Jörg Augsburg
22.05.2012 | 15:31 1

Die schwarzen Messen sind gelesen

Ton & Text Musikalische Aufreger gibt es in der Gothik-Szene kaum mehr. Trotzdem pilgert sie alljährlich zu Pfingsten zum Wave und Gotik Treffen nach Leipzig

Die schwarzen Messen sind gelesen

Rund 20.000 Gothic-Fans treffen sich alljährlich bei Wave-Gotik-Treffen in Leipzig

Foto: Carsten Koall/ Getty Images

Es hat erstaunlich lange gedauert, aus deutscher Perspektive gut zwanzig Jahre über den Daumen, bis es sogar für diese scheinbar durch nichts zu erschütternde Szene wirklich einmal zu viel geworden ist. „Geboren um zu leben“ – es ist die unkaputtbare Peinlichkeits-Hymne der letzten Jahre, als Wunschsong der Angehörigen hat er es sogar bis zur Trauerfeier für die Opfer der Techno-Veranstaltung Love Parade geschafft. Derzeit geistert „Der Graf“ durch die Eigenwerbung von Sat.1 und darf zu Champions-League-Zeiten auch mal einen schelmischen Kopfball hinlegen. „Unheilig“ – das ist sein Bandprojekt – sieht man heute nicht mehr so oft wie noch vor drei Jahren auf T-Shirts und Sweatern der Szene, die ihn groß gemacht hat.

Unheilig sind die Scooter der Gothic-Szene, sie waren schon vor dem ganz großen Erfolg eine gern gehasste Lachnummer für alle, die sich mit einem Hauch kritischem Selbstverständnis in oder an den Rändern der Szene bewegten. „Geboren um zu leben“ – der Titel ist natürlich an sich schon eine Art Treppenwitz der „Schwarzen Gemeinde“, die einen Teil ihren Mythos immer noch daraus bezieht, dass man sie sich gern auf Friedhöfen vorstellt, mit leichenblasser Miene und in Vampirkostümen. In Zeiten jedoch, in denen der Mainstream nur noch Vampire kennt, die vorzugsweise mit Waschbrettbauch jugendfrei schmachten und in der Sonne glitzern, gibt es für die „Grufties“ eine Art anhaltendes Imageproblem ihres Kerngeschäfts. Dabei gibt es „den Gruftie“ schon seit den frühen Neunzigern nicht mehr. Zu disparat ist die Szene, zu viele komplett verschiedene stilistische, musikalische, gar ideologische Ansätze versammeln sich unter dem schwarzen Banner, das außer seiner Farbe kaum einen gemeinsamen Nenner bereitstellt. Und selbst das Schwarz steht zur Debatte seit sich – ohrenfällig oft – schwäbische Bankangestellte mittels Neon-Zöpfchen und pinken Boots zu „Cybergothics“ stilisieren – ungefähr zwanzig Jahre nachdem Rodney Orpheus’ Cassandra Complex das Thema für die Szene eigentlich schon durchdekliniert hatten.

Da war das erste Jahrzehnt „Gothic“ schon im Kasten. Die musikalische Machinenstürmerei des Punk hatte tiefe Spuren vor allem in der britischen Musikszene hinterlassen. Die Gothics gehören zu den unmittelbaren Nachfolgeszenen. Bands wie Bauhaus, Siouxsie And The Banshees oder Joy Division experimentierten mit explizit düsteren Sounds, schufen sich eine neue morbide Welt, befüllt mit kultivierter Depression und durchästhetisiertem Weltschmerz. Oft genug tasteten sich die Protagonisten – ganz im Sinne ihrer Eltern im Geiste, den Velvet Underground – an die Tabubereiche der menschlichen Sexualität, des Umgangs mit dem Tod oder dem Verständnis von Religion und vor allem Christentum heran – oder mitten hinein. Einen primär musikalischen Nenner gab es schon nach kurzer Zeit kaum noch.

Sündenfall der Szene

Wer sich zu Pfingsten in Leipzig aufhält, kann all die Subszenen noch erkennen: den Altpunker im zerschlissenen Ledermantel mit Bauhaus-Sticker, den zackig gekleideten und frisierten EBM-ler mit seinen Schnürstiefeln, die überbordende Spitzenpracht der fein ziselierten New Romantics, die schmuddelige Shorts’n’Kapuzensweater-Kluft der Dark-Metaller. Das alljährliche „Wave und Gotik Treffen“ ist mit 20.000 Gästen die beständigste und wohl auch größte Szene-Versammlung. Nach 20 Jahren WGT-Erfahrung dürfte es kaum eine Stadt auf der Welt geben, in der ganz normale Omis verständnisvoller auf offen in der City umherflanierende S/M-Pärchen – in voller Lackmontur, Mann an der Hundekette – reagieren. Der Show-Wert der Selbstdarstellung ist enorm, um Pfingsten herum füllt er regelmäßig die Bilderstrecken auch der bürgerlichen Medien und wer sich mit dem Wesen von Subkultur auch nur ein wenig beschäftigt hat, weiß, dass das nicht wirklich gut gehen kann. Das Leipziger WGT ist ein großes Schaulaufen geworden, ein Gruftie-Event mit Mittelaltermärkten, Schminkkursen und gigantischen Umsätzen für alles, was auch nur irgendwie mit Schwarz handelt. Denn auch dafür ist sind die Gothics bekannt: Sie geben gern und viel Geld aus. Natürlich wird das WGT als Wirtschaftsfaktor gehandelt, von der Stadtverwaltung Leipzigs mit ihrem großzügig gehandhabten Support für die Veranstalter und innerhalb der Szene, wo gerade die riesigen Märkte voller Szeneklamotten eine Hauptattraktion darstellen

Abgrenzung hat die Szene nie gelernt, willkommen war immer jeder, der sich als „irgendwie anders“, als „Außenseiter“ einer materialistisch geprägten Gegenwartsgesellschaft begreift. Ästhetische Richtlinien, in anderen Szenen gültige Geschmacks-Konsenszwänge oder auch nur ein paar grundlegende verbindende Slogans gibt es nicht. Es ist eine Beliebigkeit, die eben auch die Türen für offensichtlichen Mist weit offen lässt. Unheilig sind nicht der erste – wenn auch erfolgreichste – Sündenfall einer Szene, die sich fast alles gefallen zu lassen scheint, vom Unheilig-Schlager über Mittelalterquatsch mit Lederschurz und Schalmeien bis hin zu sozialdarwinistischen Möchtegern-Herrenmenschen mit der Schwarzen Sonne von Himmlers Wewelsburg an der Gürtelschnalle und dem arischen SS-Ahnenerbe im Kopf.

Musikalisch sind die schwarzen Messen eigentlich schon lange gelesen. Nachdem zwischen Metal, Industrial, Worldmusic, Synthiepop, Folk und Neuer Musik so ziemlich alles eingemeindet wurde, was die (nicht nur Pop-)Musikgeschichte hergibt, dreht sich das Rad einfach nur noch weiter. Auch beim WGT in Leipzig, seit jeher der Ort für die ganz großen Reunions der Szene, geht es dieses Jahr eher ohne musikalische Aufreger ab. Wenn der britische Musiksender BBC 6 in dieser Woche zum „World Gothic Day“ nach Wunschtiteln fragt, stehen die Althelden Sisters Of Mercy, Bauhaus, Joy Division, Dead Can Dance und natürlich Fields Of The Nephilim ganz oben. Kein Song aus diesem Jahrtausend ist dabei. So gesehen, ist die aktuelle Gothic-Szene fast schon mehr Underground denn je. Wenigstens musikalisch. Man muss nur Unheilig aus dem Kopf bekommen.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden

Kommentare (1)

NeoVG 04.11.2014 | 19:56

BÄM! Immer wieder schön zu sehen, dass auch noch ein paar andere sich Gedanken abseits von Fotoshooting und Merchandise machen. Schöner Text, teilweise toll auf den Punkt gebracht.


Nur eines schmeckt faul: "Abgrenzung hat die Szene nie gelernt, willkommen war immer jeder, ..." Aehm... das muss eine andere Szene meinen. Jene die ich kenne, spuckt sich schon seit jeher gegenseitig Gift und Galle ins Gesicht. Du siehst anders aus als ich? Verschwinde! Haltet eure Szene sauber! Abgrenzung als Lebensinhalt, nur aufgegeben weil man allein weder Club halten noch Festival veranstalten kann.

Liebe Grüße,

Neo, der 2000 schon hörte, die Szene seit seit spätestens 1993 tot, sich seitdem fragt wie die ganzen Nazis in die ach so unpolitische Subkultur kommen und der die wirklich düsteren Seelen endlich gefunden hat - bei den Hippies.