Fast jede Woche stirbt nun ein Genie

Superlative Nachrufe beschreiben die Verschiedenen als vorzüglichste Welterklärer – als lebten wir am Ende einer großen Zeit. Doch zuweilen ist der Ruhm auch verdient
Ausgabe 34/2014
Peter Scholl-Latour
Peter Scholl-Latour

Bild: Sean Gallup/Getty Images

Die Toten sind die Größten. Vor kurzem ist Peter Scholl-Latour als der vorzüglichste Welterklärer unserer Zeit in die Ewigkeit verabschiedet worden. Ihm vorausgegangen war Frank Schirrmacher, dessen Tod auch alten FAZ-Hassern gewaltige Worte aufgestauter Begeisterung in die Schreibcomputer trieb. Von dem Überhöhungseifer der FAZ-internen Jubler gar nicht zu reden. Und als der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler starb, lasen sich viele Nachrufe so, als seien Ranke, Ritter und Meinecke nur seine Vorläufer gewesen. Wir leben, so scheint es, am Ende einer großen Zeit.

Darin fällt auch für die Lebenden etwas ab. Das ist nur recht und billig. Arnulf Baring etwa, der einst den Regierungswechsel von Kiesinger zu Brandt (1969) beschrieb, wird seit langem in der Millionenpresse als „Deutschlands klügster Historiker“ gefeiert. Deutschlands klügster Philosoph ist, glaubt man den mit numerischer Zuverlässigkeit wiederkehrenden Feierartikeln zu runden Geburtstagen, der Emeritus Jürgen Habermas.

Nicht immer können die so Geehrten etwas dafür, dass an ihnen Superlative zuschanden werden. Die Toten schon gar nicht. Und nicht immer trifft sie der Ruhm unverdient. Scholl-Latour, als Reporter an vielen Brennpunkten dieser Welt fast rechtzeitig zugegen, hatte eine unnachahmliche Art, lakonisch Urteile zu fällen, denen doch nur der zu widersprechen gewagt hätte, der seine abweichende Meinung noch lakonischer hätte formulieren können. Schirrmacher entdeckte ausgerechnet in der konservativ-strengsten deutschen Zeitung die Chancen verblüffender Inszenierungen und nutzte sie virtuos. Das machte ihm keiner nach. Habermas überzeugte die Gelehrten an Europas Universitäten von der nicht unwillkommene Tatsache, dass es mit der einschüchternden deutschen Philosophie endgültig aus sei und künftig jeder Gedanke, der aus Freiburg oder Heidelberg komme, ebenso gut auch aus Oxford, Salamanca oder Uppsala gekommen sein könnte.

Das – und natürlich der Fußball – ist die gefeierte Größe unserer Zeit. Diese Namen werden Zeugnis von ihr ablegen. Und wir dürfen sagen, wir kennen sie schon.

Wir kannten freilich auch Wolfgang Leonhard. Er ist jetzt gestorben, im Alter von 93 Jahren. Als junger Mann kam er mit Walter Ulbricht nach Deutschland, um den Sozialismus aufzubauen. Er entschied sich dann anders. Die Nachrufe auf ihn entbehren aller Superlative. Stattdessen erinnern alle an sein frühes, bedeutendes Buch, in welchem er – nicht ohne Melancholie – den Abschied von seinen Illusionen beschrieb: Die Revolution entlässt ihre Kinder.

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