The War On … Copies

Ton & Text Das Ende von Megaupload: Sondereinheiten und Kampfrhetorik, Dolchstoßlegende und Post-Moral. Oder doch lieber "akzeptierende Raubkopierarbeit"?

Bizarr. Das ist der Begriff, der einem immer in den Sinn kam und der immer noch am Besten das Erstaunen charakterisiert, wenn es wieder mal News von Megaupload gab, dem weltweit sicher bekanntesten und, wie man jetzt weiß, wohl auch tatsächlich größten Sharehostingdienst der Welt. Vier Prozent des weltweiten Datentraffic soll von Megaupload verursacht worden sein, eine irre Zahl, die mit beeindruckender Serverinfrastruktur und einer Speicherkapazität von Dutzenden tausend Terabyte unterfüttert war.

Um nicht zu wissen, was den Traffic vor allem ausmachte, musste man allerdings ziemlich weit hinter dem Mond leben. Megaupload war die Plattform Nummer eins für Filme, Software und Musik. „Raubkopie“ heißt sowas umgangssprachlich, es ist ein Begriff, der gern als Kampfsprache der im Gegenzug wiederum als „Contentmafia“ bezeichneten Unterhaltungsindustrie gegeißelt wird. Dass die Verbreitung von Filmen dabei den Löwenanteil ausmacht, ist nicht nur eine simple technische Gegebenheit von Datenmengen. Auch die Schadenssummen, die die Industrie geltend macht, sind angesichts der Größenordnungen von Filmproduktionen und der damit verbundenen Erlöserwartungen gigantisch – zumindest, wenn man sie mit denen der Musikindustrie vergleicht. Image machte Megaupload aber doch lieber mit Musikern. Und Geschäfte.

„We love Megaupload“ ist der Tenor des – wie gesagt – bizarren Werbevideos, das vor einigen Wochen für eine Mischung aus blankem Entsetzen und verwundertem Augenreiben sorgte.

Buchstäbliche Mega-Stars wie Kanye West, Alicia Keys, Will.i.am, Chris Brown, Mary J. Blige, P. Diddy oder Snoop Dogg singen im „Mega Song“ das Hohelied schneller Ladezeiten und (kostenpflichtiger) Downloadmanager. Es sind selbst nach tiefst gelegten Maßstäben schwer erträgliche vier Minuten. Für jeden einzelnen der Beteiligten – sieht man mal vom grundpeinlichen Megaupload-Gründer Kim Schmitz ab, der sich auch eine Sequenz gegönnt hat – ist es eine ästhetische und musikalische Kapitulationserklärung. Nun weiß man ja schon seit geraumer Zeit, dass gerade die US-HipHop- und R’n’B-Stars ihr Geld zunehmend abseits des eigentlichen Musikerfolgs verdienen. Jemanden ohne eigene Streetwear- oder Parfüm-Marke zu finden, fällt zunehmend schwer. Dieses spezielle Engagement zielte jedoch vor allem darauf ab, das moralische Empfinden des gemeinen Megaupload-Nutzers ganz bewusst zu schleifen. Denn wenn sich schon diejenigen kaufen lassen, die die vermeintlich hauptsächlich Geschädigten sein sollen, wieso soll man sich dann noch um das Gejammer der Industrie scheren, die hinter ihnen stehen soll? Es ist eine Art angewandte Dolchstoßlegende der Musikszene. Dazu passt, dass kurz vor Torschluss ausgerechnet Top-Produzent und Alicia-Keys-Ehemann Swizz Beats als Geschäftsführer von Megaupload – man kann schon fast sagen – enttarnt wurde. (Was denn auch die Star-Connections von Megaupload erklärt.)

Jetzt hat das FBI in einer aufsehenerregenden Aktion die Betreiber von Megaupload per internationalem Haftbefehl festnehmen lassen und das Portal geschlossen. Urheberrechtsverletzungen und Geldwäsche in Größenordnungen organisierter Kriminalität sind die Vorwürfe, über die man sich – selbst wenn die veröffentlichten Details der Anklageschrift doch noch beeindrucken – nun auch als Laie nicht wirklich wundert. Genauso wenig, wie über den prompten Beißreflex der sogenannten Hackergruppe Anonymous, die sich umgehend mit Attacken auf FBI- und Lobbyverbands-Homepages „rächte“. Sehr viel erschreckender war da die offizielle Pressemitteilung der Piratenpartei zum Thema, die sich im sicher unpassendsten Moment an ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen um die schwedische Torrentbörse „Pirate Bay“ erinnerte (auch deren Betreiber wurden juristisch recht drastisch belangt) und jenseits halbwegs akzeptabler Kenntnislage mal eben in die tiefste Schublade der Empörungskampfrhetorik griff – inklusive „Contentmafia“ in der Überschrift. Man hofft ja fast, dass ihnen diese Schnellschusserklärung voller inhaltlicher Ungenauigkeiten, abwegiger Argumentation und verblüffender Arroganz inzwischen vielleicht selbst peinlich ist. Schließlich ist dies die Partei, die sich Kompetenz in Fragen von „Internet“ und „Urheberrecht“ als Gründungsmythos auf die Fahnen geschrieben hat und die eine vergleichbar dummdreiste Meinungsäußerung zum Thema jeder anderen Partei – um mal im Piratenslang zu wildern – „fazialpalmierend“ um die Ohren gehauen hätte. Dass obendrein das aus Sicht der Netzaktivisten stärkste Argument für die FBI-Aktion – nämlich dass die derzeit heftig umstrittene, in den USA geplante „SOPA“-Antipirateriegesetzgebung eben doch gar nicht so nötig sei, wie von den Scharfmachern immer behauptet –, einfach ignoriert wird, lässt die Piratenpartei sogar noch ein bisschen dämlicher aussehen.

Akzeptanz statt radikale Entwöhnung

Fast schon verständlich ist angesichts schwerbewaffneter Sondereinheiten, die Villen voller Luxusmobile stürmen und deren Bewohner mit abgesägter Schrotflinte im Panikraum stellen, der jetzt immer wieder getroffene Vergleich mit dem „Krieg gegen Drogen“, was ja wohl – so die darauf aufbauende Argumentation – absurd sei, angesichts von ein paar Urheberrechtsverletzungen, die ja keinesfalls vergleichbaren Schaden hervorrufen würden. Was sicher nicht unberechtigt ist, allerdings gern vergisst, dass auch das – zum Beispiel im Programm der Piratenpartei beschlossene – Rezept zum Umgang mit „Raubkopierern“ praktisch 1:1 aus der Drogenpolitik übernommen wurde. „Akzeptierende Drogenarbeit“ ist der Fachbegriff für einen Umgang mit Drogenkonsumenten, der nicht die radikale Entwöhnung von der Sucht, sondern deren Akzeptanz zur Grundlage macht. Der Süchtige soll so aus der Kriminalität geholt werden. Mittel sind zum Beispiel geduldete Drogenkonsumräume. Die Programmatik der Piratenpartei in Sachen „Raubkopie“ wartet mit exakt derselben Argumentation und demselben Mittel auf: Legalisierung von Tauschbörsen, um der sonst möglichen Kriminalität den Boden zu entziehen. Nur, dass es hier nicht um die Gesundheit des Menschen geht. Sondern um seine Unterhaltung. Das Recht auf Unterhaltung gehört bisher allerdings nicht zum allgemein anerkannten Grundrechtekatalog.

Der Musikindustrie – und auch der Musik und dem Musiker an sich – helfen wird das Dichtmachen dieser einen, noch so großen Tauschbörse allerdings sowieso nicht. An der Akzeptanz technologischer Gegebenheiten, an komplett neuen Konzepten der Verbreitung und Verwertung von Musik und Filmen führt kein Weg vorbei. Und Lobbyverbände wie die amerikanische RIAA oder der deutsche Verband der Phonoindustrie werden nie im Leben auch nur den Hauch von Sympathie ernten, wenn sie nicht so etwas wie gesunden Menschenverstand entwickeln. Mit stupiden Hackerattacken oder der ignoranten Post-Moral der Alle-Daten-Befreier kommt man ihnen aber ganz sicher auch nicht bei.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit entstanden.motor.de

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15:55 23.01.2012
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