Metallica Machine Music

Ton & Text Große Musiker + Großer Stoff = Großes Werk? Diesmal nicht. Lou Reed und Metallica langweilen auf "Lulu" mit mühseligem Lärm

2:38 Minuten dauert dieser eine Song. „Cause everybody knows, she’s a femme fatale“, singt Nico im schräg anmutenden Wechselspiel mit dem Backgroundchor zu dieser eigentlich sanft daherplätschernden und trotzdem völlig verzerrt aufgenommenen Ballade mit einer Stimme, die durch Mark und Bein geht. Und natürlich weiß man, dass diese unwiderstehliche, tödliches Unglück verheißende, Frau sie selbst ist. Es ist die große Wirkmächtigkeit des Pop, in weniger als drei Minuten nachfühlen lassen zu können, wofür andere Kunst Stunden und einen kompletten Bildungskanon braucht. 1967 erschien das Debütalbum der Velvet Underground, es war ein reines Kunstprojekt von Andy Warhol, der diesen vier jungen Musikern die Diva einfach vorsetzte. „Die Blumen des Bösen“ nannte man später diesen Lack-Leder-und-Heroin-Ausbruch aus dem gerade Kulturhoheit erlangenden Flower-Power-Ghetto. Gekauft hat das damals praktisch niemand und trotzdem hat man immer das Gefühl, Lou Reed würde dem grandiosen Verstörungspotenzial dieses, seines, Albums seitdem immer noch atemlos hechelnd hinterher musizieren.

1913 kompilierte der Theater-Dramatiker Frank Wedekind aus vorhergehenden Stücken „Lulu“, die Geschichte einer Femme Fatale, die allen Unglück bringt, die sich in sie unsterblich verlieben. Es sind viele, etliche davon sterben, es ist eine unabwendbare Abwärtsspirale des Lebens, am Ende ist die Lebedame Prostituierte in London und wird ein Opfer von Jack The Ripper. Es ist ein – angesichts der Zeiten – veritables Skandalstück mit hohem Erotik- und Verderbnis-Faktor, das bis heute nachwirkt und dessen verruchter Stoff immer mal wieder den Weg auf die Bühnen findet. Im Frühjahr dieses Jahres zum Beispiel auf die des Berliner Ensemble, inszeniert von Robert Wilson, der damit bekannt geworden ist, Theaterstücke als formale Experimente zu betrachten. Gern arbeitet er mit bekannten Rockstars, es ist eine Kooperation zu beiderseitigem Vorteil, hat doch die Bühne einen großen Namen mehr zu bieten, der Musiker hingegen kann die Ernsthaftigkeit seines Tuns unter Beweis stellen. Für „Lulu“ verpflichtete Wilson Lou Reed, der ein paar Stücke rauskramte, ein paar weitere schrieb und prompt auf die Idee kam, diese mit der größten (man verwechsle das bitte nicht mit „der besten“) existierenden Metal-Band des Planeten einzuspielen. Immerhin darf man dankbar sein, dass es wenigstens nicht zu dem ursprünglichen Plan kam, gemeinsam Velvet Underground-Stücke neu zu interpretieren.

Muskelprotzend und bedeutungslallend

Lou Reeds und Metallicas „Lulu“ ist deutlich länger als drei Minuten – knapp anderthalb Stunden; und es zieht sich. Verstörend soll es natürlich zugehen, vielleicht klingt diese „Lulu“ deshalb so, als ob man sich ausschließlich über die jeweilige Tracklänge verständigt hätte, woraufhin dann Reed und Metallica einfach irgendwas abgeliefert haben. Völlig losgelöst von jedweder musikalischen Begleitung rezitiert Reed seine Texte, hinten donnern die Metallica-Riffs in gewohnter Manier und ab und an darf auch James Hetfield mal ans Mikrofon. Irgendwie kunstvoll soll das sicher wirken, man könnte es aus aktuellem Anlass den Björk-Effekt nennen. Aber Kunst kommt nicht von Wollen, und man muss schon sehr schlicht gestrickt sein, um diese Musik als etwas anderes als muskelprotzend und bedeutungslallend zu interpretieren. Zumal es zwei Beispiele gibt, die den Rahmen für „Lulu“ und für Reed selbst schon abgesteckt haben. Die „Lulu“-Oper Alban Bergs, ein monströses Werk der musikalischen Avantgarde der Dreißiger – Berg starb während der Arbeit daran. Und natürlich „Metal Machine Music“, Reeds wahnwitziges Doppelalbum voller wahnwitziger Noise-Eskapaden – der damals dauerbreite Reed schwafelte gern über die tief gehende Intention und die angeblich hoch intellektuelle Machart dieser Musik. Geglaubt hat ihm das niemand, hörbar ist diese Musik bis heute nicht wirklich. Was Reed wiederum nicht daran hinderte vor ein paar Jahren sein Metal Machine Trio zusammenzustellen, um die Feedback-Orgie live aufzuführen. Man muss den Hut ziehen, allein vor der Chuzpe. Toppen lässt sich dies nicht.

Aber ein paar gute Momente hat „Lulu“ zu bieten, sie liegen – es schmerzt ein wenig, das zuzugeben – eher auf Metallica-Seite. Denn sie liefern einen Hauch von Erinnerung an die Macht der früheren Metallica-Riffs, die immer mehr als nur „Metal“ waren, auch wenn sie sich in diesem obskuren Männer-Rock-Kosmos Bahn brachen, weil die Zeiten eben vorsahen, dass sich die Männer hinter diesen Gitarren wie Neandertaler aufführen. Aber auch das ist seit zwanzig Jahren Geschichte. „Die große Vergeltung hat begonnen, die Revanche einer Männerwelt, die die eigene Schuld zu rächen sich erkühnt“. Karl Kraus, Übervater der modernen Kulturkritik, sagte das damals über Wedekinds „Lulu“. Das kann man angesichts dieses Albums wieder gelten lassen.

Auch Walerian Borowczyk, der große Ästhet des Erotik-Schundkinos der Siebziger und Achtziger, hat sich am Stoff zu schaffen gemacht. Am Ende des Films zündet sich B-Film-Ikone Udo Kier – er ist Jack The Ripper – im billig-düsteren Film-London eine Zigarette an, während aus Lulus aufgeschlitztem Leib – immer noch herrlich hingestreckt liegt sie da – die Gedärme quellen. Man kann sich Bergs Musik dazu lebhaft vorstellen. Aber nicht das mühselige Lärmen dieser alten Herren mit Gitarren und Millionen.

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14:13 01.11.2011
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Ausgabe 25/2021

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