Manchmal kommen sie zurück

Ton & Text Deutlich älter und nicht mehr ganz so gelenkig, aber mit Würde und (immer noch) im Geschäft: die Wegbereiter-Generationen lassen wieder von sich hören

Vielleicht ist es einfach eine ganz normale Entwicklung: Wenn sich die popmusikalische Innovation von den ganz großen Sprüngen verabschiedet hat und heute vor allem in den schwer einsehbaren und zunehmend ausfransenden Rändern der Clubkultur aufgestöbert werden muss, ist der Blick zurück die logische Alternative. Nie war der Retro-Bezug der nachwachsenden Bands umfassender, inzwischen wurde so ziemlich jede Stilausformung der letzten vierzig Jahre aufgegriffen und mehr oder weniger gelungen für eine komplett neue Generation an Fans aufpoliert, der man nicht unbedingt abverlangen darf, dass sie die jeweiligen Wurzeln der aktuellen Bands kennen müsste. Zumindest nicht, bis die wieder auf der Bildfläche erscheinen.

Der meistwahrgenommene Trend der letzten Jahre lässt sich auf eine schmale Zeitspanne in den späten Siebzigern zurückführen. „Postpunk“ war die Phase nach dem großen Abriss des ausgeuferten Megarocks, in der die Popmusikwelt in Windeseile neu erfunden wurde, in unterschiedlichste Richtungen explodierte und die Grundlagen für gleich eine ganze Reihe von nachfolgenden Stil-Differenzen legte. Es ist ein interessanter Moment, wenn soeben zwei der wegweisenden Bands des Zeitalters neue Alben präsentieren.

Wire sind seit geraumer Zeit wieder aktiv, und haben schon nachgewiesen, dass man das eigene Alter auch als Vorteil einsetzen kann. Das funktioniert natürlich nur, weil man sich nicht in die Abgründe des immerwährenden Revival-Tour-Geschäfts begibt, das gerade die Radiosender „mit den größten Hits der Sechziger, Siebziger und Achtziger“ (hier bitte beliebigen anderen regional gültigen Slogan einsetzen) gern in Szene setzen. Was für Wire indes eh kaum Erfolg versprechen würde, waren sie doch auch in ihrer frühen Blütezeit nie ein Mehrheitenthema. Nicht wirklich viel bekannter aber wahrscheinlich noch einflussreicher sind Gang Of Four, deren Prinzip der zappeligen Rasiermessergitarren sich auf Dutzenden Indie-Platten des letzten halben Jahrzehnts problemlos wiedererkennen lässt. Beide Bands agieren souverän unpeinlich, wenn auch deutlich abgeklärter als vormals, klingen aber – das verblüfft eigentlich – auch ohne grundsätzliche Soundverschiebung immer noch erstaunlich heutig. Was in gewisser Weise die Relevanz des Frühschaffens noch einmal verstärkt und gleichzeitig den Blick noch weiter in die Vergangenheit lenkt.

Befeuert wird derlei durch die immer besser als Archiv und Erinnerungskanal fungierenden Videoportale, die inzwischen ein schier unerschöpliches Reservoir an bis dato praktisch verschollenem Material freilegen und damit die Basis von Kennenlernen und Einschätzung vom mühsam erarbeiteten Fachwissen, dem reinen Nerdtum oder eben der Zeitgenossenschaft auf eine sehr viel einfacher zu erreichende Ebene senkt. So lässt sich nicht nur die Pophistorie wiederentdecken, sondern auch aktuelles Schaffen überhaupt erst in den vergleichenden Maßstab setzen. Wenn also zum Beispiel der amerikanische Pre-HipHop-Soulpoet Gil Scott-Heron in diesen Tagen den Remix seines herausragenden Comebacks vom letzten Jahr veröffentlicht, für den mit The XX die wohl meistgehypte Band der jüngsten Vergangenheit zeichnet, lässt sich nicht nur Scott-Herons eigenes Werk kontextualisieren, sondern auch gleich noch das der XX, deren bisher einziges Album ja nichts anderes als ein (sicher unbewusster) Wiedergänger eines anderen wegweisenden Albums einer Postpunk-Band ist: „Colossal Youth“ von den Young Marble Giants. Etwas einfacher wird’s bei Marianne Faithfull, die ebenfalls mit einem neuen Album beweist, dass sie mit dem Alter an Reife gewonnen und an Faszination nichts verloren hat, obwohl naturgemäß die Zeiten als legendäre Groupie-Schönheit weit in der Vergangenheit liegen.

Noch viel weiter zurück – bis an die Anfänge des weißen Rock’n’Roll – reichen die Wurzeln von Wanda Jackson, die in den Fünfzigern nicht nur die Freundin von Elvis Presley war, sondern auch der erste weibliche Star des Genres, was man sofort versteht, wenn man sich die noch im schwammigen TV-Schwarzweiß flimmernden Live-Clips heute anschaut. Ein Star im engeren Sinne ist sie nicht mehr, aber immer noch tourt die unverwüstlich anmutende Sängerin durch die Rock’n’Roll-Clubs dieser Welt. „The Party Ain’t Over“ heißt denn auch erfrischend störrisch ihr neues Album. Mit ihr eingespielt und produziert hat das White Stripes-Mastermind Jack White, der vor einigen Jahren schon Country-Altstar Loretta Lynn zu neuem Schub verholfen hat und sowieso als ausgemachter Liebhaber analoger Musikkultur gilt. Natürlich werden diese Coverversionen perspektivisch als eine Art obskurer Randbeitrag der Rock’n’Roll-Geschichte gelten, was jedoch nichts am sich so erneuernden Respekt vor dieser wahren Grande Dame schmälert.

Dass die Popmusik manchmal seltsame Wege für ihre Protagonisten bereit hält, kann man bei Charles Bradley sehen, der wohl eines der beeindruckendsten Debütalben des Jahres hinlegt – mit 62 Jahren. Es hat gut vierzig Jahre gedauert, bis der Gelegenheitssänger, Tagelöhner und James Brown-Imitator in Brooklyn landete und vom schwer angesagten Classic-Soul-Label Daptone entdeckt wurde. Und die Zeiten für Soul sind gerade sehr gut, was man nicht nur an Jungspund Aloe Blaccs Megahit „I Need A Dollar“ ablesen kann, sondern auch daran, dass ein 62-jähriger Sänger auf einmal seine große Chance erhält.

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18:45 02.02.2011
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