Der Boss

Porträt Lady Leshurr ist erst 21 Jahre alt, wirkt auf der Bühne aber wie eine erfahrene Hiphop-Queen. Weltweit wird sie als Vorbild, Freundin, Schwester gefeiert
Der Boss
Das ganz normale Leben ist ihr Stoff: Lady Leshurr

Foto: Jan Brandes für der Freitag

Hiphop ist nicht unbedingt für Menschen gemacht, die es feinsinnig und bedächtig mögen, das stimmt schon. Und vielleicht gibt es beim hiesigen Zeitungspublikum tatsächlich gewisse, nun ja, Ermüdungserscheinungen in diesem Feld. Besonders, wenn es um Hiphop geht, der von Frauen gemacht wird. Das klingt etwa so: „Oh nein, nicht schon wieder eine Geschichte über eine junge zornige Rapperin!“ Oder so: „Immer dieses Gangstergeschwätz und die obligatorische Dosis Feminismus – blablabla. Und man versteht es nicht mal richtig!“ Besonders böse so: „Die Einzigen, die so was faszinierend finden, sind Musik-Nischen-Redakteure ab Ende 40. Die greifen sich halt ab und an mal eine raus und versuchen, sie hochzuschreiben. Und warum? Nur damit sie die Ersten waren, die das junge Ding ,entdeckt‘ haben. Wen interessiert das?“

Lady Leshurr interessiert solcherlei Geplapper jedenfalls nicht. Erst recht nicht in der Augusthitze dieses Freitagmittags. Sie ist eine ambitionierte Geschäftsfrau, sie hat einen wichtigen Termin und ist wahnsinnig müde, weil der Flug in London so früh starten sollte. Aber dann hob die Maschine doch mit gehöriger Verspätung ab. Stundenlang hat sie also wieder mal in einem öden Terminal herumgesessen. Neulich erst war sie in Vietnam. Dann in Estland und in Frankreich. Und jetzt ist es so irre heiß, in diesem Hamburg, wo sie am Abend auftreten soll, dass sie sich – ehrlich – etwas wackelig auf den Beinen fühlt. Blöderweise ist da aber kein Management, keine Stargast-Betreuung, kein Masseur. Zeit für ein Nickerchen vor dem Soundcheck bleibt auch keine mehr. Es gibt keine Lilien, keine Obstschale, nicht mal eine Klimaanlage in der Garderobe. Stattdessen steht da ein Strauß norddeutscher Feldblumen in einer ausrangierten Milchflasche.

Nein, glamourös oder auch nur komfortabel ist es nicht, wenn man Musik macht und will, dass diese Musik gehört wird, auch im Ausland – und wenn man ohne Unterstützung eines Plattenlabels unterwegs ist, ohne nennenswerten Deal im Rücken. Wenn man noch nicht mal den 22. Geburtstag hinter sich hat und aus den britischen Midlands kommt, mit mittelprächtiger Bildung, aber hochgesteckten Zielen im Kopf. Wenn man anderen Leuten nicht allzu gern vertraut – niemandem „in der Industrie“ – und auch sehr gute Gründe dafür hat. Wenn man also lieber alles, wirklich alles, ganz alleine macht und die Wörter „Ambition. Indviduality. Creativity“ in Pink, Blau und Neongelb als Motto auf seiner Homepage leuchten lässt, und das als Programm für die Karriere, ach was, fürs ganze Leben betrachtet. Wer so drauf ist, muss sein Gepäck halt selber schleppen und trotzdem pünktlich sein.

„Sorry, ich komme mir gerade vor wie ein Zombie“, sagt Lady Leshurr zur Begrüßung zu der Journalistin und dem Fotografen, die in der Hitze schon auf sie warten. In ihrer rechten Hand hält sie eine Plastikflasche, ein orangefarbenes Behältnis mit einem längst lauwarm gewordenen Energy Drink. Immerhin: Der Fotograf will viele Bilder von ihr machen, und die Journalistin ist doppelt so alt wie sie selbst, und beide kommen von einer angeblich seriösen deutschen Zeitung. Das gefällt der Lady natürlich, darum geht es ja: Dass ihr Name ernst genommen wird, und zwar weltweit.

„Lieber erst mal reden, dann die Fotos ...“, schlägt sie piepsleise vor und knibbelt an ihrer Halskette herum, an einem großen L aus falschem Gold, das auf ihrer Brust liegt. Mit bürgerlichem Namen heißt sie Melesha O’Garro. Und so wie sie da steht, mit verlegen gesenktem Blick, würde wohl kaum jemand es für möglich halten, dass sie nur wenige Stunden später, am Abend, auf der Sommerfestival-Bühne der Kulturfabrik Kampnagel, abgehen wird wie eine lebenserfahrene, hochcharismatische, superabgekochte, strahlend selbstbewusste ... ja: Minnie Maus auf Speed.

So überzeugend wird sie den Saal anfeuern, dass das Publikum – ein Drittel männlich, zwei Drittel weiblich – auf und ab hüpfen wird, mit schweißnassem Haar und erhobenen Armen. Die Masse wird ihren Anweisungen folgen: „Und jetzt ruft alle: ,Oh-ho, Oh-ho!‘“ Fünf, sechs, sieben junge Frauen werden vor Begeisterung sogar auf die Bühne springen und dort ihre Körper schütteln, so ekstatisch, dass die Lady staunen und die jungen Frauen kaum noch loswerden wird. „Amazing! Ihr seid wirklich toll, vielen Dank auch, und jetzt …“ So elektrifiziert werden die Damen aus dem Publikum sein, dass sie den sanften Hinweis der Meisterin nicht auf Anhieb verstehen und Anstalten machen werden, die ganze Nacht auf der Bühne weiterzutanzen. Lady Leshurr ist schließlich eine von ihnen. Oder etwa nicht? Eine junge Madame, die kühn und sauber ihr Ding macht und auf Castingshows und solch einen Mist pfeift, eine, die sicher genügend sexistischen Bullshit schon gehört hat und trotzdem oder gerade darum super aussieht, super tanzt und umso krassere Sprüche reißt. Dieses Girl gehört den Girls!

Dieses Girl gehört den Girls

„Minnie Maus auf Speed“: Diesen Titel hat ein britischer Musikjournalist ihr mal verpasst. Und Lady Leshurr, die in voll ausgestrecktem Zustand nicht mehr als 1,57 Meter messen dürfte, findet das in Ordnung. „Ich bin klein und klinge eben so, das ist mein Markenzeichen.“ Und sie ergänzt, was sie so ähnlich dann noch mehrmals im Gespräch fallen lässt: „Alle, was einen Buzz produziert, alles, was meinen Namen bekannter macht, ist gut.“

Keine Platte gibt es von ihr, keine CD. Ihre Musik kann man sich als Soundfiles herunterladen, von ihrer Webseite ladyleshurr.com, das meiste „for free“. Oder für einen mehr oder minder symbolischen Obolus. Umgerechnet 2,50 Euro, kostet etwa das Mini-Album Every Little Counts (2010). Ihr neuestes Werk, ein Album mit neun Stücken, ist bei MP3-Vertrieben im Netz für 8,99 Euro zu bekommen. Das Cover zeigt die Lady selbst, in Mona-Lisa-Pose, es heißt Mona Leshurr, was, wenn man ihren Künstlerinnennamen richtig ausspricht, so klingt: „Mona Lischah“.

Mit sechs fing sie an, mit dem Texten, dem Singen, dem Rappen. Das war in Birmingham, zu Hause bei Mama und Papa, die als Einwanderer aus der Karibik nach Großbritannien gekommen waren und tagein, tagaus ihre Lieblingsmusik laufen ließen: Bob Marley und Sister Nancy, die in den 80er Jahren mit dem Stück Bam Bam bekannt wurde. Bei der großen Sister Nancy heißt es, im Text von Bam Bam: „I’m a lady, I’m not a man. MC is my ambition“. Das „MC“ ist eine Abkürzung für „Microphone“, es steht fürs Toasten, Spitten, Rappen, für den rhythmischen Sprechgesang, der so typisch ist für die Musik, die nach dem klassischen Reggae kam.

Praktisch direkt nach der Einschulung singt die kleine Melesha im elterlichen Wohnzimmer also mit: „Ich bin eine Lady, ich bin kein Mann. Eine MC zu sein, ist meine Ambition.“ Bei ihren Geschwistern hört sie Hiphop, House, R’n’B. In den Indie-Radios, von denen es in Großbritannien viele gibt, läuft damals der harte, schnelle Jungle- und Drum’n’Bass-Sound. „Das ist alles in meinem inneren Archiv, das ist mein Material.“ Es ist eben der Sound ihrer Umgebung, ihrer Familie und Freunde. Unter diesen ist das Mädchen Melesha beliebt. Sie ist ein schneller, wacher, stolzer kleiner Mensch. „Ich begann, vieles aufzuschreiben. Alles zu analysieren. Seit ich denken kann, überlege ich, warum Leute dieses oder jenes tun. Ehrlich: Das ganz normale Leben ist mein Stoff.“ Den Stoff schreibt sie auf ihrem Smartphone mit, sie tippt alles direkt in den kleinen Zauberapparat. „Ich warte an einer Haltestelle auf einen Bus, beobachte Tauben, wie sie ihre Köpfe bewegen, duk-duk-duk – und mache einen Text daraus, übers Tanzen.“

Mit 14 ging es dann richtig los, sie begann, ihre Sachen aufzunehmen und trat bei ersten kleinen Club-Shows auf. „Grime“ ist ein weiterer Gattungsbegriff für das, was sie tut: Sie singt beziehungsweise spricht wie ein Maschinengewehr, ballert mit Wortspielen und Reimen nur so um sich. Mit 18 gründete sie ihr eigenes Label, es heißt „Gutter Strut“.

Die Rhythmen, Basslinien und Snares produziert sie selbst, auf ihrem bescheidenen Laptop. Oder sie bittet befreundete DJs um ein Stück Musik. Oder sie bedient sich an der Musik von anderen, bekannteren Künstlern. „Aus Hits mache ich meine Mixtapes“, sagt Lady Leshurr, und sie erklärt, dass ein „Mixtape“ in ihrem Verständnis nicht einfach eine Sammlung verschiedener Songs von unterschiedlichen Künstlern ist, sondern eine Kollektion von selbst eingesungenen Coverversionen. „Ich nehme die Tracks von Rappern, nehme deren Instrumentals, und dichte meine Texte dazu.“ Und das kann sie einfach so vertreiben, ohne Urheberrechtsgezänk? Ja, irgendwie schon. Hiphop-Ehre und so.

2011 hat sie ein Video der größten Szene-Protze überhaupt nachgespielt, in verschiedenen Kostümen. In dem Youtube-Clip gibt sie eine umgedichtete Version von Busta Rhymes’, Lil Waynes und Chris Browns Look at me now zum Besten. „30.000 Klicks in einem halben Tag!“ Das war ihr Durchbruch, sagt sie.

Ein gutes Dutzend schlecht beleuchteter Hotelzimmer-Videos sind von ihr im Netz zu finden. I’m a Winner heißt eines. Professioneller gefilmt und musikalisch härter ist das Video von Upset: Die Lady spaziert über das Trödelhandel-Gelände des Camden Market in London, wo sie inzwischen wohnt, und berichtet – in die Kamera grinsend – davon, wie es sich anfühlt, so richtig sauer zu sein. „Diesen Track, zum Beispiel, habe ich in einem Take aufgenommen, am Stück einfach so ins Mikrofon gespuckt.“

Die selbst zusammengefriemelten Tracks und Videos haben sie nach und nach dann bekannt gemacht – so kann es ja tatsächlich laufen, mit dem Internet. Da Lady Leshurr nicht nur eine begabte Musikerin ist – „Mein Talent ist das Wichtigste“ –, sondern auch sehr hübsch, läge es auf der Hand, dass längst die großen Labels bei ihr anklopfen. „Oh, mir wurden schon Deals angeboten. Zuletzt von Atlantic, aus den USA.“ Aber der Deal war faul, er stank: „Ich sollte einen Diss-Track, einen Hass-Song gegen Nicki Minaj aufnehmen. Sie ist drüben eine bekannte R’n’B-Sängerin. Man wollte eine Battle, einen Zickenkrieg inszenieren.“ Die Lady winkte ab: „So eine billige Masche liegt mir nicht. Ich bin noch jung, ich habe Zeit. Ich mache es, wie ich will.“

Keine Lust auf Promo-Tricks

Abgesehen davon sei es „kontraproduktiv“, wenn weibliche Musikerinnen auf diese Art gegeneinander ausgespielt würden. „Typen haben ihre fetten Egos, hängen in ihren Cliquen ab und wachen geizig darüber. Sie ertragen es nicht, wenn jemand anderes kommt, der es genauso gut kann. Sie sagen immer extra dazu: ,Für ein Mädchen: nicht schlecht.‘ Das ist eine gezielte Ignoranz und Arroganz. Ein schlecht getarnter Diss, nichts weiter. Ich weiß nicht, ob der Tag jemals kommen wird: Dass ich oder eine andere einfach als MC anerkannt wird – nicht nur als ,weibliche‘ MC.“ Rappt sie also über den Feminismu? „Äh, nein. Ich erzähle aus dem Leben, das reicht schon.“ Worauf sie Wert legt: „Ich fluche nie in meinen Songs. Es geht auch nie um Waffen oder sowas. Beides kommt in meinem Leben nicht vor. Ich sehe nicht ein, irgendwelchen Klischees hinterherzusingen.“

Spricht’s – und bittet ihren mitreisenden DJ, mit ihrem Smartphone ein paar Fotos von der Situation zu machen: Lady Leshurr im Gespräch mit einer doppelt so alten deutschen Zeitungsfrau. Um das Bild später auf ihrer Twitter-, Tumblr-, Instagram- oder Facebook-Seite zu veröffentlichen. Alles selbst bespielt, alles selbst gemanagt. „Ambition, Individuality. Creativity“: Anders geht es nicht. So muss eine junge Frau es machen, heutzutage. Gerade wenn sie aus einer mittelprächtigen Mittelschichtsgegend kommt und sich nicht reinreden lassen will. Lady Leshurr is for the girls.

Der Grime und seine Heldinnen

Grime nennt sich der Musikstil, den Lady Leshurr pflegt und der in den Nullerjahren in den proletarisch und migrantisch geprägten Vierteln Londons entstand. Es handelt sich um eine Kreuzung aus Hiphop und Techno, die es in dieser Art in den USA nicht gab beziehungsweise gibt; auch Einflüsse aus dem Dubstep und dem jamaikanischen Dancehall-Sound gehören dazu. Das Wort „Grime“ bedeutet so viel wie Schmutz und stammt, wie so oft in der Musik, nicht aus der Szene selbst. Britische Journalisten haben den Begriff erfunden, um den schnellen, harten, oft auch ziemlich düsteren Sound zu beschreiben.

Weibliche MCs mischen stark in der Szene mit, meist mit stakkatoartig vorgetragenen, ziemlich aggressiven Texten. Viele Grime-Künstlerinnen geben sich glamouröse Namen, zu den einflussreichsten zählen, neben Lady Leshurr (*1992), Miss Dynamite (*1981), Lady Sovereign (*1985), Shystie (*1982), No Lay, Shimmer Baby und Lioness (Geburtsjahre unbekannt).

Vorbilder der Grimerinnen finden sich vor allem in den 80er Jahren, in den Anfängen von Dub und Hiphop. Oft genannt wird Sister Nancy (*1962 in Kingston), die als erster weiblicher DJ in jamaikanischen Dancehalls auftrat. Auch die US-Rapperinnen-Band Salt ’n’ Pepa, die Mitte der 80er weltweite Charthits mit Let’s talk about Sex und Push it feierte, wird oft genannt. Außerdem natürlich die Hiphop-Größe Missy Elliott (*1971 in Portsmouth, Virginia), die heute auch erfolgreich als Produzentin arbeitet. KK

06:00 16.08.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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