Little Big Data

Ton & Text Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand: Über immer mehr Nutzungsdaten der eigenen Musik zu verfügen, hilft nicht unbedingt, bessere Musik zu machen
Little Big Data
Fans der Band "Iron Maiden" genießen analog

Foto: Yasuyoshi Chiba/ AFP/ Getty Images

Tolle Geschichte: Iron Maiden spielen einfach nur noch dort Konzerte, wo ihre Songs am meisten illegal heruntergeladen werden. Weil, so die implizierte Logik, dort einerseits ja wohl die meisten Fans wohnen würden, die man – andererseits – jetzt aber doch zur Kasse bitten könnte. Auf höchst elegante Weise, versteht sich. Ohne die sogenannten „Filesharer“ zu bestrafen, im Gegenteil: Diese Strategie beweise, dass sich „Musikpiraterie“ sehr wohl auch von Seiten der Bands lohnen könnte – wenn man denn nur über die richtigen Daten verfüge, also wisse, wo man denn am meisten illegal heruntergeladen würde. Dazu braucht es nur einen Service-Dienstleister. Einen so kompetenten wie Musicmetric zum Beispiel. Der hätte herausgefunden, dass die Märkte in Lateinamerika besonders ergiebig seien. Also spielte man eben vorzugsweise dort. Und zwar mit riesigem Erfolg.

So ließ es sich zumindest eben erst nachlesen in unzähligen vor allem technikaffinen Blogs, aber auch auf den Webseiten der amerikanischen Musikjournalismus-Institutionen Rolling Stone und Spin. Gar einen „Bossmove“ nennt das bis heute Schlecky Silberstein, das (laut inoffiziellen Charts) aktuell zweiterfolgreichste Blog Deutschlands in gewohnt legerer Großspurigkeit und verlieh gleich mal rhetorisch den „großen Zu-Ende-Denker-Preis 2014“. Natürlich sprang auch der offizielle Facebook-Account der Piratenpartei auf, schließlich passt diese Meldung exakt in die (hier etwas verkürzt dargestellte) politische Linie, Musiker sollten sich gefälligst nicht so haben und wer nicht genug verdiene, sei doch wohl einfach nur zu blöd für dieses Internet-Zeitalter.

Nur: die Story war schlicht und einfach erstunken und erlogen. Es gab keinen Auftrag von Iron Maiden an Musicmetric, die Analyse der Filesharing-Aktivität erfolgte weder in Zusammenarbeit noch mit Wissen der Band. Ob die Band überhaupt irgendwelche Musicmetric-Daten nutze, wisse man gar nicht, ließ die Firma einige Tage nach Erscheinen des vielzitierten Ursprungs-Artikels bei CITEworld verlauten, die sich denn auch prompt bei ihren Lesern entschuldigen mussten. Um das zu erfahren, musste man allerdings schon die Quelle kennen. Oder wenigstens eines der „klassischen“ Medien à la Rolling Stone zu Rate ziehen, die ebenfalls mit einer Korrektur nachzogen. Eine Vielzahl Meldungen blieb unkorrigiert. Unter dem Strich bleibt ein Promotionerfolg eines Unternehmens, dessen realen Nutzwert man zumindest in Zweifel ziehen kann. Wenn man mal genau hinschaut und einen Hauch Sachverstand besitzt. Und mal allen Ernstes: Wer braucht bitteschön einen Datenservice, um zu wissen, dass Musik von Iron Maiden in Südamerika gut läuft? Gerade in den etwas altbackener agierenden Metal-Kreisen ist der immer noch anhaltende Übersee-Erfolg von hierzulande prinzipiell abgemeldeten oder gar nie richtig groß gewordenen Bands so etwas wie eine Binsenweisheit. Nichtsdestotrotz wirft der Fall ein Schlaglicht auf die zumindest gefühlt immer größere Bedeutung von möglichst umfassenden Datensammlungen – und dem Zugriff darauf.

Die Erfassung, Auswertung von Vertriebs-Daten gehört seit eh und je zum Grundhandwerk von Labels und ihren Vertrieben. Schon immer haben diese Aspekte eine wichtige Rolle bei der Tourplanung gespielt. Im positiven Fall als Garant für den Verkauf von Tickets – oder bei ungenügenden Verkäufen als Zeichen für Defizite in der Promotion, die zum Beispiel durch Konzerte ausgeglichen werden konnten. Mit der Defragmentierung des Musikmarktes und der Umschichtung von Aufgaben und geforderten Kompetenzen in Richtung Künstler obliegt diesem zunehmend auch die Daten-Interpretation. Dafür eine valide Grundlage zu bieten, ist das Verkaufsversprechen von Diensten wie Musicmetric. Nun kann man sich als Künstler, der von Musik leben will, natürlich schon fragen, warum man jemanden ausgerechnet für Bittorrent-Daten – also die über strikt illegale Downloads – bezahlen sollte. Selbst wenn man dabei ideologische Vorbehalte außen vor lässt, sowohl Validität als auch Nutzen sind fragwürdig.

Schon, dass illegale Downloads ein guter Gradmesser sind, ist zweifelhaft. Immerhin ist eines der Hauptargumente gegen die Verfolgung von „Musikpiraterie“ die mangelnde Verhältnismäßigkeit. Musik könnte nicht mit dem Wert eines potenziellen Verkaufs bemessen werden, weil sie pauschal heruntergeladen und dann einfach nur eine Datei in einer Unmenge von Dateien auf vollgestopften Festplatten wäre, die – sic – kaum je gehört würde. Überdies gibt es sehr viele andere Optionen, die ohne das Vertrauen in Bittorrent-Betreiber auskommen. Zuverlässige Verkaufsdaten liefern, gerade im Digital-Zeitalter, immer noch die genutzten Vertriebsfirmen, selbstverständlich auch iTunes und Co. Auch wer noch gar nicht in professionellen Vertriebsstrukturen involviert ist, hat eine Vielzahl von Mitteln zur Verfügung. Von YouTube bis Soundcloud: Alle großen Uploadplattformen für Musik bieten umfassende Nutzungs-Statistiken an. Daneben sind selbstverständlich soziale Netzwerke ein immer wichtigerer Sensor für Fan-Interessen. Und selbst, wer einfach nur eine eigene Webseite betreibt, braucht bloß ab und an einen Blick in die Seitenstatistik zu werfen, um zu bemerken, dass man vielleicht plötzlich in Lateinamerika besonders beliebt geworden ist. Wer dabei alles ganz genau wissen will und die (durchaus angebrachten) Datenschutz-Bedenken beiseite lässt, nutzt einfach das jedem zugängliche Google Analytics.

Aber wie das halt so ist, mit „Big Data“: Auch im Kleinen nützt einem die schiere Verfügbarkeit gar nichts, wenn man nicht in der Lage ist, richtig zu interpretieren. Auch dafür ist die Iron-Maiden-Story ein schönes Beispiel. Was hier Ursache und Wirkung ist, bleibt reine Spekulation. Durchaus denkbar ist, dass dort, wo eine Band häufig spielt, die illegalen Downloads ansteigen. Genau genommen ist das sogar die einleuchtendere Sichtweise. Sie entspricht nämlich exakt dem klassischen Prinzip des Tourens, das ja über lange Zeit vor allem die eigenen Veröffentlichungen bekannt machen und den Verkauf ankurbeln sollte. Dass man heutzutage trotzdem eher nicht gerade dort auftritt, wo man Defizite hat, ist der veränderten Einkommensverteilung zugunsten von Konzerten gegenüber Tonträgerverkäufen geschuldet und befördert einen langfristig verhängnisvollen Zirkelschluss der immer höheren Konzentration auf immer genauer abgesteckte Zielgruppen. Selbst in der kapitalistischen Logik der Gewinnoptimierung ist Wachstum allerdings nicht auf ausschließlicher Grundlage von Risikovermeidungsstrategien zu haben.

Die Stagnation wäre aber vor allem auch eine künstlerische. Denn das eigene Schaffen ausschließlich vom Wohlwollen schon überzeugter Fans abhängig zu machen, bedeutet nicht nur die Aufgabe der eigenen künstlerischen Vision und Selbstbestimmtheit. Umfassender betrachtet, hebelt das vor allem einen fortschrittstreibenden Grundwiderspruch des Pop aus, einerseits Erfolg haben zu wollen, den aber gerade auch durch eine Verletzung von Erwartungshaltungen zu erreichen; durch Überraschung, durch antizyklisches Agieren. Durch Unkonventionalität. Durch das Immer-Wieder-Neu-Erfinden. Alles andere führt zu Konformität, Stillstand, Bedeutungsverlust. Dazu, dass Popmusik nichts mehr wert ist. Dann wird aber auch das Wissen um die Zahlen irgendwann egal.

10:43 15.01.2014
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