Meine Lieder singst du nicht!

Ton & Text Man kann sich auch als Musiker nicht immer alle Freunde aussuchen – aber sich bestimmte verbitten wohl schon: über das politische Fanbashing im Popbetrieb

Es ist immer noch einer der bemerkenswertesten Videoclips der deutschen Popgeschichte: Ein vermummter „Araber“ tanzt mit dem Sturmgewehr durch Köln – was niemanden weiter stört, denn es ist Karneval und in all dem närrischen Treiben geht das subversive Tun des Jan Delay in einem viel größeren Irrsinn auf. Terrorwarnungen waren noch nicht en vogue, als der Absolute Beginner-Sänger gleich mit seiner ersten Solo-Single klar machte, wen er als Fan nicht haben wollte: „Die mit dem Sonnenbank-Funk und dem Talkshow-Soul, die mit dem Kaufhaus-Punk und hannoveranischem Rock’n’Roll.“ Zehn Jahre ist das her, wer das weitere Treiben des Jan Delay verfolgt hat, kommt nicht umhin, festzustellen, dass sein rigides „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“ angesichts seines inzwischen Großhallen-Publikums nicht wirklich Konsequenzen hatte. Aber es war immerhin ein klares Konsens-Wort für alle, „die zusammen mit mir über euch lachen“.

Man darf nicht annehmen, dass Smiths-Gitarrist Johnny Marr jemals von Jan Delays Song gehört hat und es ist auch nicht ganz klar, was der Grund für den kleinen Ausbruch war, den er jetzt via Twitter in die Welt hinausschickte: „David Cameron, hören Sie auf zu sagen, dass Sie The Smiths mögen. Ich verbiete Ihnen, sie zu mögen.“ David Cameron ist bekanntermaßen britischer Regierungschef und wird seit Jahren nicht müde, jedem, der es nicht wissen will, zu erzählen: Ja, es tue im leid, aber er sei nun mal Fan von The Smiths. In einem Land, in dem der Grad der Verehrung für The Smiths ungefähr gleich nach dem für Lady Di rangiert, ist die Äußerung von Marr eine Meldung, die man gern aufgreift. Der noch deutlich berühmtere Morrissey fühlte sich bemüßigt, seinem Ex-Bandkollegen zur Seite zu springen und dies in einem sehr ausführlichen Aufsatz nicht etwa mit genereller politischer Ausrichtung oder gerade anliegenden drastischen Sozialeinschnitten zu begründen: David Cameron hätte in der Tat keine Berechtigung, die durchaus universelle Sprache der Musik der Smiths gut zu finden, weil er sie gar nicht verstanden hätte. Immerhin sei er passionierter Jäger und das würde ja wohl schlecht zum Smiths-Tierschutz-Credo „Meat Is Murder“ passen. (Ordentlich abgewatscht werden bei der Gelegenheit auch gleich noch die Queen, William und Kate und – denn auch der ist Gelegenheitsjäger – Bryan Ferry.)

Es ist eines der ältesten Dilemmata des Kulturgewerbes, dass man sich als Künstler seine Fans nicht aussuchen kann. Spätestens, wenn der Bekanntheitsgrad in Star-Qualitäten hineinreicht, sind sich Ur-Fans meist einig: Die „Neuen“ nerven, sind zu jung, doof und sowieso prinzipiell Trittbrettfahrer eines Erfolgs, der zuvörderst den „echten“ Fans zu verdanken ist. Business as usual, gerade im Popbusiness, das ja nicht auf zahlungsfähige Sammler zählen kann, sondern erst mit Fan-Masse zu Bedeutung (und finanziellem Erfolg) gelangt. Richtig schwierig und oft entlarvend wird es allerdings, wenn sich ausgerechnet Politiker an Musiker heranschmeißen – oder umgekehrt. Denn immer noch gilt für Popmusik ein diffuses Irgendwie-links-Verständnis, eine Verpflichtung zum allgemeinrebellischen „Ich bin dagegen!“. Konservative Fan-Outings sind so gewissermaßen ein Angriff auf ihr Grundverständnis, man könnte mit einiger Berechtigung auch sagen: Grundmissverständnis. Die Annäherung von Politik an Popmusik hat ja in der Tat auch immer den unangenehmen Beigeschmack des Haschens nach Sympathiewerten und halbwegs akzeptable Geschmacks- und Stilhöhen bleiben in der Regel unerreicht.

Der hannoveranische Rock’n’Roll ist längst auf der Siegerstraße, dafür braucht es auch keinen „Popbeauftragten“ Sigmar Gabriel mehr und keine deftigen Umarmungen zwischen Schröder und Klaus Meine oder ein Verdienstkreuz für Marius Müller-Westernhagen. Dass ein konservativer Strahlemann Guttenberg sich in peinlicher „Mitrock“-Pose und hastig drübergezogenem T-Shirt bei einer AC/DC-Coverband filmen lässt, bringt Mehrheiten erstaunlicherweise nicht zum Kotzen, sondern dazu, ihn sich als Kanzler zu wünschen. Merkel mag – neben Richard Wagner – ausgerechnet die Ostrockzombies Karat. Von Westerwelle weiß man schon länger dass er Dido gut findet, eine Sängerin ausgerechnet, bei der es schwerfällt, sich FDP- und Soft-Gay-Klischees gleichermaßen zu verkneifen. Und Claudia Roth war zwar mal Managerin der Ton Steine Scherben, macht sich jetzt allerdings in jeder zweiten TV-Chart-Show zum Affen. Sich von all diesen Geschmacksverbrechen zu distanzieren, fällt jedenfalls nicht schwer, wenn man seine Existenz als Popmusiker oder -fan denn auch nur halbwegs ernst nimmt.

Britische Musiker haben es da deutlich schwerer. Dort bekommen die Beatles einen – wenn auch eher unbedeutenden – Orden, schafft es ein Tony Blair unter dem Siegel des „Cool Britannia“ seine New Labour-Politik per Handschlag der halben Britpopszene – allen voran Oasis – unterzujubeln, zumindest bis zum unschönen Aufwachen, als die Bomben in Bagdad fallen, und mag ein konservativer Premier eben The Smiths. Auf der anderen Atlantikseite gehört ein gerüttelt Maß Präsidentenverehrung zum guten Ton und man muss – wie George W.Bush – schon verdammt viel Scheiße bauen, damit sich Musiker außerhalb radikaler Szenen offen gegen einen stellen. Der Kult um Barack Obama lässt sich indes mit normalem amerikanischem Patriotismus kaum erklären, selbst wenn man wirklich glaubt, dass er seine Frau Michelle beim ersten Date ausgerechnet in Spike Lees Rasismus- und Gewaltstudie „Do The Right Thing“ ausführte. Die halbe amerikanische Musikszene unterstützte seine Kampagne mehr oder weniger offensiv, immerhin mehrere Jahrzehnte Bürgerrechtsbewegung schienen sich in einem Quasi-Messias zu vollenden – so die distanzlose Begeisterung. Aber dass ein völlig beseelter Pete Seeger – eine uramerikanische Protestikone – zum offiziellen Amtseinführungs-Konzert ausgerechnet den Woody-Guthrie-Klassiker This Land Is Your Land anstimmt, hinterlässt bei etwas weniger euphorischer Betrachtung dann doch einen schalen Beigeschmack. Da hält man es vielleicht besser weiter mit dem generellen „Dagegen“ und vielleicht auch mit Jan Delay: „Ich möchte nicht, dass du meine Lieder singst, denn wegen Leuten wie dir tu ich die machen.“

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18:00 07.12.2010
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Ausgabe 39/2020

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