oder weniger plötzlich heftige Steuernachzahlungen von etlichen Veranstaltern und der Konkurrenzkampf um zahlende Gäste wird trotz oder wegen des legendären Rufs der Clubszene nicht leichter. Von einer nennenswerten Unterstützung der Politik in derlei Fragen war bisher noch wenig zu hören.

Krankheitsbild GEMA

Die GEMA hingegen ist ein dankbares Ziel und Steilvorlagen für Empörung gibt es massenweise. Zuletzt durch ein beidseitig verblüffend hasserfülltes Interview der Berliner Zeitung mit der GEMA-Sprecherin Gaby Schilcher, das in Schilchers unvergesslichem Bonmot „und dass ich für mein anstrengendes Gespräch mit Ihnen bezahlt werde, ist ja wohl klar“ gipfelte.

Jetzt kommt immer massiver aufs Tapet, woran es bei der GEMA prinzipiell krankt: Die offensichtlich ungerechten Ausschüttungen zu Gunsten weniger Großverdiener, das dem demokratischen Bauchgefühl hohnsprechende Kastensystem innerhalb des Vereins, das es jenen Großverdienern satzungsgemäß erlaubt, nach eigenem Willen Gremien zu besetzen und Ausschüttungen zu beschließen. Die immer weniger nachvollziehbare Starrsinnigkeit in diversen Tarifverhandlungen und deren – wie im YouTube-Streit – zum Teil katastrophalen Folgen für Musiker oder wie jetzt die Clubkultur. Das Fehlen einer ernstzunehmenden Aufsicht durch das zwar zuständige, aber scheinbar völlig überforderte und wenig sachkundige Patent- und Markenamt. Und nicht zuletzt der arrogante Tonfall und eine umfassende Ignoranz realer Verhältnisse, mit dem die GEMA-Vorstände und -Sprecher so ziemlich jeden bereitstehenden Image-Fettnapf mitnehmen.

Die aktuelle Tarifreform ist da nur der Tropfen, der das Fass womöglich zum Überlaufen bringt. Eine Komplettreform der Verwertungsgesellschaft ist längst überfällig und sie rückt gerade ein gutes Stück näher. Auch wegen der Sache mit dem Bier.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden

17:02 26.06.2012
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