Let’s Get Ravey!

Ton & Text „Viel hilft viel“ war schon immer die Devise des Hypes. Aber jetzt muss man Dubstep wohl oder übel für tot erklären. Denn es bleibt bloß noch verbrannte Erde
Let’s Get Ravey!
Dubstep galt nach Drum&Bass als "next big thing" und war im letzten halben Jahrzehnt der dominierende Trend in den Clubs

Foto: Mike Reger

Es ist dann doch eher so ein handzahmes Wobbeln geworden auf der ersten Single, gerade noch irregulär genug, um nicht gleich über den Haufen zu werfen, was man vorher großspurigst per Trailer und Verlautbarung angekündigt hatte: Muse machen jetzt etwas radikal Anderes. Nämlich Dubstep. Muse zählen zu jenen, die es immer ein wenig dicker aufgetragen mögen, seit Jahr und Tag gilt ihr Bombast-Gitarrensound als perfekt stadiontauglich, wird von ihnen jede potenzielle Ruhestelle im Sound mit Klangbrimborium und exaltiertem Stimm-Overacting aufgefüllt. Es gibt genügend Leute, die so etwas mögen, der Status der Band als einer der derzeitigen Mega-Acts bei den großen Open Airs oder auch gleich bei Olympia bestätigt das. Als allerdings Muse mit gewohnt großer Geste einen Ausblick auf das neue – Ende September erscheinende – Album nicht etwa mit klassischem Rock, sondern mit einem heftigen Dubstep-Soundtrack unterlegten, sorgte das für einige Irritation bei eingeschworenen Fans. Dabei passt der zitierte Bass-Overkill perfekt zum überzüchteten Bombastrock der Engländer.

Dubstep war im letzten halben Jahrzehnt der dominierende Trend in den Clubs, gilt gar – auch wenn man das nicht ohne Weiteres stehen lassen sollte; das ist aber eine andere Diskussion – als letzte Genre-Innovation der Popmusik. Dafür spricht immerhin, dass es überhaupt einen eigenen, allseits anerkannten Namen gibt für die konsequent weiter bastardisierte, ursprünglich eindeutig in den Londoner Clubs und damit auch den enorm wichtigen Pirate Stations verortbare, Fortentwicklung der englischen Dubhouse-Jungle-Drum&Bass-Garage-Tradition. Deren schon immer präsente besondere Gewichtung auf die Klangkultur des Bass, auf eine explizite Körperlichkeit des Sounds, wurde mit Dubstep noch einmal eine gehörige Spiralwindung weiter gedreht. Die fast schon technokratische Experimentierfreude der Drum&Bass-Avantgarde ein Jahrzehnt früher fand sich plötzlich in einem inzwischen auch an wildesten Soundeskapaden geschulten und trotzdem immer wieder auf die klassische englische Ravekultur zurückgreifenden Umfeld wieder. In dem spielte Bass mehr denn je die Hauptrolle, angefeuert von einer Generation von Soundfricklern, die das Bollern von Tieffrequenzen auf eine neue Evolutionsstufe hoben.

Erst stadiontauglich dann tot

Es gibt viele Parallelen der Dubstep- zur Drum&Bass-Szene der Neunziger. Auch damals galt der vergleichsweise neue Sound mit den ebenso überfüllten wie euphorischen Clubnächten als Nonplusultra der Popmusik-Entwicklung, als „next big thing“, in songhafteren Variationen tauglich für den ganz großen kommerziellen Durchbruch. Geklappt hat das damals allerdings nicht. Mit einigen zarten Fast-Hits mit Drum&Bass-Grundmuster hat das Genre den erforderlichen Breitwand-Aufmerksamkeits-Pegel des Mainstreams nie erreicht. Drum&Bass wird heute noch hingebungsvoll gepflegt, allerdings in einer kleinen, von größerer Außenwahrnehmung weitgehend verschonten Szene mit – immer noch – Schwerpunkt London. Bei Dubstep ist das jetzt etwas anders gelaufen. Dubstep ist tatsächlich das neue große Ding – und es hat ihm nicht gut getan.

„Let’s get ravey“ verkündete 2009 ein Remix des Dubstep-Pioniers Skream, es war die aufsehenerregende – eben Rave-geeignete – Adaption eines La Roux-Hits, die ihrerseits gerade den atemberaubend konsequent rückwärtsgewandten popmusikalischen Gipfelpunkt des 80er-Synthie-Revival-Sounds abgeliefert hatten. Die damalige Frage, ob man auf einem ganz normalen Dancefloor voller Indie-Fashionistas lieber das Original oder den Remix spielen sollte, stellt sich heute nicht mehr. „In For The Kill (Let’s Get Ravey Remix)“ lässt sich problemlos als Blueprint und Wegbereiter für den derzeitigen Dubstep-Overkill deuten. Der lässt sich nicht mal negieren, wenn man mit Popmusik im engeren Sinne gar nichts am Hut hat. Sondern mit – sagen wir mal – Fußball.

Zur diesjährigen EM ballerten zwei internationale Megakonzerne die Werbepausen mit Dubstep zu: Mercedes und Microsoft. Ausgerechnet aus der „Windows“-Werbung wurde dann auch prompt mit Alex Clare ein neuer Star geboren, der seitdem auf den einschlägigen „Jugendwellen“ hoch und runter dudelt. Es ist – nebenbei bemerkt – auch der totale Sieg gegenüber den bis dato eher erträglichen Versuchen, Dubstep in Mainstream-Pop-Nähe zu rücken: Mit einer Katy B zum Beispiel, der man die Nähe zu den Londoner Underground-Protagonisten abnahm und die auch nur bedingt prolltauglich wirkte. Allerdings wurden die Prioritäten da schon anderweitig gesetzt: In den Staaten hatte sich nämlich der Skream-Auf-die-Omme-Appeal per Springbreak-Party-Event schon so weit durchgesetzt, dass darauf gleich die Karriere eines der derzeit bestbezahlten und berühmtesten DJs aufbauen konnte: Skrillex kultivierte den – jetzt: – „Brostep“ zum (und da sind wir auch schon wieder bei Muse) stadiontauglichen Mainstream-Soundtrack. Das Ergebnis ist verbrannte Erde.

Neuer hegemonialer Proll-Sound

Explizite Bass-Orgien wird man auf absehbare Zeit nicht mehr hören können, ohne schwer genervt zu sein. Natürlich wegen der Zwangsüberdosis, der man sich kaum entziehen kann, gerade weil die Werbeindustrie ordentlich in den Trend hineingebuttert hat. Vor allem aber natürlich, weil sich Dubstep als neuer hegemonialer Proll-Sound etabliert hat, von dem man sich wohl oder übel abgrenzen muss. Nur: Womit?

„Post Dubstep“ ist das etwas unbeholfene und alles andere als definitionssichere Beschreibungskonstrukt für alle möglichen musikalischen Ausdifferenzierungen, die Dubstep-geschulte Basslinien als zentralen Bestandteil der Musik verwenden. Nach drei Jahren James Blake oder (hier gern auch andere einsetzen) XX zeigt sich allerdings, dass auch artifiziellere und Indiepublikum-geprägte Herangehensweisen deutlichen Ermüdungserscheinungen unterliegen. Eine ganze Reihe ehemaliger Dubstep-Protagonisten der ersten Liga sind vom Bildschirm verschwunden oder lassen mit Sound-Entwürfen von sich hören, die jeden expliziten Bass-Exkurs zugunsten technoider Egalisierung unterlassen. Und ja, es gibt natürlich auch noch jene, die – wie Morgan Zarate oder Sepalcure – immer noch versuchen, Dubstep so etwas wie einen Pop-Appeal nach Underground-Regeln einzuhauchen. Auch hier unter größtmöglicher Vermeidung maximaler Bass-Explizität, versteht sich. Aber es gibt es da neuerdings auch noch Muse. Und die hauen meist voll drauf. Dubstep ist tot. Der nächste bitte.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden.

Lesen Sie hier weitere Ton & Text-Kolumnen von Jörg Augsburg

15:22 18.09.2012
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