I Love You Jazzy

Ton & Text „Unaufgeregt, entspannend, beruhigend“ – der Echo Jazz ist das Flaggschiff eines fatalen Musik-Missverständnisses und zeigt überdeutlich, warum Jazz in der Krise ist
I Love You Jazzy
Götz Alsmann am Tresen

Foto: Jerome Bonnet

„Im Café de la paix in Paris“ singt Götz Alsmann und es wirkt ein wenig bizarr, nicht nur weil er in Magdeburg auf der Bühne steht, dessen immer noch schwer ostdeutsches Elbe-Flair nun so rein gar nichts von der Stadt an der Seine hat. Das Publikum besteht nämlich aus der Schunkelfraktion, jenen vorwiegend Älteren oder offensichtlich geschmacklich Irregeleiteten, die der Mitteldeutsche Rundfunk halt so in seinen großen Samstagabendshows vorzeigt. Und das Schlimmste: Auf der Bühne singt nicht nur Alsmann in der pittoresken Kulisse, sondern auch sein Gastgeber, Florian Silbereisen. Es ist „Sommerfest der Abenteuer“, live zur Primetime in der ARD. Der Anschlusstermin im Sendegebiet folgt umgehend, in Dresden erhält Alsmann den Preis als „Jazz-Sänger des Jahres national“. So kann’s gehen.

Seit drei Jahren vergibt die Deutsche Phono-Akademie, eine Art Propaganda-Ausschuss des Verbandes der Musikindustrie, neben den weitaus älteren Echos für Pop und Klassik auch den Echo Jazz. Genau genommen sind es gut 30 Einzelpreise, neben den Leitkategorien gibt es noch jede Menge Awards für Spezialisten ganz bestimmter – so denkt man sich dann als Laie – wahrscheinlich für die Herstellung von Jazz unabdingbarer Instrumente, die Musikbusiness-üblichen für Best-Label-Best-Liveact-Best-Umfeld und natürlich einen Preis für das Lebenswerk. Verliehen werden die meisten Echos von einer Jury, die – und das erstaunt Kenner des großen Bruders Pop-Echo dann doch – gar nicht geheim ist, also im Gegensatz zur Pop-Jury sehr wohl manipuliert oder gar bestochen werden könnte. Aber so etwas tut man im Jazz wahrscheinlich nicht. Bezweifelt werden darf hingegen, ob diese Fülle an Preisen über mehr als ein paar Jahre hinweg überhaupt tragbar ist. Denn so dicht ist die Personaldecke nicht, vor allem in der ja doch eher überschaubaren deutschen Jazz-Szene. Erste Ermüdungserscheinungen sind nicht zu übersehen. Zum dritten Mal in Folge (wir erinnern uns: von insgesamt drei Mal) wurde ACT Music zum Label des Jahres gekürt. Ohne am Verdienst des überaus rührigen Labels Abstriche zu machen: Eine sich bewegende, lebendige Szene sieht gemeinhin anders aus.

Rückzug ins Klassizistische

Auf die engere Jazz-Szene zielt der Echo aber ohnehin nicht ab. Gewollt ist die Gala, der Glamour, die große Bühne. Es gibt folgerichtig auch einen Roten Teppich und „die Stars werden dabei in zwölf Phaeton, zwölf CC, vier Multivan und zwei Touareg zum roten Teppich chauffiert", wie Sponsor VW, in dessen Räumen die Sause steigt, detailgenau vermeldet. Das wirkt denn doch ein wenig weltfremd bis ignorant, gerade gibt es eine „Jazz-Debatte“ um die Relevanz der Musikkultur, die Lebensbedingungen der Künstler, für Skeptiker steht gar eine handfeste existenzielle Sinnkrise im Raum. Wer den Echo als Maßstab nimmt, weiß auch, woher die kommt.

Es gibt vor allem zwei grundsätzliche Probleme. Jazz scheint – wenn wir schon bei VW sind, können wir auch gleich mal in der Ingenieurssprache wildern – „ausentwickelt“. Die Zeit der wirklichen Innovation liegt inzwischen mindestens zwanzig Jahre zurück. Spätestens seitdem gibt es nur noch Variationen des schon Erspielten, im besseren Fall sind das feine Detailverliebtheiten oder kühne Annäherungen an nebenliegende Sparten wie Neue Musik oder Pop, vor allem in seiner elektronischen Spielart. Der öffentlich wahrnehmbare – und durch diesen Echo deutlich herausgestellte – Eindruck ist aber der Rückzug ins Klassizistische.

Ohne Keller-Charme und Drogen

Noch viel schwerer fällt allerdings das grundlegende Missverständnis ins Gewicht, mit dem Jazz hierzulande betrachtet wird. Dessen derzeit vielbeschworene „Krise“ rührt ja vor allem daher, dass er jedes Aufregungspotenzial verloren hat. Das „revolutionäre Moment“ – so nennt es Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung – ist verloren gegangen, Jazz ist betulich geworden, wohnt nicht mehr im Keller und nimmt auch schon lange keine Drogen mehr. Er ist ja nicht mal mehr „schwarz“, zumindest steht seine aktuelle Legitimation als originäre und identitätsstiftende „Black Music“ in den Staaten gerade zur Diskussion. Beim Echo geht es um derlei kulturelle Grundlagen schon gar nicht mehr. Nadja Auermann, Model und hier für den ansonsten etwas vernachlässigten international vorzeigbaren Glamour-Faktor zuständig, hört Jazz „vor allem dann, wenn ich mich entspannen will“. Für Laudatorin Collien Ulmen-Fernandes (kennt man vielleicht aus dem Boulevard-TV oder von VIVA) hat Jazz „etwas sehr Beruhigendes“. Und Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai mag Jazz, weil er „eine völlig unaufgeregte, entspannte und entschleunigte Musik ist“. Die emanzipatorische Widerborstigkeit, die dem Jazz ja eigentlich innewohnt, wird hier zu Gunsten einer beliebigen Eingängigkeit auszumerzen versucht. Preiswürdig ist nach Echo-Maßstab Gefälligkeitsjazz, eine Bezeichnung, mit der man sicher einem bewusst nostalgisch agierenden Götz Alsmann nicht zu nahe tritt – dem eigentlichen Ansinnen des Jazz allerdings schon.

Gerade Tabatabai ist ein herausragendes Beispiel für diese fatale Entwicklung. Vor Jahren schon mit der – mit Verlaub – grauenhaft uninteressanten Middle-of-the-road-Popband Bandits zu gewisser Bekanntheit als Sängerin gelangt, wurde sie als „Jazz-Sängerin des Jahres“ gewürdigt. Ihr Album „Eine Frau“ bietet klimperndes Hotellobbypiano und Texte vom Kaliber „Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen, du siehst auf deinem Gang die dich vergaßen. Ein Auge winkt, die Seele klingt, du hast's gefunden, nur für Sekunden“. Wer, bitteschön, wundert sich da über eine Krise? „I love you jazzy“ sagt Schauspielkollegin, Freundin und Laudatorin Katja Riemann prompt. Nur: „jazzy“ ist so ziemlich das Gegenteil von Jazz.


„Echo Jazz“ im TV: 7. Juni, 23.35 Uhr, (ausgerechnet) MDR

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden

16:00 06.06.2012
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