Musik für die Massen

Ton & Text Die Nominierten für Stefan Raabs Bundesvision Songcontest sind bekannt – und zeigen auf, dass das Konzept des einstigen Musikfernsehen-Hoffnungsträgers ausgereizt ist

Sing um dein Leben, so heißt das Bandprojekt, in dem – und das erklärt denn auch gleich den enormen Pathos-Faktor – Xavier Naidoo das Resterampen-Personal aus „seiner“ letztjährigen Castingshow „The Voice Of Germany“ versammelt hat. „The Voice“ war eine ProSieben-Sat1-Produktion, es wundert nicht, dass die Verwertungskette in der Senderfamilie nun auch ein Plätzchen bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest freigeschaufelt hat, der im September wieder stattfindet. Wir erinnern uns: Gemeinsam mit Kool Savas wurde Naidoo im letzten Jahr Sieger, punktgenau zur gemeinsamen Albumveröffentlichung. Jetzt sind die Teilnehmer des diesjährigen Wettbewerbs bekannt gegeben worden und so richtig aus den Latschen haut das allenfalls jene, die von einem Max Herre wirklich noch so etwas wie eine erhöhte Credibilität erwartet hatten, was einen solchen Auftritt gemeinhin ausschließt.

Jetzt würden die Hauptstadtschwaben Baden-Württemberg sogar schon beim Bundesvision Songcontest vertreten, lästerte immerhin einer auf Herres Facebookseite, ansonsten hielt sich die Aufregung in Grenzen. Max Herre, Ex-Stuttgarter und langjähriger Berliner, tritt „für“ seine alte Heimat an. Das ist die Sprachregelung bei Stefan Raabs Songcontest, bei dem man es mit der Herkunft der Künstler noch nie so genau genommen hat. Was angesichts des grundlegenden Wettbewerbsprinzips – Bundesländer treten gegeneinander an – zumindest erstaunlich anmutet. Gerade musikalisch eher strukturschwachen Regionen im Osten und Norden der Republik pfropft man gern irgendeine Band auf, von der dort noch nie jemand etwas gehört hat. (Besonders peinlich berührt könnte man sich diesmal in Sachsen fühlen, das schon zum zweiten Mal in Folge mit einer Berliner Band leben muss – nachdem 2011 Kraftklub ausgerechnet mit ihrem nicht umsonst zum Indie-Hit gewordenen „Ich will nicht nach Berlin“ am Start waren.)

Man kann das im Sinne einer nicht so verbiesterten Spaß-Grundhaltung sicher auch positiv sehen. Schließlich basiert das Konzept der Show ja auf einer Art parodistischer Schnapsidee. Oder man erkennt darin einen Mangel an echtem Interesse, ein Markenzeichen für das immerhin auch Raabs Talkshow „TV Total“ bei Gästen, die nicht zu seinem direkten Dunstkreis gehören, seit langem verrufen ist. Trotzdem lassen gerade Musiker kaum eine Gelegenheit aus, sich dort blicken zu lassen. Es gibt sonst schlicht keine andere relevante Sendung mehr im deutschen Fernsehen, mit der man noch einen ähnlich spürbaren Promotion-Effekt erzeugen könnte – sieht man mal von „Wetten dass?“ ab, dessen Bühne allerdings der Superstar-Liga vorbehalten ist.

Tatsächlich war der Bundesvision Songcontest zu Beginn eine vergleichsweise erfrischende Veranstaltung – zumindest, wenn man das bis dato schier unerträglich dröge Gebahren rund um die deutsche Grand Prix-Teilnahme als Maßstab nahm. Die hatte sich Raab als Zielscheibe auserkoren. Seine Konkurrenzveranstaltung zeigte mal eben auf, wie man einen Wettbewerb zugkräftig inszenierte, auch wenn – oder gerade weil – der Großteil der Teilnehmer dem Publikum mehr oder weniger völlig unbekannt war.

Sieben Jahre nach der Premiere ist der Bundesvision Songcontest allerdings auch nur noch ein routinierter Bestandteil des Raabschen Entertainment-Universums; vielleicht noch gut für einen Abend, bei dem man im Freundeskreis wunderbar echtzeitlästern kann, aber ohne spürbare Wirkung darüber hinaus. Das liegt natürlich vor allem daran, dass ein Überraschungssieg bisher ausblieb. Das Rennen machten ausnahmslos bereits etablierte Acts, denen das ungefilterte Massengeschmacks-Voting vor allem entgegenkommt. Gleichzeitig hat sich mit Raabs ESC-Durchmarsch sozusagen auch die Geschäftsgrundlage als Alternativ-Programm erledigt. Trotzdem wurde das Konzept nahezu unverändert belassen, einzig der ursprünglich ESC-nahe Termin aus dem Frühjahr in den Herbst geschoben. Eine allgemeine konzeptionelle Lustlosigkeit ließ sich in den letzten Jahren kaum noch übersehen. Dazu passt das seltsame Geschacher um die Startplätze, das nicht nur wegen der haarsträubenden virtuellen Zwangsumsiedlung fragwürdig ist, und bei dem man mit dem Vorrecht des privaten Veranstalters jegliche Transparenz ausschließt.

Schon kennen könnte man in diesem Jahr neben Max Herre vielleicht noch MC Fitti, den Berliner Spaß-Rapper, der im Moment gerade ein kleines bisschen angesagt ist, den Gefälligkeitsrocker Bosse, der vor zwei Jahren schon dabei war. Oder das One-Hit-Wunder Pohlmann, der war schon 2007 da. Der Rest ist in großen Teilen beliebig austauschbare Füllmasse, die selten genug ein echtes eigenes Fanpotenzial im Rücken hat und im gar nicht so seltenen Fall wohl eher aus Juxgründen verheizt wird. Am Ende wird wieder nur bestätigt, was man ohnehin schon weiß: Dass das Prinzip des größtmöglichen Aufmerksamkeitsheischens am Ende auch beim Bundesvision Songcontest noch lange nicht ausreicht, um nicht gleich wieder in der Versenkung zu verschwinden.

16:45 13.06.2013
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