Jörg Augsburg
22.03.2011 | 17:45 1

Rave, Drugs and Rock'n'Roll

Ton & Text We’re gonna have a party – vor zwanzig Jahren definierte „Screamadelica“ die Popmusik. Nicht nur für die Neunziger

Der Anlass birgt natürlich eine gewisse Willkür in sich und eigentlich stimmt nicht einmal das Datum so ganz genau: Dieser Tage geht die schottische Band Primal Scream auf Jubiläums-Tour, das passende Album dazu steht auch pünktlich in den Läden. Es ist die Neuauflage ihres 1991er Albums „Screamadelica“, die Band wird es live in voller Länge aufführen. Erschienen ist es ursprünglich am 23. September 1991, es war ein verdammt aufregendes Jahr, was wichtige Alben angeht; Nirvanas „Nevermind“, Pearl Jams „Ten“, Red Hot Chili Peppers „Blood Sugar Sex Magik“, Massive Attacks „Blue Lines“ und My Bloody Valentines „Loveless“ steckten die musikalischen Gegebenheiten eingangs dieses Jahrzehnts ab. Allesamt haben sie die Zeiten als Meilensteine der Popmusik überdauert und es ist sicher vor allem eine Frage der persönlichen Vorlieben, für wie wichtig man dieses oder jenes davon aus Sicht der Nachwelt erachtet. „Screamadelica“ jedoch gilt heute als das Album, das die Popmusik der Neunziger tatsächlich definiert hat, nämlich als das Jahrzehnt, in dem alles möglich war.

Werkeln Ekstase

Bis 1990 waren Primal Scream nur eine von all den Indiebands, die in den britischen Clubs rumhingen, zwei Alben hatten sie veröffentlicht, eher mit mäßigem Erfolg und heute praktisch vergessen. Lead-Sänger Bobby Gillespie spielte zwischenzeitlich gar mal das Schlagzeug bei den Jesus And Mary Chain, noch bevor die wirklich eine wichtige Nummer der Independent-Szene wurden. Man werkelte halt vor sich hin. Aber auf der Insel war zum Ende der Achtziger gerade eine musikalische Revolution im Gange: die Rave-Kultur explodierte. Britische Kids tanzten das Wochenende durch auf Acid House-Partys, befeuert durch Drogen und psychedelische Licht-Orgien. Bands wie die Stone Roses oder Happy Mondays entdeckten den Dancefloor für sich und lieferten den Soundtrack zur Ekstase. Alan McGee, sein alter Schulfreund und Labelchef, führte Bobby Gillespie in die Szene ein. Auf einem Rave gab der dem gerade angesagten DJ und Produzenten Andrew Weatherall einen seiner Songs mit, er sollte den doch bitte remixen.

Mit dem ursprünglichen Song hatte das Ergebnis kaum noch etwas gemein: Weatherall verpasste ihm den Drum-Loop eines obskuren italienischen Bootleg-Mixes des damaligen Edie Brickell-Hits „What I Am“, ließ Gillespie eine Zeile des Blues-Poeten Robert Johnson einsingen, drehte alles durch den Wolf und setzte ein Peter Fonda-Zitat aus dem in den Sechzigern billig heruntergekurbelten Rocker-Kultfilm „The Wild Angels“ an den Anfang: „We wanna be free to do what we wanna do. And we wanna get loaded. And we wanna have a good time. That's what we’re gonna do. … We’re gonna have a party.“


Die Party begann im März 1990, als „Loaded“ – so hieß der Track mittlerweile – erschien und Primal Scream mit einem Schlag zur Rave-Ikone machte. Zwei weitere Singles und 19 Monate brauchte es dann noch zum zugehörigen Album. Heute zählt es zu den prägenden der Pophistorie, zählt zu den letztendlich raren Werken, die über ihre eigene Ära und die damit verbundenen nostalgischen Befindlichkeiten hinaus Bestand haben, weil sie nicht nur musikalisch revolutionär agierten, sondern vor allem gleichzeitig zeitlos wirken und dennoch Zeitgeist auszustrahlen vermögen. „Screamadelica“ ist ein heute immer noch verschleißlos beeindruckendes Monster voller mit Echo versetzter und durch Dub-Basslinien gesättigter, aus dem Ruder laufender Tanztracks jenseits der gängigen Hit-Kategorien. Sie pulverisierten endgültig den bis dato noch allgemein für gültig angesehenen Widerspruch zwischen Gitarrenmusik und Dancefloor, zwischen Konzert und Rave, und lieferten auch gleich das große hedonistische Versprechen der Popmusik mit: „Gonna live the life I love, I‘m gonna love the life I live!“

Es ist ein kurzer, musikhistorisch magischer Moment, der sich hier in Sound verdichtet hat, bevor die Szenen wieder auseinanderdrifteten. Während Britpop auf klassisches Songwriting zurückgriff, diffundierte die Clubkultur in bis heute unüberschaubare Subszenen. Von „Screamadelica“ dauerte es denn auch nur drei Jahre bis zum Dub-House-Rave-Bastard „Push Push“ der Rockers HiFi – der allererste explizite Ahne des gegenwärtigen Dubstep. Primal Scream selbst waren da schon wieder auf einem anderen Planeten und erfanden sich gerade als die besseren Rolling Stones neu. Erst eine Dekade später, zur Jahrtausendwende, fanden sie zurück zu elektronischen Beats: „Swastika Eyes“ war eine bitterböse, technoid hämmernde Abrechnung mit der „military industrial illusion of democracy“ amerikanischer Prägung am damals noch diskutierten polithistorischen „Ende der Geschichte“ vor der 2001-Zäsur. Immer noch gelten sie als einer der besten britischen Liveacts, liefern immer noch respektable Alben ab – und sind doch am Ende immer die Band, die „Screamadelica“ gemacht hat. Vor zwanzig Jahren. Man darf das ruhig auch mal feiern.