Katja Kullmann
Ausgabe 0816 | 09.03.2016 | 06:00 20

Kreative Komplizen des Kapitalismus

Interview Alexandra Manske erforscht die Erwerbsmodelle in der Kreativwirtschaft. Und ihre sozialen Folgen

Kreative Komplizen des Kapitalismus

„Längst sind mehr Leute im kreativen Sektor tätig als in der Autobranche“

Foto: Hanna Lenz für der Freitag

Es klingt nicht gerade sehr sympathisch, schlimmer noch: Womöglich handelt es sich um die unbeliebteste Berufsgruppe unserer Tage. Wenn von „freien Kreativen“ die Rede ist, stellen viele sich sofort einen schnöseligen Typen von um die 30 vor, einen Wichtigtuer mit Hipster-Bart und Laptop unterm Arm. Einen verwöhnten Angeber, der irre viel Geld mit Werbeslogans oder irgendeinem Internetportal verdient und, allein schon mit seiner Anwesenheit, zur Gentrifizierung der Städte beiträgt. Tatsächlich basiert die sagenumwobene Kreativwirtschaft auf Ausbeutung, sagt die Arbeitssoziologin Alexandra Manske. Über altbekannte und neue „kapitalistische Geister“ hat sie ein erhellendes Buch geschrieben.

der Freitag: Frau Manske, nach der Lektüre Ihres Buches sieht man die heutige Arbeitswelt noch einmal mit anderen Augen. Fast egal, in welcher Branche: Alle wollen möglichst selbstbestimmt und kreativ arbeiten – alle wollen sich wie kleine Künstler fühlen. Dabei übersehen die meisten, wie übel sie ausgebeutet werden.

Alexandra Manske: Ja, das könnte man als zugespitztes Fazit aus meiner Forschung ziehen. Als Arbeitssoziologin beschäftige ich mich intensiv mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. Was dort in den 90er Jahren begann, ist über die nuller Jahre zum allgemeinen Standard geworden: Der kreative Mensch, der sich selbst organisiert, seine Arbeit nicht nur als Mittel zum Gelderwerb, sondern auch als ästhetische Äußerung oder als Selbstverwirklichung begreift, ist eher bereit, prekäre Phasen hinzunehmen. Er ist potenziell willens und in der Lage, sich jenseits herkömmlicher betrieblicher Arbeit durchzuschlagen, ohne groß zu murren.

Dieses Prinzip gefällt dem Neoliberalismus natürlich.

Absolut. Eine solche Selbstauffassung macht einen letztlich zu einem anpassungsfähigen Wesen.

„Wir wollen nicht mehr mit Geld bezahlt werden, sondern mit Liebe“, sagte der Schriftsteller Dietmar Dath einmal sinngemäß. Da scheint es um die Angst vor entfremdeter Arbeit zu gehen – genau wie bei den Erwerbstätigen, die Sie befragt haben, richtig?

Die alte fordistisch organisierte Arbeit war stark hierarchisch gegliedert. Für viele gut ausgebildete jüngere Menschen ist das nicht mehr attraktiv. Sich die Zeit frei einteilen zu können, auch Überstunden zu machen, aber im Gegenzug für seine indviduellen Leistungen anerkannt zu werden, ist für viele wichtiger geworden. Unter diesen Prämissen ist ein neuer Idealtypus des erwerbstätigen Menschen entstanden – das perfekte Rollenmodell für den flexiblen Kapitalismus.

Bevor wir diesen Idealtypus näher beleuchten: Woher kommt er, was genau ist unter der Kultur- und Kreativwirtschaft zu verstehen, die Sie untersucht haben?

Nehmen Sie freiberufliche Grafiker, Schauspieler oder Journalisten: In der Kultur, in den Medien und der Internetwirtschaft sind atypische Erwerbsverhältnisse seit jeher üblich. Man ist auf Zeit, als Pauschalist, auf Projektbasis beschäftigt. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts betraf das vor allem „besondere“ Berufe, die gesellschaftlich ein vergleichsweise hohes Ansehen genossen. Spätestens seit Gerhard Schröders Agenda 2010 und seinem Entwurf der unternehmerischen Ich-AG sind solche Modelle auch in andere Branchen eingesickert. Nur dass jemand, der eine gute Idee hat, nicht zwingend über das nötige Startkapital verfügt.

Zeitarbeit und Werkverträge sind heute auch im Kurier- und im Klinikwesen üblich, bei Sprachlehrern, Leihbuchhaltern ...

Ja. Ich konzentriere mich in meiner wissenschaftlichen Arbeit aber auf die Kultur- und Kreativwirtschaft im engeren Sinne. Sie ist längst keine Nischensparte mehr, sondern der am stärksten wachsende Wirtschaftszweig hierzulande. Jedes Jahr werden da 130 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das ergibt eine Bruttowertschöpfung von über 60 Milliarden, mehr als in der Chemiebranche zusammenkommt.

Zur Person

Alexandra Manske, 45, forscht und lehrt im Feld der Arbeitssoziologie. 2005 hat sie an der Berliner Humboldt- Universität promoviert, mit einer Doktorarbeit über die soziale Lage von Internetdienstleistern. Aktuell hat sie eine Vertretungsprofessur an der Uni Hamburg inne, im Fachbereich Sozialökonomie. Ende 2015 erschien ihr Buch Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Kreative zwischen wirtschaftlichem Zwang und künstlerischem Drang (Transcript-Verlag, 454 S., 39,99 €)

Die Zahl der Erwerbstätigen ist in diesem Bereich ganz enorm gestiegen, schreiben Sie.

Sie hat sich über die vergangenen 20 Jahre verdreifacht. Kein Erwerbsfeld ist seit den 70ern stärker expandiert. Rund 1,6 Millionen Menschen verdienen heute ihr Geld in diesem Sektor, deutlich mehr als in der Autobranche

Was oder wer genau gehört dazu?

2009 hat die Wirtschaftsministerkonferenz die elf Teilbranchen genau festgelegt: die Musik-, die Rundfunk- und die Filmwirtschaft, der Buch- und der Kunstmarkt, die Darstellenden Künste, die Architektur, das Pressewesen, die Werbung, die Software- und Spieleindustrie und die Designwirtschaft. Letztere habe ich nun genauer untersucht.

Und Sie kamen zum Schluss, dass Menschen, die in diesem oder verwandten Feldern tätig sind, oft sehr wenig verdienen. Alles Kandidaten für Altersarmut.

Je nachdem, wie man über die Kreativwirtschaft berichtet, kann man ihre ökonomische Potenz betonen und eine Erfolgsgeschichte skizzieren – oder ein herbes Prekarisierungsbild zeichnen. Mein Ansatz war ein anderer: Wie sieht eigentlich die soziale Praxis hinter dem Diskurs aus? Das Ergebnis: Selbstausbeutung ist das A und O.

Bitte nennen Sie Beispiele.

Wer als freier Kreativer oder in einem klassischen Kulturberuf arbeitet, ist im Regelfall in der Künstlersozialkasse (KSK) versichert. Deren Mitglieder verdienen im Schnitt 15.000 Euro brutto im Jahr. Das Gefälle zwischen Frauen und Männern ist hier oft höher als in herkömmlichen Wirtschaftsfeldern: Männer kommen im Schnitt auf 17.000, Frauen nur auf 13.000 Euro.

Die Gewinne bleiben bei Verlagen, Sendern, Konzernen hängen.

Nicht nur dort. Die Kreativwirtschaft ist für die urbane Ökonomie insgesamt sehr wichtig. Je mehr Kultur, desto attraktiver wird eine Stadt im globalen Standortwettbewerb. In Berlin ist inzwischen jeder zehnte Erwerbstätige im Kreativ- oder Kultursektor beschäftigt, in Hamburg sind es acht Prozent. Den steilsten Anstieg seit 2005 gab es in München. Jeder Zweite dieser kreativen oder Kulturarbeiter kann von seiner eigentlichen Tätigkeit aber nicht leben. Er ist auf zusätzliche Brotjobs angewiesen. Das ist die Standbein-Spielbein-Methode.

Künstler früherer Tage haben ganz bewusst eine prekäre Boheme-Existenz gesucht.

Ja, bis in die 70er war das so: Ein Künstler bewegte sich mit seinem Lebensentwurf bewusst außerhalb der Norm. Aber seither haben wir es mit einem strukturellen Wandel zu tun, der in die Breite geht. Die Kunst- und Fachhochschulen bieten jetzt Seminare zur Selbstvermarktung an, ein Training für den scharfen Markt, von Anfang an.

Eine Festanstellung streben viele aber ohnehin nicht an, oder?

Das ist eben der Reiz, sich selbst lieber als Künstler wahrzunehmen statt als Dienstleister. Es ist die Mentalität des „ästhetischen Kapitalismus“, wie der Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz unsere ökonomische Gegenwart nennt. Auch wenn man bloße Gebrauchsgrafiken oder PR-Texte nach strengen Vorgaben erstellt oder als Programmierer nur ein Zulieferer ist: Die Selbstauffassung, etwas Besonderes zu tun, keinen „normalen Bürojob“ zu haben, ist für viele eine entscheidende Säule ihrer Identität im sozialen Raum.

Laut Ihrem Buch sind es die Nachfahren der alten abgesicherten Mittelschicht, die so denken. Da ist noch ein starker Wille zum sozialen Aufstieg vorhanden.

Genau da liegt eine Bruchstelle. Erst über die Zeit merken viele, wie viel Energie es kostet, sich immer wieder aus eigener Kraft auf dem Markt zu behaupten und um Aufträge und Honorare zu kämpfen. Oder zum Aufstocker zu werden.

Sie schreiben von einem großen Aufwand an „Statusarbeit“.

Dabei geht es um das Anhäufen symbolischer Anerkennung. Ich befragte eine Illustratorin, die darauf beharrt: „Ich mache keine Werbung, ich mache Kunst!“ Die Auftragsarbeiten, mit denen sie etwas verdienen kann, sind oft nicht anspruchsvoll. So fühlt sie sich anhaltend verkannt. Sie kämpft nicht nur mit wirtschaftlichen Zwängen, sondern auch mit der Kränkung ihrer Qualifikation und ihres Selbstbilds. Ihr Büro räumt sie öfters zur Galerie um und veranstaltet Vernissagen für andere Illustratoren. Sie hofft, dass sich das in den sozialen Medien verbreitet, damit sie doch noch Zugang zu dem Milieu erhält, das sie als künstlerische Sphäre versteht und anstrebt.

Eine ganz schön wackelige Investiton ins eigene Prestige.

Ja. Sie finanziert das von ihren prekären Mitteln vor, ohne zu wissen, ob es sich je auszahlt. Bei meinen Recherchen habe ich einige Burn-out-Fälle getroffen, gerade in der Designbranche: relativ junge Menschen, die nach acht oder zwölf Jahren am Ende ihrer Kräfte sind. Für viele ist die selbst organisierte Kreativarbeit aber längst ein ganz normaler Job, auch ohne dass sie sich als Ausnahmesubjekt fühlen. Und sie wünschen sich sogar, dass ihre Interessen kollektiv organisiert werden, ob gewerkschaftlich oder in einem anderen Interessenverband. Man muss klar sehen: Der Anteil der Soloselbstständigen, die ganz auf sich allein gestellt werkeln, liegt im Kreativsektor bei 70 Prozent, in sonstigen Erwerbsfeldern nur bei zehn Prozent.

Und mit jeder Entlassungswelle in den Medien kommen ein paar Hundert hinzu. Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen drei Typen: zwischen den Opfern und den Komplizen dieser Struktur – und dem Unternehmertypus.

Das sind Zuschreibungen, die sich durch die Literatur zum Thema ziehen, ich habe sie untersucht. Zum Opfer werden viele durch Honorardumping oder Selbstausbeutung. Aber oft sind diese Leute auch Komplizen der Struktur, weil sie aus der symbolischen Anerkennung als Quasi-Künstler einen gewissen Gewinn ziehen. Am leichtesten ist es wohl für diejenigen, die sich unsentimental als Unternehmer begreifen und sich an Erfolgsgeschichten wie der der Samwer-Brüder und des Onlinehandels Zalando orientieren. Solche Leute stammen oft aus dem gehobenen Bürgertum. Während diejenigen, die sich in der Prekarität verfangen, meist aus weniger wohlhabenden Familien kommen.

Vielen Dank für diese Einblicke.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/16.

Kommentare (20)

sleep 28.02.2016 | 15:07

Ein interessantes und wichtiges Thema, leider etwas holzschnittartig behandelt. Die wichtige anthropologische Frage, nämlich, warum arbeitet der Mensch?, erklingt nicht einmal aus weiter Ferne von einem selbst nur erahnten Horizont. Das Gespräch verbleibt in kapitalistischer Verwertungslogik befangen. Daher auch die reißerische Headline.

Der Rest sind Fakten, die schon 2009 nachzulesen waren, etwa in Grüner, Kleine, Puchta, Schulz, Kreative gründen anders oder auch aktuell auf der Webseite http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/.

So wird man dem Thema natürlich nicht gerecht. Schade.

anne mohnen 09.03.2016 | 17:13

Auf der von Ihnen verlinkten Seite ist zu lesen: „Branche mit Zukunft"

„Seit Ende der 80er Jahre entwickelte sich die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige der Weltwirtschaft. Die Branche erzielte in 2014 einen Umsatz von schätzungsweise 146 Milliarden Euro. Ihr Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung (Bruttowertschöpfung) in Deutschland betrug schätzungsweise 67,5 Milliarden Euro (2,3 Prozent). Damit ist sie vergleichbar mit den großen Industriesektoren Automobil, Maschinenbau, Chemie, oder der Finanzdienstleistungsbranche und der Energieversorgung.“

Wie verhält sich das zu den Honoraren? Ich habe den anthropologischen Ansatz über „Arbeit“ von Maria Jahoda im Kopf, demnach Arbeit u.a. wichtig ist, weil dadurch u.a. Selbstwirksamkeit generiert werde. Wie passt das zusammen mit einer Entlohnung, die auf die Armutsebene verweist? ;)

denkzone8 10.03.2016 | 12:36

ortega kontrastiert zwei arten von beschäftigungen: die mühsamen und die glücklichen:

"die arbeiten rauben uns die zeit, glücklich zu sein, und die freuden nagen, soviel sie können, von der zeit ab, die die arbeit verlangt. sobald der mensch einen spalt oder riß in dem dickicht seiner arbeiten entdeckt, schlüpft er hindurch, um seine glückbringenden tätigkeiten auszuüben." j.o. y gasset, über die jagd.

schna´sel 13.03.2016 | 12:53

"Der Exzess der individuellen Freiheit erweist sich letzten Endes als Exzess des Kapitlas (Byung Chul Han)"

Müdigkeitsgesellschaft - Byung-Chul Han in Seoul/Berlin - Trailer

Heute zählt Byung-Chul Han, der an der Universität der Künste in Berlin lehrt und in mehreren Schriften (vor allem in Müdigkeitsgesellschaft) über die Erschöpfungszustände spätkapitalistischer Gesellschaften nachgedacht hat, zu den bedeutendsten philosophischen Beobachtern und Kritikern eines Paradigmenwechsels, der durch ein "Übermaß an Positivität" gekennzeichnet ist.

Damit gemeint ist jene kapitalistische "Logik der Freiheit", die im digitalen Zeitalter von der "effizienten Fremdbestimmung" zur "freiwilligen Selbstausbeutung" geführt habe. Weil sich unter den Bedingungen der Informationsbeschleunigung und eines permanenten Leistungsdrucks Freizeit jederzeit in Arbeitszeit verwandeln lasse, werde das Ich als "Täter" und "Unternehmen seiner selbst" zugleich zu seinem eigenen "Opfer". Byung-Chul Han diagnostiziert eine "Erfolgsdepression" des narzisstischen Subjekts und einen "Exzess des Kapitals", der paradoxerweise von einem "Gefühl der Freiheit" begleitet werde, weshalb er diese als Projekt westlicher Gesellschaften für gescheitert erklärt.

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Ehemaliger Nutzer 14.03.2016 | 01:25

Erinnern wir das futuristische Manifest, mit dem 1909 bereits die Probleme der heutigen Gegenwart formuliert wurden

"Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus

erschienen in: Le Figaro, Paris, 20. Februar 1909

1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.

2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.

3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.

4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.

5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.

6. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.

7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefaßt werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen.

8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! ... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.

9. Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen, und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.

Von Italien aus schleudern wir unser Manifest voll mitreißender und zündender Heftigkeit in die Welt, mit dem wir heute den Futurismus gründen, denn wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien.

Schon zu lange ist Italien ein Markt von Trödlern. Wir wollen es von den unzähligen Museen befreien, die es wie zahllose Friedhöfe über und über bedecken.

Museen; Friedhöfe! . .. Wahrlich identisch in dem unheilvollen Durcheinander von vielen Körpern, die einander nicht kennen. Museen: öffentliche Schlafsäle, in denen man für immer neben verhaßten oder unbekannten Wesen schläft! Museen: absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig wild mit Farben und Linien entlang der umkämpften Ausstellungswände abschlachten!

Einmal im Jahr mögt ihr dahin pilgern, wie man zu Allerseelen auf den Friedhof geht . . . das gestatte ich euch. Einmal im Jahr mögt ihr einen Blumenstrauß vor der Mona Lisa niederlegen, . . . das gestatte ich euch . . . Aber ich lasse nicht zu, daß man täglich in den Museen unser kümmerliches Dasein, unseren gebrechlichen Mut und unsere krankhafte Unruhe spazieren führt. Warum will man sich vergiften? Warum will man verfaulen?

Und was kann man auf einem alten Bilde schon anderes sehen als die mühseligen Verrenkungen des Künstlers, der sich abmühte, die unüberwindbaren Schranken zu durchbrechen, die sich seinem Wunsch entgegenstellen, seinen Traum voll und ganz zu verwirklichen? . . . Ein altes Bild bewundern, heißt, unsere Sensibilität in eine Aschenurne schütten, anstatt sie weit und kräftig ausstrahlen zu lassen in Schöpfung und Tat.

Wollt ihr denn eure besten Kräfte in dieser ewigen und unnützen Bewunderung der Vergangenheit vergeuden, aus der ihr schließlich erschöpft, ärmer und geschlagen hervorgehen werdet?

Wahrlich, ich erkläre euch, daß der tägliche Besuch von Museen, Bibliotheken und Akademien (diesen Friedhöfen vergeblicher Anstrengungen, diesen Kalvarienbergen gekreuzigter Träume, diesen Registern gebrochenen Schwunges) für die Künstler ebenso schädlich ist wie eine zu lange Vormundschaft der Eltern für manche Jünglinge, die ihr Genie und ihr ehrgeiziger Wille trunken machen. Für die Sterbenden, für die Kranken, für die Gefangenen mag das angehen: — die bewundernswürdige Vergangenheit ist vielleicht ein Balsam für ihre Leiden, da ihnen die Zukunft versperrt ist ... Aber wir wollen von der Vergangenheit nichts wissen, wir jungen und starken Futuristen!

Mögen also die lustigen Brandstifter mit ihren verkohlten Fingern kommen! Hier! Da sind sie! ... Drauf! Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken! . .. Leitet den Lauf der Kanäle ab, um die Museen zu überschwemmen! ... Oh, welche Freude, auf dem Wasser die alten, ruhmreichen Bilder zerfetzt und entfärbt treiben zu sehen! ... Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!

Die Ältesten von uns sind jetzt dreißig Jahre alt; es bleibt uns also mindestens ein Jahrzehnt, um unser Werk zu vollbringen. Wenn wir vierzig sind, mögen andere, jüngere und tüchtigere Männer uns ruhig wie nutzlose Manuskripte in den Papierkorb werfen. Wir wünschen es so!

Unsere Nachfolger werden uns entgegentreten; von weither werden sie kommen, von allen Seiten, sie werden auf dem beflügelten Rhythmus ihrer ersten Gesänge tanzen, ihre gebogenen Raubvögelkrallen werden sie ausstrecken, und an den Türen der Akademien werden sie wie Hunde den guten Geruch unseres verwesenden Geistes wittern, der bereits den Katakomben der Bibliotheken geweiht ist.

Aber wir werden nicht da sein! . . . Sie werden uns schließlich finden - in einer Winternacht - auf offenem Feld, unter einem traurigen Hangar, auf den ein eintöniger Regen trommelt, sie werden uns neben unseren Flugzeugen hocken sehen, zitternd und bemüht sein, uns an dem kümmerlichen kleinen Feuer zu wärmen, das unsere Bücher von heute geben, die unter dem Flug unserer Bilder auflodern. Sie werden uns alle lärmend umringen, vor Angst und Bosheit keuchend, und werden sich, durch unsere stolze, unermüdliche Kühnheit erbittert, auf uns stürzen, um uns zu töten, und der Haß, der sie treibt, wird unversöhnlich sein, weil ihre Herzen voll von Liebe und Bewunderung für uns sind.

Die starke und gesunde Ungerechtigkeit wird hell aus ihren Augen strahlen. Denn Kunst kann nur Heftigkeit, Grausamkeit und Ungerechtigkeit sein. Die Ältesten von uns sind dreißig Jahre alt: trotzdem haben wir bereits Schätze verschleudert, tausend Schätze an Kraft, Liebe, Kühnheit, List und rauhem Willen; ungeduldig haben wir sie weggeworfen, in Hast, ohne zu zählen, ohne je zu zögern, ohne uns je auszuruhen, ohne Atem zu schöpfen ... Schaut uns an! Noch sind wir nicht außer Atem! Unsere Herzen kennen noch keine Müdigkeit, denn Feuer, Haß und Geschwindigkeit nähren sie! ... Das wundert euch? . . . Das ist logisch, denn ihr erinnert euch ja nicht einmal daran, gelebt zu haben! Aufrecht auf dem Gipfel der Welt, schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu!

Ihr macht Einwendungen? . . . Genug! Genug! Die kennen wir . . . Wir haben begriffen! ... Unsere schöne, verlogene Intelligenz sagt uns, daß wir der Abschluß und der Neubeginn unserer Ahnen sind. - Vielleicht! ... Es sei! ... Was schadet es denn? Wir wollen nichts begreifen! . . . Wehe dem, der uns diese infamen Worte noch einmal sagt! . .. Kopf hoch! . . .

Aufrecht auf dem Gipfel der Welt schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu! ..."

...

Reinhold Schramm 18.03.2016 | 15:15

Dank für diesen erweiterten Einlick in die ungeschminkte Wirklichkeit der bürgerlichen Kapitalgesellschaft!

"Kreative Komplizen des Kapitalismus", so auch im Kunst und Kulturbetrieb!

Bemerkungen zum Januskopf aus Kunst und Kreativwirtschaft.

Der kapitalistischen Realität kann man nicht entfliehen, -- auch nicht in der "Kreativwirtschaft" --, bei der Selbstvermarktung und Selbstausbeutung. Allenfalls bietet sie die Illusion des unabhängigen Künstlers, - des schöpferisch Kreativen. Dabei in der (subjektiven) Verkennung der Tatsache: der persönlichen Unterwerfung unter die ökonomischen und ideologischen Verwertungsinteressen des personifizierten Kapitals. So auch im bürgerlichen -im privaten/staatlichen- Kunst und Kulturbetrieb.

Ein Laufen und Rennen, um Kleinst- und befristete Zeitverträge, eine Andienung und Anbietern, ein -uneingestandenes- hündisches Feilschen im Kunst und Kulturbetrieb, um den -geringsten- Preis und Lohn [= auch bei den Hauptkünstlern: den meist unbekannten weiblichen und männlichen Kultur-Arbeiter -- hinter den Kulissen -- im bürgerlichen Kunstbetrieb]. So auch meine Erfahrung aus meiner zeitlich befristeten Tätigkeit, als Technischer Mitarbeiter und Handwerksmeister, im Martin-Gropius-Bau Berlin. Bei meiner Bekanntschaft und im Umgang mit Kreativen/Künstlern, und deren nicht nur vor Ort nachhaltig -billig- ausgebeuteten -prekären- Arbeit und Lebenssituation.

Anm.: Natürlich, was nicht sein kann, das darf auch nicht öffentlich und medial eingestanden werden. Es könnte dabei gegebenenfalls auch noch die geschönte -internationale- Kulisse und Fassadenmalerei --- der bürgerlichen Kunst und Kulturtempel --- zum nachhaltigen Einsturz bringen.

Merke: Die angesprochenen, gut-bestallten, angestellten und verbeamteten Koryphäen aus Kulturstaatsministerin/Bundeskanzleramt, Berliner Film- und Weihrauch- Festspiele, und deren Kulturhäusern, sie werden es weiterhin ignorieren, oder medial und dabei kreativ (vernebelungs-ideologisch und kreativ-schöpferisch) widersprechen.

karamasoff 22.03.2016 | 00:05

Ein Artikel über die proletarisierte Verpackungsmittelindustrie der Warenwelt.

Der Kreative und Künstler, das Mängelexemplar der Gesellschaft und das Einzelexemplar mit unermesslichem Mehrwert für die rauschafte Ersteigerung des Fetischs von Vertretern des akkumulierenden Kapitals. Der Wunsch des Indviduums in der Masse der Unterdrückten die Ausnahme darzustellen und trotzdem dazugehören zu wollen, prekär entlohnt: "kreativ is ja irgendwie jeder", "alles subjektiv", "alles Geschmacksfrage". Was dem Antisemiten das raffende Kapital, ist dem Bürgerlichen der Landesverrat der nicht per abstrakter Arbeit schaffenden kreativen Künstlertype.