Hilfe, the winner is Xavier Naidoo

Ton und Text Die Grammys sind durch, jetzt kommt der schlimme Rest. Gerade die deutschen Awards sind eigentlich nur noch peinlich

Der Reigen ist eröffnet. Die Grammys sind verliehen und dies ist der alljährliche Auftakt zum Award-Marathon des Jahres. Schon diese Woche gehts zumindest hierzulande ins Rennen nach Oslo, im März folgt der Echo, und auf der Insel stehen vorher noch die Brit-Awards an. Allesamt werden diese Ereignisse zu „Events“ stilisiert, medial breit beleuchtet, im Feuilleton ebenso rekapituliert wie im Boulevard. Und?

Nicht viel. Oder kann sich noch jemand an die Grammy-Gewinner des letzten Jahres erinnern? Einen Verkaufsschub soll es geben, klar, aber wie oft kann man einen (diesmal eher so mittelprächtigen) Beyoncé Knowles-Song überhaupt noch unters Volk bringen, auch wenn jetzt „Song Of The Year“ draufsteht?
Glamour zumindest gibts bei der Verleihung satt und den Moment, wenn Pink die Hüllen fallen lässt, wird sich diese Woche bei allen „BrisantExklusivExplosivs“ zur Genüge nachschauen lassen. Der Rest ist mehr oder weniger Langeweile. Um sich als Deutscher die Zeremonie nachts über die ganze Länge anzuschauen, muss man schon an akuter Schlaflosigkeit leiden oder wenigstens einen beruflichen Auftrag haben.

Immerhin entscheiden bei den Grammy Awards noch Musikindustrie-Fachleute. Das gilt selbstverständlich auch für die Brit-Awards, die aus popmusikalischer Sicht der weitaus wichtigere Preis sind, auch, wenn die übermächtige Dominanz der großen Plattenkonzerne immer wieder kritisiert wird. Immerhin: Erstaunte Aufmerksamkeit verdiente sich die Nominierungsliste der Brit Awards in diesem Jahr, indem sie ungeachtet aller Chartsrealitäten schlicht und einfach Castingsirene Susan Boyle ignorierte. So kann man auch Punkte machen.

Privatradio-Moderatoren

Ein wenig wehmütig denkt man an die Blütezeit der MTV-Awards in den Neunzigern zurück, die erstmals eine gewisse globale Echtzeit-Wirkmächtigkeit für Pop-Preisverleihungen entwickeln konnten. Die beste Zeiten sind wie beim Muttersender selbst vorbei und die Übersicht über die MTV-Awards hat man eh schon lange verloren. Aller paar Monate gibst irgendwo in Europa, Nord- oder Südamerika eine gigantische Show, von denen weniger die Preisträger, denn die Gimmicks in Erinnerung bleiben. Ein exzessiver Kuss zwischen Madonna und Britney Spears etwa, oder eine Arschbombe von „Brüno“ ins Gesicht von Eminem. Inszeniert sind diese "Skandale", aber man kann MTV zu Gute halten, dass sie das wenigstens noch können.

Dass Deutschland trotz Kraftwerk, Rammstein oder (man muss das irgendwie anerkennen) Tokio Hotel biederste Pop-Provinz sind, lässt sich am absurden Spektakel um den Eurovision Song Contest bestens ablesen. Denn bei aller nachsichtigen Abgestumpftheit gegenüber dem sattsam allgegenwärtigen Thema: Es ist nicht nur egal, welcher der vielen belanglosen deutschen Unterhaltungsmusiker dort auf der Bühne steht, es ist auch ganz bestimmt nicht wichtig, welchen Platz das ergibt. Denn aller europäischen Einheit zum Trotz und ungeachtet der zweifelsfrei enorm regen und kreativen Untergrund-Szenen zwischen Elbe und Ural – der dominierende Massengeschmack ist nun mal geradezu absurd abseitig und telefonfreudig. (Und nur, weil eine geschmacklich verwirrte deutsche 90er-Generation es kurzzeitig mal als hip empfand, Schlagerpartys zu feiern, müssen wir heute immer noch die Last dieses lächerlichen Wettbewerbs der Nationen tragen?) Jetzt also mit Raab, dessen eigener Songcontest in den letzten Jahren zunehmend zur peinlichen Selbstdarstellungsposse degenerierter Privatradio-Moderatoren wurde?

„Künstler National Rock/Pop“ ist die Leitkategorie beim Echo benannt und wem schon die Bezeichnung keinen Brechreiz hinterlässt, sollte seine Sozialisation hinterfragen. Nominiert sind 2010 allen Ernstes Roger Cicero, David Garrett, Michael Hirte, Marius Müller-Westernhagen und Xavier Naidoo. Fast noch schlimmer siehts bei den „Künstlerinnen“ aus: Eisblume , Annett Louisan, Ina Müller, Nena, Cassandra Steen. Es geht halt um Verkaufszahlen, ausschließlich, etwas anderes interessiert die deutsche Musikwirtschaft bekanntlich nicht, heutzutage – Stichwort Krise – schon gar nicht.

Die Veranstalter haben sich in den letzten Jahren darauf verlegt, das Ereignis als „zweitwichtigsten Musikpreis der Welt“ zu vermarkten, was mindestens eine Frechheit ist, lächerlich sowieso. Seit der Echo im Fernsehen gesendet wird, bemüht man sich vergeblich, so etwas wie eine große Show zu bieten, die ablenkt von all dem Elend im Saal und auf der Bühne. Eine diskret zeitversetzte Ausstrahlung sorgt dafür, dass eventuelle Ungehörigkeiten gleich gar nicht über den Sender gehen, Kategorien, deren Gewinner es wagen, ihren Preis zu ignorieren, werden an die zeitliche Peripherie verschoben. Meist nicht zu sehen ist auch das ritualisierte gellende Pfeifkonzert, wenn die alljährlich gleichen Schlager- und Volksmusikstars ihren x-ten Echo in Empfang nehmen und darüber jammern, dass sie nicht ernstgenommen werden. Von all denen im Publikum, die man andererseits eigentlich auch nicht ernst nehmen möchte. So gesehen, sind eine Nacht mit den Grammys oder acht Abende mit Stefan Raab natürlich erträglich.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit entstandenmotor.de

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17:00 02.02.2010
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Ausgabe 42/2021

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