Zurück zur säkularen Orthodoxie

OPPOSITIONELLE KADERSCHMIEDEN An Irans theologischen Hochschulen wächst der Widerstand gegen die politische Machtausübung der schi'itischen Geistlichkeit

Eigentlich sind es ja nur Stätten der Lehre und des Lernens. Seit aber die Absolventen von Irans theologischen Hochschulen in der Islamischen Republik höchste Staatsämter einnehmen, ist die Bezeichnung Kaderschmiede auch nicht ganz unzutreffend. Die Mitglieder des Wächterrats beispielsweise. Sechs der zwölf Mitglieder des Gremiums müssen Juristen des islamischen Rechts sein. Oder der Expertenrat. Nur wer über den Abschluss einer theologischen Hochschule, eines houze-ye elmiyye, verfügt, darf hier über den neuen Revolutionsführer mitentscheiden. Der muss natürlich auch Rechtsgelehrter sein. Für das Amt des Präsidenten sieht es faktisch nicht anders aus, auch wenn die Verfassung dies nicht vorschreibt. Seit Abdolhassan Banisadr, der erste und letzte Nicht-Kleriker, 1980 aus dem Amt gejagt wurde, haben nur Mullahs diese Position innegehabt. Zufall?


    OBERSTE RECHTSGELEHRTE (FAGHI)

    Eine "Institution", die es in der schi'itischen Tradition bis zur Islamischen Revolution 1979 nicht gab und die erst durch Ajatollah Khomeini etabliert wurde. Die in der Verfassung festgeschriebene "Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten" (velajat-e faghi) wird sowohl von Radikalreformern als auch durch Teile der schi'itischen Orthodoxie inzwischen in Frage gestellt. Nach dem Tod Khomeinis wurde Ajatollah Khamene'i vom Expertenrat auf Lebenszeit in dieses Amt gewählt. Der faghi ist Staatschef, Oberkommandierender der Streitkräfte und ernennt den Chef der Judikative.

    EXPERTENRAT

    Die 83 Geistlichen dieses Gremiums werden alle acht Jahre in allgemeinen und geheimen Wahlen bestimmt. Der Rat ernennt den faghi, interpretiert die Verfassung und soll die Übereinstimmung der weltlichen Gesetze mit den Bestimmungen des Islam sichern.

    WÄCHTERRAT

    Das aus sechs vom faghi ernannten Geistlichen und sechs durch das Parlament (medjlis) gewählten islamischen Juristen bestehende Gremium bestimmt über die Zulassung von Kandidaten zur Wahl des medjlis, des Expertenrates und der Kommunalregierungen und wacht über den islamischen Charakter von Gesetzen und Politik.

Das Studium an einer theologischen Hochschule dauert zwischen 15 und 17 Jahren. Es umfasst die Jurisprudenz, die koranischen Wissenschaften und die Theologie, zuweilen aber auch den Unterricht in Soziologie, Informatik und vergleichender Religionswissenschaft. Nach Abschluss des Studiums wird dem Studenten der Titel mudschtahid" verliehen. Damit ist er berechtigt, die religiösen Quellen selbstständig auszulegen und religiöse Gutachten (fatwas) zu erstellen. Erwählen ihn viele Gläubige als religiöse Autorität - als sogenannte "Quelle der Nachahmung" steigt er in der religiösen Hierarchie auf. Nach und nach werden ihn dann immer mehr Gläubige und vor allem Kollegen mit dem Titel Ajatollah (Zeichen Gottes) anreden. Durch diesen informellen Prozess wird er Ajatollah und schließlich - eventuell - Groß-Ayatollah.

Gut ausgebildet

Dass Geistliche eine möglichst große Anhängerschaft um sich scharen wollen, hat aber noch einen anderen Grund. Je mehr Anhänger, desto mehr Geld. Jeder schi'itische Gläubige ist gehalten, eine Abgabe zu zahlen, den sogenannten Fünften (choms), 20 Prozent des versteuerten Einkommens. Anders aber als beispielsweise die Kirchensteuer ist der Fünfte eine moralische Bringschuld. Außerdem zahlt man ihn an einen Geistlichen seiner Wahl, den Geistlichen eben, den man sich zur Quelle der Nachahmung in religiösen Fragen auserkoren hat. Das Geld geht also nicht an eine zentrale Institution, denn die gibt es im schi'itischen Islam nicht. Zwar hat die Islamische Republik mit dem "Obersten Rechtsgelehrten" das Amt einer höchsten religiös-politischen Institution geschaffen, aber daneben gibt es andere, höhere, rein religiöse Autoritäten. Bei ihnen holen sich die Gläubigen Rat, wenn es zum Beispiel um kultische Belange oder religiös-rechtliche Fragen geht. Und da viele Gläubige es auch heute noch sehr Ernst nehmen mit ihrer Pflicht, eine Abgabe zu leisten, verwalten viele Geistliche, die privat ein sehr bescheidenes Leben führen, immense Geldsummen. In erster Linie finanzieren sie damit ihre theologischen Hochschulen und die Stipendien für ihre Schüler. Durch diese Finanzierung sind die theologischen Hochschulen Irans - anders als beispielsweise in Ägypten - vollkommen unabhängig vom Staat.

Finanziell unabhängig

Diese finanzielle Unabhängigkeit erlaubt es den Groß-Ayatollahs, die diese Schule leiten, auch, eine islamische Staatsdoktrin zu formulieren, die der herrschenden entscheidend widerspricht. Denn: Der Abschluss an einer theologischen Hochschule ermöglicht es einem Studenten in der Islamischen Republik zwar, eine politische Karriere zu machen, aber die meisten ihrer ranghöchsten Lehrer sind ganz und gar unpolitisch. Und diese Haltung haben sie weitergegeben. Deshalb sind viele junge Mullahs heute der Auffassung, die Religion solle sich nicht in die Politik einmischen. Sie werde dadurch nur beschmutzt. Hinzu kommt die Erfahrung mit dem "real existierenden Islamismus,". Jeden Fehler der Regierenden lasten die Menschen in einem System, das im Namen der Religion regiert, automatisch eben dieser Religion an.

Geistliche wie Ajatollah Taleqani haben schon kurz nach der Revolution befürchtet, dass dies geschehen könnte. Und er sollte recht behalten. Langsam hielten dann Mitte der neunziger Jahre auch die Schriften von Reformtheologen Einzug in die theologischen Hochschulen. Parallel dazu fand man Anschluss an die moderne Kommunikation und die moderne Welt. Viele theologische Hochschulen sind heute mit Computern und Internet ausgerüstet, in ihren Bibliotheken finden sich Werke westlicher Philosophen, Islamwissenschaftler und Politologen.

Einer der Wegbereiter der modernen schi'itischer Theologie war Abdolkarim Sorusch. Er argumentierte, auch ein demokratisches System würde dem Islam nicht widersprechen. Islamisch sei eine Gesellschaft bereits dann, wenn ihre Mitglieder an den einen Gott glaubten - die meisten der religiösen Gesetze würden ohnedies dem Wandel der Zeit unterliegen. Die Zeitschrift Kiyan, in der Sorusch seine Ideen verbreitete, fand reißenden Absatz in der Theologenstadt Ghom. - Bis sie vor kurzem verboten wurde. Der Vorwurf: Man habe Ansichten verbreitet, die den Islam beleidigten und die öffentliche Meinung irreführten. Dass man mit solch rigiden Maßnahmen die Verbreitung modernistischen Gedankenguts stoppen kann, ist allerdings unwahrscheinlich. Seit Jahren schon geben einige der theologischen Hochschulen selber Zeitschriften heraus, in der ähnliche Aufsätze stehen. Die Zeitschrift Nazar va Naqd (Meinung und Kritik) beispielsweise steht Kiyan in nichts nach, zumal hier oft dieselben Autoren schreiben.

Gefährlich oppositionell

Unter den in Ghom lehrenden Geistlichen gehen heute ohnehin einige viel weiter als Sorusch. Mohsen Kadiwar beispielsweise. Für seine direkte Kritik am iranischen Herrschaftssystem saß der Hodschatoleslam anderthalb Jahre im Gefängnis. Er hatte die Machtfülle des "Obersten Rechtsgelehrten" kritisiert und eine Begrenzung seiner Amtszeit gefordert. Viele Studenten an theologischen Hochschulen und weltlichen Universitäten verehren Kadiwar als Helden. Seine öffentlichen Auftritte werden von Jubelrufen begleitet - und vom Wutgeheul der Konservativen. Als Kadiwar und Sorusch im vergangenen Sommer gemeinsam vor Studenten auftraten, wurde das Treffen von der radikalen Hizbollah gestürmt.

Die Reformtheologen und die von ihnen beeinflusste junge Generation von Mullahs nähern sich mit ihrer modern argumentierenden Theologie der Orthodoxie ihrer Vorväter und der höchsten religiösen Autoritäten Irans an. Die meinen, bis zur Wiederkehr des 12. Imam - ideengeschichtlich dem jüdischen Messias vergleichbar - sei ohnehin jedwede Herrschaft von Menschen illegitim, auch die von Geistlichen. Diese Art von Säkularismus war und ist schi'itische Orthodoxie. Erst Khomeini brach damit, als er die "Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten" in der Verfassung verankern ließ. Nach den Erfahrungen von über 20 Jahren Islamischer Republik aber könnte die orthodoxe Haltung wieder zum gelebten Dogma werden.

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