I’ve Seen The Future, It Is Murder

Ton & Text Immerhin wird um Musik noch leidenschaftlich gestritten: Ein Artikel von Berthold Seliger, ein offener Brief von Mark Chung, deftige Schimpfe – aber keine Zukunft

Berthold Seliger ist ein sehr renommierter Konzertveranstalter in Berlin. Seine Konzerte stehen für den – sagen wir mal – gediegenen Independent-Geschmack der nicht ganz so jungen Generation, die auf Bands wie Calexico, Lambchop oder Tortoise vertraut. Seliger ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, seit Jahr und Tag meldet er sich immer mal wieder zu Wort, wenn ihm etwas sauer aufstößt. Zuletzt veröffentlichte er einen Artikel in der Zeitschrift Konkret: „Die Leistungsschutzgelderpresser – Wie die Kulturindustrie am altbackenen Urheberrecht festhält, um es zu ihren Gunsten auszuschlachten“.

Auch der VUT bekommt sein Fett weg

Das Urheberrecht ist ein derzeit dauerbrennendes Themenfeld. Den Diskussionen um seine – je nach Position – eklatanten Mängel oder unverzichtbaren Vorzüge konnte in den letzten Jahren kaum entgehen, wer sich zum Beispiel für Entwicklungen hinter dem reinen Musikkonsum interessierte. Seligers Artikel rechnet – wenig überraschend – mit der Lobby-Arbeit der Major-Musikindustrie und den Bestrebungen der Politik nach drakonischen Regelung zur Verhinderung von „Raubkopien“ ab, und geißelt das Ziel eines allgemeinen Leistungsschutzrechts.

So weit, so wenig überraschend. Mächtig Fett weg bekam aber auch der VUT – der „Verband unabhängiger Musikunternehmen“. Das ist der Dachverband für die deutschen Independent-Plattenfirmen, also die meist eher kleinen Labels. Es gehört zur unausrottbaren Popmusik-Folklore, dass Majors reich aber böse und Independents arm aber gut seien. Dass Majors reaktionär, Independents fortschrittlich denken würden. Seliger sieht das – vorsichtig ausgedrückt – ein wenig anders und bescheinigt gerade dem VUT-Vorstand und vor allem dessen Chef Mark Chung eine „besonders unglückliche Rolle“ als „Nickmännchenverein, der reaktionäre Verwerterforderungen mit dem Siegel alternativer, ,unabhängiger’ Firmen versieht“.

In der Tat ist der VUT seit einiger Zeit rege am Mitdiskutieren – es ist sicher auch nicht verfehlt, vom Versuch des Strippenziehens hinter den Kulissen, also bei den Parteien, zu sprechen. Aus seiner Abneigung gegen jedwede Aufweichung des klassischen Urheberrechts nach den Vorstellungen vor allem von einschlägig bekannten Netzaktivisten macht der Verband kein Hehl. Deutlich spürbar bei den Wortmeldungen ist dabei ein wachsender unterschwelliger Frust gegenüber den immer wieder lässig erhobenen Vorwürfen, man solle sich nicht so haben. Arg verkürzt dargestellt lautet die Position der Netzaktivisten: Wenn die alten Erlösmodelle wegbrechen, müsste man sich eben etwas Neues einfallen lassen. Und überhaupt: Musik mache man ja schließlich nicht des Geldes wegen.

Rustikaler Rundumschlag

Mark Chung war vor Zeiten Bassist der Einstürzenden Neubauten, er gründete 1984 mit Freibank einen der wichtigsten Independent-Musikverlage des Landes, war bis 2005 neun Jahre lang Vizepräsident von Sony Music International in London und ist seit fünf Jahren Vorstandsvorsitzender des VUT – wohlgemerkt ein ehrenamtlicher Job. Man kann also voraussetzen, dass er mehr Einblick in die Vorgänge der Musikindustrie hat als gewöhnliche Sterbliche und über eine gewisse professionelle Robustheit verfügt. Seligers Seiteneinwurf hat jetzt allerdings wohl ein Fass zum Überlaufen gebracht. In einem geharnischten offenen Brief holt Chung zum rustikalen Rundumschlag aus. Natürlich gegen Seliger – dem er Unverständnis, Falschinformation, schlechte Recherche und reine Polemik vorwirft. Aber vor allem gegen „hochprofitable, monopolistische Internetkonzerne“ wie Google, „deren Profitmaximierung das Urheberrecht häufig im Weg steht“, gegen Telekommunikationskonzerne und Breitband-Provider, gegen die „ganz oder fast ausschließlich auf der technischen Ermöglichung massenhafter Urheberrechtsverletzungen beruhenden“ Geschäftsmodelle à la Rapidshare-Megaupload-kino.to, gegen die „vor allem online, in Blogs und Foren“ gestreuten „teils absurden und abwegigen Fehlinformationen“, auch gegen „selbsternannte ,Internet-Evangelisten’ von Beckedahl bis Kreuzer“ (gemeint sind die Betreiber der recht einflussreichen Blogs netzpolitik.org und irights.info).

Es ist eine Generalabrechnung, die mit vielen Quellen belegen soll, was faul ist an den Argumenten der Netz-Liberalisten und Urheberrechts-Verdammer. Und natürlich sind etliche Argumente für ein „starkes“ Urheberrecht durchaus schlüssig, da muss man noch lange keine Netzsperren befürworten. Nur: eine Lösung für das eigentliche Dilemma hat Chung auch nicht parat: Die Diskussion hechelt der technischen Entwicklung hinterher. Musik ist ein immer weniger knappes, immer weniger wertvolles Gut geworden. Sie ist unabhängig von den Interessen der eigentlichen Urheber prinzipiell für jeden verfügbar, Geld für Musik auszugeben ist zunehmend nur noch eine Frage der persönlichen Moral. Dagegen ernsthaft gesetzlich vorzugehen, würde eine radikale Einschränkung bürgerlicher Freiheiten verlangen. So what?

Deutlich wird am Streit vor allem eins: Die alten Fronten sind endgültig obsolet. Die neuen verlaufen entlang neuer Interessenlinien – mitunter auch entlang einer generellen Kapitulation. Wer heute beginnt, Musik zu machen, erwartet mehrheitlich gar nicht mehr, davon irgendwann einmal leben zu können. Ein großes Ziel der altmodischen Rock'n'Roll-Karriere ist hinfällig geworden: Reichtum. Für diese – diesbezüglich illusionslose – neue Generation sind die „Alten“ nur noch ein seltsames Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Nur: Warum sollten die freiwillig abtreten und ihre Interessen mirnichtsdirnichts aufgeben? Es ist ein Graben, der sich in allen Diskussionen immer wieder auftut, ob es um „Raubkopierer“, neue Erlösmodelle, die GEMA oder Hadopi-Sperren geht.

Das vielbeschworene „Miteinander Reden“ funktioniert dabei nicht. Zumindest ist bisher noch niemandem eingefallen, wie man die generell schwindenden Erlöse so umverteilen kann, dass nicht irgendjemand dabei verliert. Wer vom bisherigen System lebt, verteidigt es, klar. Es werden nur immer weniger. Und irgendwann, in nicht wirklich ferner Zukunft, wird ihre bisherige Verhandlungsposition schon mangels Masse unhaltbar sein. Natürlich wird das dramatische Folgen für die Popmusik haben, weil „Hobbymusiker“ trotz aller heute euphorisch angepriesenen Freiheit in der Musikproduktion weniger gute Musik liefern werden. Es ist keine schöne Zukunft für Liebhaber von Popmusik jenseits der Retro-Resteverwertung, soviel ist sicher. Aber bis dahin freut man sich immerhin über jeden mit Herzblut geführten Streit zwischen Menschen, denen Musik zweifelsfrei am Herzen liegt. So gesehen: Danke Berthold Seliger und Mark Chung.

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17:05 15.11.2011
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Ausgabe 38/2020

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