Jörg Augsburg
11.01.2012 | 19:05 2

Jazz hat’s. … Nicht.

Ton & Text Eine Petition und sehr viele sehr große Forderungen – nur helfen wird das dem deutschen Jazz bestimmt nicht. Woher wir das wissen? Gab's alles schon

 „Liebe Jazzmusiker“, möchte man ihnen am Liebsten zurufen, „ja, ihr habt Recht, die Welt ist schlecht. Und früher war alles besser.“ Schon aus reiner Kulturbetriebs-Solidarität, denn gerade wer eher popmusikalisch sozialisiert ist, kann sich jetzt ein starkes Déjà-vu bescheren, indem er den Aufruf „Initiative für einen starken Jazz in Deutschland“ liest. Grund zum Jammern gibt es für Musiker genug: Zu wenig Auftrittsmöglichkeiten mit überdies lächerlichen Konzertgagen, Geringschätzung von Seiten der Kulturpolitik, Verteilungsungerechtigkeit zu Gunsten der „Hochkultur“, zu viel teuer qualifiziertes Künstlerpersonal mit zu wenig Förderung, internationale Bedeutungslosigkeit – und natürlich der zeitlose Klassiker jeder urbanen Szene: fehlende Proberäume. Kurz: Die Lage des Jazz in Deutschland ist alles andere als rosig und schon der Eröffnungssatz der Petition klingt wie eine Mischung aus Pfeifen im Wald und einer Rede eines beliebigen Kulturstaatssekretärs: „Jazz aus Deutschland ist lebendig, vielfältig und spannend.“ Na klar!

„Jazz hat’s!“ hieß das früher schon mal – schön naiv aber immerhin sehr viel prägnanter – in den Siebzigern und Achtzigern im Osten, es war der Werbespruch der Leipziger Jazztage, die damals unbestritten das interessanteste Jazzfestival der DDR waren. Und tatsächlich: Mehr noch als jenseits der Mauer ging es dem Jazz damals vergleichsweise gut, zumindest, wenn man damit die Kultursparte meint. Dem Menschen an sich, auch dem Jazzer, ging es den Umständen entsprechend deutlich schlechter, was zum Beispiel die renommierten Ostjazzer Uschi Brüning oder Ernst-Ludwig Petrowsky noch wissen werden. Die gehören zu den Erstunterzeichnern des aktuellen Aufrufs. Nun war Leipzig damals – mit wenigen, allerdings denkwürdigen – Ausnahmen nicht unbedingt ein Hort des internationalen Jazz-Jetsets, der Charme des Festivals bestand vor allem darin, dass die Toleranz des – aus heutiger Sicht überdies auch noch traumhaft zahlreichen und jungen – Publikums praktisch nicht zu erschöpfen war, im Gegenteil: Je wilder, experimenteller und natürlich auch langer in die Nacht hinein die Konzerte ausuferten, desto größer die Begeisterung.

Man hatte ja sonst nix!

Man kann – und jetzt kommt natürlich der Haken an der Sache – diese Popularität von Jazz selbstredend nicht von den bedrückenden gesellschaftlichen Umständen trennen. Jazz hatte einerseits den Vorteil, dass er Genre-bedingt weniger als Revolte-verdächtig galt und so etwas mehr offizielle Freiräume genießen durfte, die denn auch oft genug weit ausgereizt wurden. Und es galt natürlich auch: Man hatte ja sonst nix! Jazz war eine Art Ersatzbefriedigung, die sich schnell als solche herausstellte, sobald die Schranken des Systems fielen. Die Leipziger Jazztage gibt es heute noch, sie gelten nicht als wirklich wichtiges Festival und versuchen seit Jahr und Tag ein neues, irgendwie attraktives Profil zu finden. So wie der Jazz halt insgesamt. Ihm ist die Relevanz abhanden gekommen.

Jazz ist – anders als in den Fünfzigern im Westen oder den Achtzigern im Osten – nur noch eine kleine Nische im Kulturbetrieb, die es nicht in den Kanon des offiziösen bürgerlichen Kulturbetriebs geschafft hat und die im Vergleich zur Popmusik noch nicht einmal die – wenn auch vage – Verheißung von Ruhm und Reichtum gewähren kann. Und „sexy“ ist deutscher Jazz im Moment wohl auch nicht gerade. Das legt zumindest ein Blick in die Petition sehr nahe. Selten las man ein drögeres Gejammer, einen berechenbareren Forderungskatalog, ein peinlicheres Heranwanzen an die vermeintlichen Honigtöpfe öffentlicher Förderung. Ein wenig unwürdig wirkt das, bescheinigt sich selbst erstmal eine „Randexistenz“, ist aber immerhin noch trotzig genug, genau daraus eine Wunschliste abzuleiten, die man nur utopisch nennen kann. Der Staat solle doch bitte schön alles wieder in Ordnung bringen: Neben jedes Opernhaus gehört eine Jazz-Spielstätte, Auslandstouren müssen bezahlt werden, Jazz-Vertreter müssen in die „relevanten Gremien, die über Fördermittel oder Rahmenbedingungen entscheiden“, Jazz gehört in die Schullehrpläne und eine „erschwingliche Rechtsschutzversicherung“ bei der Künstlersozialkasse darf es dann auch noch sein. An einer der zentralen Forderungen, Mindestgage, zweifelt sogar Szene-Altvater Peter Brötzmann in der Süddeutschen Zeitung, die ihren Artikel – und das ist fast schon wieder lustig – „Wir haben genug gelitten!“ betitelt.

Nur um das festzuhalten: Natürlich ist die Kulturpolitik dieses Landes dem Geist des 19. Jahrhunderts näher als dem des 21.. Klar, jeder sollte ein Mindesteinkommen beziehen oder wenigstens Mindestlohn und Kunst – auch Jazz – ist ein hohes, wertvolles Gut. Aber – und da schauen wir doch mal auf die vielbeneidete Hochkultur – deren tatsächlich irrsinnig verhältnislose Subventionierung ist kein Ausweis von Vitalität oder Attraktivität sondern deren Substitution. Es wird vielleicht ein paar Musikern besser gehen unter den Fittichen der Institutionen oder unter der Fuchtel städtischer Kulturdezernenten. Dem Jazz an sich wird das nicht helfen. Es wird keinen Besucher davon überzeugen, vielleicht doch gern mehr als fünf oder zehn Euro für ein Konzertticket eines hoffnungsvollen Musikers zu bezahlen, weil man unbedingt sehen und hören möchte, was da vorn auf der Bühne passiert. Es wird keiner noch so engagierten Plattenfirma dazu verhelfen, mehr deutschen Jazz zu verkaufen. Es wird kein renommiertes Festival der Welt dazu zwingen, statt auf mehr oder weniger abgehalfterte Rockgrößen oder billigen „NuJazz“-Euphemismus wieder auf die pure Freude an hemmungsloser Improvisation zu setzen. Schon gar nicht auf deutsche. Woher man das weiß? Gabs alles schon. Vor gut zwanzig Jahren. In der Popmusik. Die Institutionen hießen „Rockbüro“ oder „Rockbeauftragter“. Es gibt sie nicht umsonst nicht mehr. Und noch eine – allerdings erstmal wenig trostreiche – Erfahrung hat die Popkultur zu bieten. Sie hatte ihre besten Phasen immer dann, wenn es den Akteuren sonst eher dreckig ging. So gesehen, darf man die Hoffnung für den deutschen Jazz nicht aufgeben. Denn es wird ihm noch sehr lange nicht gut gehen.

Dieser Text ist in Kooperation mit entstanden.motor.de

Kommentare (2)

saxophonistisches 23.01.2012 | 21:56

Was soll denn diese Miesmacherrei?
Klar sind die Forderungen nicht neu und sie sind auch Utopisch, aber Verdi verlangt doch auch nicht nur einmal ein Gehaltsplus von 1%,
Was spricht dagegen, dass eine Szene die in der Tat etwas zu wenig vom Förderkuchen bekommen hat, nach einem größeren Stück verlangt.

Aber es gibt einen Unterschied zu früheren aufrufen. Damals war man nicht so vernetzt wie heute. Facebook und Blogosspehre haben letztes Jahr die halbe Islamische Welt umgekrempelt, da kann es für deutsche Jazzer evt. auch etwas leisten. Schaut man sich den aktuellen Diskurs im Netz an, dann kann man schon sagen, dass der aktuelle Aufruf bereits etwas bewirkt hat.