Geld vom Staat? Aber klar!

Ton & Text Die Bundesstiftung Initiative Musik hat wieder ausgeschüttet: 900.000 Euro für die jährlichen Spielstättenpreise. Die passen ins aufgewertete Bild der Populärmusik

Nun ja, für Geld und Anerkennung macht man vieles. Auch einiges, das man sich noch vor wenigen Jahren in der Musikszene kaum vorstellen konnte. Zum Beispiel, sich mit Monika Grütters, CDU, auf eine Bühne zu stellen und in die Kamera zu prosten. Immerhin ist die Kulturstaatsministerin und hat Schecks dabei. Es ist halt Verleihungszeremonie. „APPLAUS“ heißt der noch gar nicht so alte Spielstättenpreis der Initiative Musik neuerdings, was eigentlich recht schlüssig klingt, allerdings dann doch eher obskur anmutet, wenn man entdeckt, dass es sich dabei um eine auf Biegen und Brechen zusammengebaute Abkürzung von „Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“ handelt. (Viel Spaß beim Nachtüfteln!)

Zum dritten Mal verleiht das Popmusik-Förderprogramm des Bundes diese Auszeichnung, ungefähr 900.000 Euro werden insgesamt ausgeschüttet, immerhin 64 Clubs und Veranstaltungsreihen unterhalb der wirtschaftlichen Größenordnung der Arenen und Mehrzweckhallen können sich in diesem Jahr über Preise zwischen 5.000 und 30.000 Euro freuen. Und darüber, dass sie noch ein bisschen positive Presse außer der Reihe bekommen. Nötig dürften es alle haben. Livemusik ist ein traditionell risikobehaftetes Unternehmen, das in den letzten Jahren noch deutlich schwieriger geworden ist. Das liegt an den generell veränderten Rahmenbedingungen der Musikszene, deren Protagonisten Konzerte zum schlichten materiellen Überleben brauchen. Am immer noch wachsenden Konkurrenzdruck durch den enorm ressourcenbindenden Festivalboom, der Bands nicht nur Sperrfristen und -räume vorgibt, sondern auch noch das Gagenniveau nachhaltig so verschiebt, dass Clubs deutlich schlechter mithalten können. Schließlich ist die Kalkulation eines Konzerts im Club meist eh schon grenzwertig gestaltet, lässt sich oft nur durch Querfinanzierung zum Beispiel mit vergleichsweise kosteneffektiven Discoveranstaltungen überhaupt stemmen. Obendrein stehen den angestammten Clubs mit offiziellem Status, Behördengenehmigungen und GEMA-Abgaben gerade in Ballungsgebieten noch jede Menge mehr oder weniger illegaler Veranstalter gegenüber, die im Tagesgeschäft nicht unerhebliche Publikumsmengen abziehen. Nicht von der Hand weisen lässt sich auch ein Gentrifizierungs- und damit Neuanwohnerproblem, dass Clubs oft gerade aus den Vierteln verdrängt, die sie mit ihrem Angebot eben erst aufgewertet haben.

Von einem immer mal wieder beschworenen „Clubsterben“ – so wie in Großbritannien, wo laut Erhebungen des Lobbyverbandes ALMR in den letzten zehn Jahren die Hälfte aller Clubs schließen musste –  ist die Szene indes weit entfernt. Gerade mal drei Einträge umfasst die „Rote Liste bedrohter Clubs“ des Interessenverbandes Livekomm im Moment. Und langsam aber sicher werden Musikclubs auch aus politischer Sicht wahrgenommen.

Dabei spielen vor allem drei Aspekte eine wichtige Rolle. Popmusik (Jazz sogar in noch stärkerem Maß) wird zunehmend als „Kultur“ akzeptiert, ähnlich wie „Hochkultur“, wenn auch auf einer immer noch gerade finanziell marginalen Basis. Außerdem gilt sie zumindest in fortschrittlicheren Stadt- und Landesverwaltungen inzwischen durchaus als respektabler Zweig der Kreativwirtschaft – mit dem Schwerpunkt auf Wirtschaft, also mit Blick auf Umsatzgenerierung, Arbeitsplätze, Abgaben. Und – schließlich – gelten Clubs mehr denn je als essenzieller Bestandteil eines neuartigen Konzepts von Stadtteilentwicklung und Standortmarketing gleichermaßen, das vor allem auf jüngere, perspektivisch wertvolle Generationen zielt. Auch die Musikszene selbst orientiert sich auf dieses Rollenmodell im Kulturwirtschaftsgefüge der neuen Bundesrepublik, deren Vorreiter Berlin und Hamburg beachtliche Apparate und Haushaltsmittel zur Verfügung stellen, um den neuen Bedingungen Rechnung zu tragen. Sogar im Kernland der bibelfesten Jugendkulturfeindlichkeit – Baden-Württemberg – wurde soeben das bis dato strikte Tanzverbot an Feiertagen gelockert.

Der Spielstättenpreis der Initiative Musik passt in dieses Bild, unterfüttert die Bemühungen um eine Eingemeindung von Populärkultur in einen auch offiziös akzeptierten Positiv-Status. Wobei man natürlich nicht aus den Augen verlieren darf, dass die Preise meist nicht viel mehr als eine nette Draufgabe auf das Tagesgeschäft sind. Jeder mittelgroße Club der Kategorie II erzielt mit ein bis drei normalen Konzerten Eintrittsumsätze im Bereich des 15.000-Euro-Preises. Bei mehr als 50 Konzerten im Jahr relativiert sich die Summe also schnell. Allerdings darf man den Antrag darauf jedes Jahr neu stellen. Bei bisher insgesamt ungefähr 300 Anträgen jährlich, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann einfach nochmal dran ist. Sehr viel höher als anderswo dürfte die Wahrscheinlichkeit dafür in den „Fünf Neuen Ländern“ sein.

Nicht übersehen lässt sich ein Ungleichgewicht der Preisvergaben nach West und Ost. Dafür lässt sich sicher nicht die (allerdings auch rein westlich besetzte) Jury verantwortlich machen. Es verweist auf einen immer noch grundlegenden infrastrukturellen Nachteil des Ostens außer in Berlin. Die Dichte an Clubs ist deutlich geringer, sowieso außerhalb der Popkulturell halbwegs erschlossenen Metropolen, von denen es im Moment genau genommen nur eine gibt; das derzeit eh schon allerorten gehypte Leipzig. Sogar dort allerdings zählt Populärkultur immer noch eher als lästig, als kulturell nicht weiter fördernswert und nur im Ausnahmefall als expliziter Bestandteil von Stadtplanung. Und Leipzig ist nach Ostverhältnissen ganz vorn, schon im sich gern als Kulturstadt rühmenden Dresden sieht das noch deutlich düsterer aus, von den Provinzen nicht zu reden. Umso mehr fällt ein Preis wiederum ins Gewicht. Da kuschelt man denn eben auch mal mit Frau Grütters. 

15:36 15.10.2015
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