Piep, piep, piep – wir haben uns alle lieb

Berlin Music Week Die Premiere des großen Musik-Festivals in der Hauptstadt ist absolviert. Natürlich wird sie als Rundumerfolg verbucht

Die Berlin Music Week ist vorbei und auch, wenn man die berechenbaren Jubelmeldungen aller Beteiligten ignoriert, hat sich doch gezeigt, dass die Standortpolitik des Senats, alle Beteiligten zu diesem Termin zu bestechen, funktioniert hat. Keine Musikveranstaltung (außer – nun ja – der Loveparade) hat in diesem Jahr eine derartige Aufmerksamkeit generiert, die vom verbliebenen Musikbusiness über Basisaktivisten bis hin zu simplen Musikfans reichte. Rekord-Teilnehmerzahlen, Besuchermassen und massive Medienpräsenz lassen sich also ohne große Tatsachenbeugung durchaus konstatieren. Und alle haben mal wieder miteinander geredet.

„Das Ende des Jammerns“ verkündet die Musikkonferenz a2n – „All Together Now“ prompt und erlebt stattdessen „pragmatisches Diskutieren“. Wahrscheinlich hat die Pressestelle der a2n nicht gelesen, was Frank Briegmann, der Deutschland-Chef des Popkomm-Ausstellers Universal Music, gleichzeitig verlauten lässt: „Wir werden nicht müde, im Namen unserer Künstler für eine zügige Anpassung der urheberrechtlichen Rahmenbedingungen an das digitalisierte Zeitalter zu werben.“ Verbieten und verfolgen, das ist immer noch die bevorzugte Strategie der Musikindustrie. Das Geschäftsmodell von Universal Music dagegen umfasst neben ein bisschen Musik inzwischen vor allem „Markenkooperationen“, zum Beispiel das – und spätestens jetzt müsste man als Organisator einer a2n dem Major-CEO eigentlich ganz unpragmatisch die Fresse polieren – Modelabel „Rock Rebellion“, dessen Look ungefähr so anmutet wie Ed Hardy, allerdings mit Aufschriften wie Guns N’ Roses oder Ramones und das selbstredend in allem dem eigenen Titel Hohn spricht.

Man durfte sich auch ein wenig ungläubig die Augen reiben, als dann Ex-Universal-Chef Tim Renner – der nutzt eigentlich jede Gelegenheit, den Majors ihr Generalversagen vorzuhalten und ist Mitgründer und Aushängeschild der a2n – ausgerechnet mit Dieter Gorny auf dem Podium saß und durchaus friedlich diskutierte. Gorny wiederum war vor Urzeiten Begründer der Popkomm in Nordrhein-Westfalen, hat dann VIVA gegründet und wieder ruiniert, ist erstaunlicherweise Chef des Lobbyverbandes der Musikindustrie und der Förderstiftung des Bundes für Popmusik gleichzeitig und hat im letzten Jahr die Popkomm mit dem frech-dämlichen, nichtsdestotrotz noch in diesem Jahr in der Tagesschau wiedergekäuten Spruch abgesagt, die Musikpiraterie sei schuld. Was wiederum der Anlass zur Gründung der a2n war. Aber in Berlin haben sich – dank Music Week – gerade alle wieder lieb. Und das bisschen Rest-Rebellion der Popkultur gab’s dann mit den Radikal-Rabauken Atari Teenage Riot auf der Bühne des Berlin Festivals direkt vor den Fenstern von Popkomm und a2n.

Ernüchternd karge Popkomm

Jedenfalls vermelden alle Beteiligten Zufriedenheit, die Neuauflage im nächsten Jahr ist wohl beschlossene Sache und man muss schon etwas genauer hinschauen, um auch abseits des offensichtlichen Ideologie-Abbaus die Haare in der Suppe zu finden. Das fängt bei der eh schon als Sorgenkind gehandelten Popkomm an. Die meldete sich ausgebucht: 400 Aussteller aus über 20 Ländern. Allerdings verteilten die sich im nicht eben unübersichtlichen Tempelhof-Flügel auf gerade mal 40 meist ernüchternd karge Messestände. Allein am Stand des deutschen Indie-Dachverbandes VUT präsentierten sich gut 50 Mitglieder, die sich den dann eben doch erschwinglichen Teilnahmepreis inklusive Festivalticket durchaus leisten konnten. Auch der übergroße Rest waren – der Trend scheint unumkehrbar – Sammelaussteller aus Regionen oder Ländern.

Leichte Verwunderung ließ sich bei der a2n registrieren, die nicht so recht verstehen wollte, warum an den preiswerten Konferenztagen in der Kulturbrauerei weniger Interessierte kamen, als zum vergleichsweise schweineteuren Teil im Rahmen der Popkomm. Aber wer kann sich schon mal eben leisten, eine Woche nach Berlin zu fahren, um dort über die Zukunft des Musikgeschäfts zu plaudern, während zu Hause irgendwie der Lebensunterhalt verdient werden muss? Allein die Dauer und Fülle der a2n machte sie praktisch zu einer Veranstaltung von Berlinern für Berliner. Die Lösung für Alles hat man denn auch nicht gefunden und in vier Tagen vor allem eins entdeckt: dass Fans doch gern für Musik bezahlen würden, wenn sie denn nur könnten.

Immer weniger Fans

Das Problem mit dem darbenden Musikgeschäft ist allerdings nicht, dass man kein Geld für Musik ausgeben darf oder kann, sondern, dass – wenn man denn die Bereitschaft zum Bezahlen als Kriterium anlegt – es immer weniger „Fans“ gibt. Zu viele Fans hingegen verzeichneten das Berlin Festival plötzlich, deren Veranstalter sich schon fragen lassen müssen, wie sie auf die Annahme gekommen sind, dass um 23 Uhr, wenn die Hauptbühne dichtmachen musste, weil sonst die Rebellion bei den Anwohnern stattfindet, 15.000 von 20.000 Besuchern einfach nach Hause gehen würden. Aber auch das wird natürlich im nächsten Jahr alles noch viel, viel besser werden. Zumindest, solange Berlin noch genügend Geld für „sexy“ locker macht.

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17:35 14.09.2010
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Ausgabe 42/2021

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