Florian Silbereisen lässt grüßen

Ton & Text Irgendwo zwischen „Herbstfest der Klassik“ und „Switch“: Der „Echo Klassik“ möchte mit allen Mitteln Pop sein. Aber wer mag schon Häppchen-Kultur? Oder gar David Garrett?

Ohne David Garrett geht gar nichts. Genau genommen könnte man auf die Idee kommen, es gäbe diese ganze Übertragung gar nicht, wenn er nicht wenigstens einmal auf der Bühne stünde, am Besten ganz früh, bevor das Fernsehpublikum merkt, dass es hier um eigentlich ganz ernste Sachen geht, nämlich um Hochkultur. Man sieht also (in dieser Reihenfolge): ein kunterbunt angestrahltes Konzerthaus Berlin, einen schnieken jungdynamischen Dirigenten und sein Orchester, eine nett hin drapierte junge Blonde, die man irgendwoher kennt (man weiß es wieder, wenn man nachschaut: es war die Jury bei DSDS) und diesen Flummi mit heftigem Augenbraueneinsatz und lustigem Akzent, der letztens noch in „Wetten dass..?“ schon sehr hart an der Nervgrenze agierte. (Es sind die Moderatoren Nina Eichinger und Rolando Villazón.) Und dann kommt auch schon David Garrett, wie immer auf elegant-lässig-unkonventionell getrimmt, mit Halstuch, verschossener Hose und Stiefeln und sagt: „Ich möchte mich aber vor allem bei meinen Fans bedanken“ – es ist der Standardsatz einer jeden Echo-Verleihung. Sogar hier, beim „Echo Klassik“, wo es um eine Kultur geht, die ihre Besucher eigentlich weniger gern als „Fans“ sieht.

Warum das so ist, ahnt man nach all dem Verleihungs-Brimborium, wenn auch das ZDF wieder relevante Quotenanteile einfahren will. Mit eben jenem David Garrett, der dann an Drähten durch die Luft fliegt, jede Menge Feuerwerk dabei hat, Go-Go-Girls auf Dekotürme stellt und sein Publikum – eine gefühlte Mischung aus Zahnarzthelferinnen und Deutschlehrerinnen, die heute aber mal richtig was erleben wollen – mit Hits der Popgeschichte beglückt. Was dem angestammten Popkritiker ob der bedenken- und kontextlosen Verwurstung und der allgegenwärtigen DJ-Bobo-Ästhetik zwar schwer auf den Magen schlägt – aber der ist es immerhin gewohnt, dass das Massenpublikum sich in seine Begeisterungspräferenzen nicht reinreden lässt.

Jede Menge Fremdschäm-Momente

Massen von Publikum hätte die Klassik an sich indes schon ganz gern, zumindest nach Lesart von Bundesverband Musikindustrie und ZDF. Die schmeißen die Echo-Gala, bei der man das Niveau darum auch gern mal etwas tiefer legt. „Mit dem Zweiten singt man besser“, schleimt sich sogar das ansonsten der Geschmacksunsicherheit eher unverdächtige Vokal-Ensemble Amarcord ein, die es eigentlich nicht wirklich nötig hätten, sich hier zum Affen zu machen. Klaus Florian Vogt, „Sänger des Jahres“, entblödet sich nicht, mit einer Harley vorzufahren und per Dankesrede und „Spontan“-Talk nachzuweisen, dass weder Stil noch das gesprochene Wort seine Stärke sind. Es gibt noch eine ganze Menge dieser Fremdschäm-Momente, einige natürlich auch mit Kindern. Man wüsste überdies gern, wer die Moderationstexte geschrieben hat, nur, um zu vermeiden, jemals denselben Dienstleister in Anspruch zu nehmen.

Diese ganze Echo-Verleihung ist also ein großes Heranschmeißen ans Fernsehpublikum. Wer da konkret Preise bekommt und wofür ist fast schon egal. Hauptsache allerdings, man kann sich auf der Bühne präsentieren und die Leistungsschau des deutschen Klassik-Musikmarkts mit einem Auftritt zum Event veredeln. Das hört sich denn auch meist gut an, macht optisch etwas her und passt vor allem super in die Generallinie der Klassik-Häppchen-Kultur, die dem echten Liebhaber sicher eher ein Graus ist. So wie dieser David Garrett, der vielleicht sogar wirklich ein passabler Violinist ist – er kann immerhin gleichzeitig fliegen und spielen. Das hat ihn zum Megastar gemacht, wenn auch weniger auf den angestammten Konzertbühnen als in den deutschen Mehrzweckarenen, aber es hilft dem Absatz von Klassik-Häppchen-CDs ungemein. (Auch der Echo selbst hat eine zu bieten, sie wird in der Show direkt angepriesen.)

Herbstfest der Klassik

Man muss Garrett, dem erfolgreichsten Klassikstar, den der Moment zu bieten hat, also wohl oder übel, so scheint es zumindest, einen Preis überreichen. Für derlei hat jede Echo-Sparte – es gibt noch Pop und Jazz – ein paar Preiskategorien, die sich sachlich anhören, aber prima als leicht distanzierend durchgehen. In der Klassik ist es die Kategorie „Bestseller“. Sie ist zwar – immerhin vergibt die Musikindustrie – die eigentliche Leitkategorie, nur hat sie eben auch am wenigsten mit der reinen Qualitätslehre der Szene zu tun, dafür aber am meisten mit schnödem – nun ja – Verkaufen. Was wiederum eine Nähe zur Popmusik und deren ausgefeiltem Starsystem impliziert, die fast vergessen lässt, dass die „Klassik“ immer noch die höchstsubventionierte Kultur des Landes ist. Eine, deren kostenintensive Relevanz auf dem heiklen Argumentationsgerüst von elitärem Kulturverständnis, musikhistorisch sattelfestem Bildungsbürger-Hintergrund und exzessiver Rezeption feinster Klangnuancen beruht. Also allem, was man beim Echo versucht zu vermeiden.

Da passt, dass Moderatorin Nina Eichinger gleich kokettierend zugibt, überhaupt keine Ahnung zu haben, im Prinzip also bestätigt, dass sie nur hier ist, weil sie ganz gut aussieht und blond ist. Was einen schönen Kontrast herstellt zu Rolando Villazón. Der ist immerhin wirklich Opernsänger, wirkt aber hier wie eine überdrehte, dunkel gefärbte Kopie von Florian Silbereisen, mit seiner unverwundbaren Frohsinnigkeit, den groß ausholenden Armbewegungen und seiner – die fällt bei Villazón sogar noch mehr auf – Augenbrauenmimik, die wohl irgendwie ungezwungen lustig wirken soll. Nur, dass wir hier weder beim MDR und einem dort absolut vorstellbaren „Herbstfest der Klassik“ sind, noch bei Pro Siebens „Switch“. Sondern beim „Echo Klassik“. Obwohl – wieso überhaupt noch diesen Unterschied machen?

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden.

15:47 16.10.2012
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