1965: Die Wucht des Wow

Zeitgeschichte Mit der Musikshow „Beat-Club“ zieht vor 50 Jahren der Generationenkonflikt in deutsche Wohnzimmer ein. Die Alten schimpfen, die Jungen wollen mehr Freiheit
Katja Kullmann | Ausgabe 38/2015 6
1965: Die Wucht des Wow
Aus den USA herübergeschwappt: Frank Zappa mit Band

Foto: Petra Niemeier/Redferns/Getty Images

Die Revolution beginnt höflich und wohlerzogen, in gebügelter Garderobe – und mit einer freundlichen Warnung. Am Samstag, dem 25. September 1965 um 16.44 Uhr – draußen herrschen spätsommerliche Temperaturen um die 20 Grad –, tritt Wilhelm Wieben vor die Kameras des Ersten Deutschen Fernsehens. Jahre später wird er als Mister Tagesschau erst so richtig bekannt, in diesem Moment aber steht er noch ganz am Beginn seiner TV-Karriere. Er ist gerade 30 geworden, trägt einen Anzug mit Weste, gestärktes Hemd und dunkle Krawatte. Sein gewelltes Haar ist akkurat kurz geschnitten, da zottelt nichts. Keinerlei Anzeichen für Drogen, Perversion oder Vaterlandsverrat.

„Liebe Beat-Freunde, nun ist es endlich so weit“, sagt Wieben strahlend ins Handmikrofon. „In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im deutschen Fernsehen, die nur für euch gemacht ist.“ Und dann: „Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik vielleicht nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis. Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten, für junge Leute. Und nun geht’s los.“

Punkt 16.45 Uhr: Schnitt auf eine fast rührend zu nennende Studiobühne, sie ist aus einfachen Holzlatten gezimmert. „Halbstaaark, oh Baby, Baby, halbstaaark“, singen die Yankees, eine Combo aus Bremen. Es ist der Auftakt zu einem Spektakel, dessen Nachwirkungen sich nicht mathematisch nachweisen lassen. Doch werden Kulturwissenschaftler, Medienforscher und Soziologen späterer Generationen sich einig sein: Kaum eine Fernsehsendung verändert die westdeutsche Gesellschaft so nachhaltig wie der Beat-Club.

Mit der anfangs nur 30 Minuten dauernden, später auf eine Stunde verlängerten Show poltern plötzlich Rock und Pop in deutsche Wohnzimmer, wo ein paar Jahrzehnte zuvor ausschließlich streng deutsches Liedgut aus dem Volksempfänger tropfte. Und wo seither zwar auch nichtdeutsche Künstler mal das eine oder andere Liedchen singen durften, aber wenn, dann bitte auf Deutsch, mit niedlichem Ausländerakzent, über den man wohlwollend schmunzeln konnte: etwa beim Schweizer Vico Torriani, dem Amerikaner Bill Ramsey, der Schwedin Siw Malmkvist oder Caterina Valente, die italienisch-französische Wurzeln hat. Auch die Österreicher Freddy Quinn und Peter Alexander waren beliebt, und Drafi Deutscher, in Berlin-Charlottenburg geboren, tat wenigstens so, als habe er einen kleinen Akzent. Das war in etwa das Maß an kultureller Fremdheit und Weltläufigkeit, das das deutsche Unterhaltungspublikum bis dahin verkraften konnte.

Der Beat-Club, von Radio Bremen produziert und über die ARD ausgestrahlt, ist im Herbst 1965 eine kleine Sensation. Nicht nur weil es die erste Musiksendung ist, in der englischsprachige Künstler auftreten. Es ist auch das erste TV-Format, das auf eine bis dato unerschlossene Zielgruppe zugeschnitten ist, auf die (Konsumenten-)Kohorte der 14- bis 29-Jährigen. Über die Radiosender der Alliierten, den US-Sender AFN und den britischen BFBS, sind sie mit aufregenden neuen Musikstilen immerhin schon halbwegs vertraut.

Der Rock ’n’ Roll und der Beat, die nicht nur im angloamerikanischen Raum, sondern auch in Frankreich längst die Massen begeistern, haben in der Bundesrepublik so manchen Herrn Kritiker rassistisch angehauchte Kommentare verfassen lassen. Selbstgewiss wird auch in den 60er Jahren noch über „Hottentotten“- und „Urwaldmusik“ hergezogen. Die Verachtung, die etwa Theodor W. Adorno für populäre Musikgenres wie den Jazz formuliert hat, ist auch Jahrzehnte danach noch berühmt. Der seinerzeit als Avantgardist verstandene Schriftsteller Arno Schmidt wiederum prägt das hübsche Diktum von den Beatles als albernen „Krampfhennen“.

Die jungen Fans des Krampfhennen-Sounds werden von Wieben in seiner TV-Ansage auf ungewohnt vertraute Art angesprochen. Ein solches Duzen hat es im öffentlich-rechtlichen Programm bis dato nicht gegeben. Seit einer Weile nennt man „junge Leute“ auch in Deutschland „Teenager“, doch müssen sich viele Ältere erst noch an diese Vokabel gewöhnen: „Immer dieses Englisch!“ So viel Neues, womöglich Bedenkliches ist seit Kriegsende aus den USA herübergeschwappt in den Westen Deutschlands, wo – Naziterror hin, Alliierteneinfluss her – einige Tugenden auch die nächsten tausend Jahre noch fortbestehen sollen: Fleiß, Ordnung und Anstand zum Beispiel.

Die „Damen und Herren“, die „Beat-Musik vielleicht nicht mögen“, sind diejenigen, die unter Umständen nicht nur Mitläufer des NS-Regimes waren. Wie viel Tausendjähriges Reich noch in Mami und Papi steckt, darüber spricht man freilich nicht. Das große Schweigen zwischen Jung und Alt, zwischen Tätern und Nachfahren, ist einstweilen noch der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, in Ost und West gleichermaßen.

Der Beat-Club nimmt sein junges Publikum ernst, vor allem mit dem Versuch, sich anders auszudrücken als verdruckste Eltern es ihnen vorleben. Stühle gibt es im Studio nicht. Das Show-Publikum ist aus der Umgebung rekrutiert, etwa aus dem Bremer Twen Club, es soll nicht artig zuhören, sondern tanzen und sich dabei filmen lassen.

„Es gab Familienstreit: Beat-Club für die Kids oder Sportschau für den Papa?“, sagt im Rückblick Uschi Nerke, die Ur- und Stammmoderatorin der Sendung. Von der Premiere 1965 bis zum Ende des Beat-Clubs 1972 ist sie dabei. Ja, die Show habe den 68er-Konflikt vorweggenommen, glaubt Nerke, die mit ihrer burschikos fröhlichen Art ein neues Bild der „jungen Frau“ repräsentierte. Die studierte Bauingenieurin trägt vor der Kamera Minirock, Stiefel und Pony, während sonst allenthalben noch Kochtopffrisuren und frühe Verlobungen üblich sind. Nerke spricht über E-Gitarren und Drum-Soli, während andere Hauswirtschaftskurse besuchen. „Trägt Uschi zu kurz?“, fragt in bekannt bigotter Bräsigkeit die Bild-Zeitung.

Zwei Jahre nach der Beat-Club-Premiere erschüttern Studentenunruhen das Land. Bundeskanzler ist das frühere NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger, Notstandsgesetze werden erlassen, die Rote Armee Fraktion formiert sich, die 68er Revolution animiert Frauen und Männer zu befreiter Sexualität. Der Beat-Club liefert den Soundtrack zu all dem. Das „Wow Wow“ aus der Titelmelodie wird zu einem Refrain der Zeit. Von Chuck Berry über die Rolling Stones bis zu Jimi Hendrix treten Superstars des internationalen Pop und Rock auf. Plattenfirmen erkennen schnell das Potenzial der Sendung, schicken Vorabveröffentlichungen in die Redaktion und „sorgten dafür, dass die Scheiben montags nach der Sendung auch direkt in den Läden lagen“ (Nerke).

Die Sendung ist mutig produziert. Derart schnelle Zwischenschnitte, Positiv-/Negativ-Überblendungen und andere Kameratricks waren so noch nie im deutschen Fernsehen zu sehen und sollten auch international Maßstäbe setzen: In den kommenden Jahren wird der Bremer Beat-Club in bis zu 50 Ländern ausgestrahlt. Sein Konzept geht auf den multitalentierten Psychoanalytiker, Jazzkritiker, Sexualforscher und Autor Ernst Bornemann zurück. Schon 1963 hatte er den Fernsehmachern seine Idee präsentiert. Aber erst zwei Jahre später gelang es dem Unterhaltungsredakteur Michael „Mike“ Leckebusch, damals 28 Jahre jung, die TV-Chefs zur Umsetzung des Konzepts zu überreden.

„Schreibt uns, was ihr hören und sehen wollt“, fordern Nerke und ihr Ko-Moderator die Zuschauer in der Premierensendung mehrmals auf. „Wenn ihr eine neue Band hört oder einen Tänzer wisst, der neue Tänze erfindet ...“ Genau das ist die Kernidee des Beat-Club, auch wenn sie wörtlich so in keinem Konzeptpapier formuliert sein mag: Es geht um eine kollektive Selbsterfindung. Bald zeugen die frühen Beat-Club-Fans dann ihre eigenen Kinder. Jene Nachfahren wird man später zur verwöhnten Babyboomer-Generation zählen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

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06:00 30.09.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

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