Rebellen in Ruinen

Architektur Apotheke Als Kollektiv wollen Richard Groß, Ludwig Geßner und Aleksandr Delev die Zukunft gestalten. Sie entwickeln Visionen für den Leerstand im Osten und anderswo
Rebellen in Ruinen
Richard Groß, Ludwig Geßner und Aleksandr Delev (von links): „Der Leerstand ist reizvoll für Gestalter wie uns“

Foto: Christoph Busse für der Freitag

Wie sie auf ihre Themen komme, wird eine Journalistin manchmal gefragt. „Oh, oft gibt es einfach etwas, das man selbst nicht gleich versteht und untersuchen möchte“, könnte sie anworten. „Oder man trifft auf jemanden, der einen fasziniert. Ohne dass sofort klar wäre, warum.“

Ludwig Geßner begegnete ich zum ersten Mal im Sommer 2012. An der Bauhaus-Universität in Weimar. Er fiel mir auf, weil er so jung war – gerade mal 21 – und so ungeheuer schlaue Dinge von sich gab. „Angst im öffentlichen Raum“ war sein Thema. Er studierte Architektur und gab mit Kommilitonen das Magazin Horizonte heraus. In der Angst-Ausgabe ging es um Detroit, die abgerissene Industriemetropole im Norden der USA. Dass man sich dort fürchten kann, weiß inzwischen fast jeder. Tausendfach sind Detroits verwaiste Backsteinruinen fotografiert worden, die Stadt hat die höchste Armuts- und Gewaltrate des nordamerikanischen Kontinents, viele Viertel sind als gang(ster)land verschrien. Da ich mich für eine Weile dort aufgehalten und ein Buch darüber geschrieben hatte, hatten Ludwig und das Horizonte-Team mich zu einer Lesung eingeladen. Sehr clever hatten sie Unigelder dafür losgeeist.

„Eine Variante von Detroit haben wir auch hier im Osten, an vielen Orten“, sagte Ludwig später am Abend, als die Lesung vorüber war und die jungen Leute mich noch auf ein Studentenessen – Kartoffelauflauf war es, glaube ich – in ein buntes Lokal eingeladen hatten. Es wurde spät und lustig.

Detroit, die Ruinen, die Angst

„30.000 Wohnungen stehen allein in Leipzig leer“, sagte Ludwig am Kneipentisch mit hellen Augen. Und er schleuderte eine Urbanismus-Vokabel nach der nächsten ins Gespräch: Bestand und Entwurf – Freiheit und Verdrängung – die sozialen Möglichkeiten des Raums – die demokratische Stadt – die Aufgaben der Architektur in Zeiten des verschärften Strukturwandels.

Ich fand es ganz erstaunlich, wie sicher, smart und engagiert dieser 21-Jährige argumentierte, wie neugierig und ernsthaft er auch nach der zweiten oder dritten Getränkerunde noch weiterdiskutieren wollte. Überhaupt: Wie schlecht er in das Bild der medial behaupteten „Generation Y“ passte. Meine eigene Altersgruppe, die heute Um-die-40-Jährigen, wurde von Joschka Fischer einst als „Heiapopeia-Jugend“ verlacht. Nun sind es ebenjene Leute um die 40, die 20-Jährigen gern vorwerfen, sie seien verwöhnt, weinerliche Riesenbabys, neubürgerlich gepolt, stets auf ihren Vorteil bedacht, digitalisierte Egoschisser, komplett whatsapp-verblödet. „Kein Sinn mehr für die analoge Daseinsrealität!“ Und so weiter, und so weiter.

Die Bauhaus-Universität in Weimar hat den Ruf, eine Eliteeinrichtung zu sein, ein Strebernest. Die Einstiegshürden für ein Studium an dieser Institution sind hoch. „Es gibt zu viele junge Architekten, der Arbeitsmarkt ist schlecht“, sagte Ludwig. Und: „Mit einem Abschluss aus Weimar hat man angeblich ganz gute Karten.“ Er wirkte gar nicht schnöselig dabei, eher amüsiert.

Tatsächlich sieht es in der Architektur ähnlich aus wie in vielen anderen sogenannten Kreativberufen: Immer mehr junge Menschen drängen in die Branche. Die Möglichkeiten, damit Geld zu verdienen, nehmen allerdings ab. Gab es 1996 bundesweit rund 114.000 Erwerbstätige mit einem Abschluss in Architektur, waren es 2012 schon 190.000.

Von Helsinki bis Tirana: Das Kollektiv denkt vor

Die Architektur Apotheke versteht sich als „interdisziplinäres Kollektiv“ für städtische Transformationsprozesse. Bis zu einem Dutzend Studenten und Studentinnen aus den Fachrichtungen Architektur, Urbanistik, Soziologie und Kunst arbeiten an den einzelnen Projekten mit. Unter architekturapotheke.de stellen sie ihre Arbeit vor.

Zurzeit beschäftigt sich das Kollektiv vor allem damit, eigene Entwürfe zu internationalen Gestaltungswettbewerben einzureichen. „Auch wenn wir kaum gewinnen werden“, wie Gründungs-„Apotheker“ Ludwig Geßner sagt. „Uns geht es weniger um die exakte Breite von Balkons, sondern darum, Vorstellungsräume zu öffnen.“

Für den Neubau des Guggenheim-Museums in Helsinki haben sie eine riesige Kugelkonstruktion entworfen; die Kunst ist im Kellergeschoss begraben, in den oberen Etagen liegen das Café, der Shop, die Büros. Auch für die Neugestaltung des pyramidenförmigen Mausoleums mitten in der albanischen Hauptstadt Tirana haben sie eine Idee: Der Diktator Enver Hodscha ließ es einst errichten, ist aber an anderem Ort beigesetzt. Mit einer großen Trasse quer durch das Gebäude soll es zum öffentlichen Spiel- und Begegnungsplatz werden.

Ein Stichwort, das an jenem Weimarer Abend mehrfach durch die Kneipe flog, lautete „die Schweiz“. Es schien eine Art Codewort zu sein, ein Running Gag unter dem Bauhaus-Nachwuchs. „Wenn du als Architekt Karriere machen willst, musst du irgendwann mal dorthin“, erklärte mir Ludwig. In der Schweiz gebe es nicht nur eine anspruchsvolle Architekturtradition, sondern eben auch viel Geld. „Große freistehende Häuser, Villen, Luxusbungalows an steilen Hängen – da kann sich ein Architekt künstlerisch austoben.“ – „Und wenn das Objekt dann für ein Magazin wie Architectural Digest fotografiert wird, ist man ein gemachter Mann?“, fragte ich rein rhetorisch. „Ja, so ungefähr“, sagte Ludwig.

Aber darum gehe es gar nicht. Jedenfalls gehe es ihm persönlich um etwas anderes. „Ich kann mir vorstellen, im Osten zu bleiben. Hier will ich wirken, vielleicht etwas verändern.“ Die Städte seien ja schon längst gebaut. Sie stünden da – nur stünden manche von ihnen heute in Teilen eben leer. „Es kann nicht mehr darum gehen, nach Wachstumsprämissen zu bauen, wie vielleicht in den 90ern noch. Es muss doch um eine Bestandsaufnahme gehen: Was ist da, was ist vorhanden? Und was lässt sich daraus machen?“ Der Leerstand sei sehr reizvoll für einen jungen Architekten, sagte er.

Und ich dachte: Ach, könnten Menschen doch ihr Leben lang so bleiben: idealistisch, groß und anders denkend. Aber nein, früher oder später werden die Menschen erwachsen, jeder auf seine eigene fade Art. Dieser Ludwig Geßner ist halt noch nicht so weit. Aber bald wird auch er einen Kredit für die heißesten Turnschuhe der Saison aufnehmen und sich in einer Agentur als Junior High Potential hinten anstellen. Und kaum hat er dann seine erste Shoppinggalerie entworfen, kauft er sich seinen ersten SUV, baut sich eine versenkbare Dolby-Surround-Anlage in sein holzgetäfeltes Wohnzimmer und hat das „soziale Moment in der Architektur“ bestimmt vergessen.

Aber: Ludwig blieb dran. Anderthalb Jahre später, im Frühling 2014, begegneten wir uns erneut. Wieder im Osten. Diesmal nicht im thüringischen Weimar, sondern im sächsischen Leipzig, Ludwigs Heimatstadt. Mittlerweile hatte er von dort aus ein neues Magazin produziert, diesmal ohne Unigelder. Stories of Reusing Vacant Spaces hieß es. Auf den knapp 50 Seiten wurden Kunst- und Sozialprojekte vorgestellt, die sich in früheren Industriestandorten in Leipzig niedergelassen hatten, etwa das Kulturzentrum Westwerk, das in einer Metallfabrik untergekommen war.

Ob ich ihn in Leipzig mal besuchen wollte, fragte er via E-Mail. Nicht nur ihn, sondern auch seine drei, vier Kolleginnen und Kollegen. Er habe nun ein kleines Büro eröffnet: die Architektur Apotheke. In dem Ladenlokal säßen sie in einem Kollektiv zusammen, arbeiteten an Entwürfen, Projekten, würden Vorträge veranstalten. Im Impressum des neuen Magazins war die „Architektur Apotheke GbR“ als Herausgeber aufgeführt. Der junge Mann hatte also eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet, eine richtige kleine Firma. „Studierst du nicht mehr?“, fragte ich. „Doch, aber nebenbei haben wir uns jetzt selbstständig gemacht.“ Wie großartig, fand ich. Junge Architekten bauen sich als Erstes gleich mal einen eigenen Arbeitsplatz.

Als ich dann in einer kühlen Märzwoche vor dem Laden in der Leipziger Georg-Schwarz-Straße stand, im teils abgerissenen, teils bunt belebten Stadtteil Lindenau, nicht weit von einem leerstehenden Kaufhaus aus DDR-Zeiten entfernt, fand ich die Architektur Apotheke schon von außen schön. Dunkles, leicht verwittertes Holz umrahmte die Fensterflächen, hinter den Scheiben sah ich zwei freistehende Schreibtische, einen alten Kachelofen in der Mitte des Raums, drei zerschlissene Polstersessel davor. Ein lichtes, bescheiden zusammengestelltes Arbeitsprovisorium.

Die Zukunft steht schon da

Ludwig winkte mich hinein. Er stellte mir zwei Mitstreiter aus dem Apothekerkollektiv vor: Aleksandr Delev, 26, der ebenfalls in Weimar für Architektur eingeschrieben war. Und Richard Groß, 22, der in Dresden lebte und Soziologie und Psychologie studierte. Ob ich Milch zum Kaffee wolle? Ob ich bequem säße, ob es vielleicht zöge? Falls mir nach einer Decke verlangte? „Unfassbar höfliche, wohlerzogene Männer. So intelligent, so ernsthaft. Und alle drei so hübsch“, notierte ich im Geiste.

Ludwig schob seinen Laptop herüber, auf dem Skizzen zu sehen waren: ein Wohnquader mit sechs Zimmern, der in einer entkernten Fabrikhalle zu stehen schien. „Das ist ein Werkstattgebäude hier in Leipzig, 16 Meter hoch. Die Immobiliengesellschaft hat noch keine Ideen dafür, wir haben unseren Vorschlag präsentiert: ein Modul, das sich den Bedürfnissen der wechselnden Bewohner anpasst.“ Die Idee sei, dass verschiedene Menschen sich hier die Lebensräume teilten. „Man arbeitet an dem einen Ort, hat seine engsten Freunde an einem anderen, hat nur wenig eigenen festen Besitz, teilt stattdessen mehr, eben auch die Räume, je nach Bedarf.“

Es klang ziemlich abstrakt. Vermutlich werde das so nie umgesetzt, räumte Aleksandr ein. „Wir denken hier einfach frei herum, wir haben hier ein Ideenlabor“, sagte Ludwig. „Multilokales Wohnen. Auch ohne viel Geld: Darum geht es. Wir leben selbst so, wir studieren, wohnen, arbeiten in drei verschiedenen Städten, Dresden, Weimar, Leipzig.“ Ein- bis zweimal in der Woche treffe man sich in der Leipziger Apotheke, deren Name im Grunde schon das Prinzip enthalte: einzelne Gebäude, damit vielleicht auch ganze Viertel zu heilen, indem man sie zu neuem Leben erwecke, vielleicht etwas ganz anderes aus ihnen mache, etwas, was besser zur Gegenwart passe als der Sinn und Zweck, für den sie ursprünglich einmal gedacht waren. „Die Ansprüche ans Wohnen verändern sich, so wie sich die Gesellschaft verändert“, ergänzte Richard, der angehende Stadtsoziologe. „Die berühmte Plattenbausiedlung: Gut denkbar, dass sie bald ein großes Revival erfährt. Das Coworking, die Share Economy: Genau für solche Entwürfe ist die Platte ideal.“

„Verdient ihr denn etwas mit eurer GbR?“, fragte ich. Bislang noch kaum, sagte Ludwig. Die Miete für das Ladenlokal sei sehr günstig. Bei einem Wettbewerb, in dem es um die Gestaltung eines begrünten Daches ging, hätten sie etwas eingenommen. Das Ziel sei, irgendwann lukrative Aufträge zu bekommen. „Aber noch studieren wir ja alle und haben so unsere Jobs.“

Wiederum ein halbes Jahr später, im merkwürdig warmen frühen November, treffen wir uns ein drittes Mal, am Ufer eines Elsterkanals in Leipzig-Plagwitz. Ludwig, Aleksandr, Richard und ihre Apothekenkollegen sind umgezogen. Raus aus dem hübschen Ladengeschäft, hinein in einen größeren Ex-Industriekomplex. Als Untermieter eines Kleinverlags haben sie nun zwei Büroräume zur Verfügung. „Für die alte Apotheke hatten wir einen Zwischennutzungsvertrag, der Besitzer ist selbst recht aktiv, stadt- und sozialpolitisch, der hat alles nun renoviert und ein Tauschbüro dort eingerichtet“, sagt Ludwig. „Unbehauste Architekten sind wir!“, wirft Richard ein, der ja eigentlich Soziologe ist und immer von Dresden aus herpendelt.

Immer wieder umziehen

Zwei Praktikanten aus Frankreich arbeiten jetzt bei ihnen mit. Als Apotheker wollen sie sich derzeit mehr auf Architekturwettbewerbe konzentrieren (siehe Info). „Das geht besser, wenn nicht ständig jemand durchs Fenster hineinschaut“, sagt Aleksandr. Ein neues Magazin hätten sie auch wieder entwickelt, ergänzt Richard und überreicht mir ein erstes Exemplar Es heißt Am Strand und enthält hochinteressante Aufsätze zum Städtebau und zum Wohnen der Zukunft. Schließlich schiebt Ludwig wieder seinen Laptop rüber: „Hier, schau mal: Detroit. Das ist unser Vorschlag für die dortige Packard Plant, ein brachliegendes Industriegelände am Rande der Stadt. Wir haben das hier wie einen Computerschaltkreis gestaltet, Vernetzung und so ...“

Wieder beginnt mein Kopf zu schwirren, bei all diesen irren Konstruktionen, Plänen, Visionen. „Unbehauste Architekten“: Ich überlege, ob das eine gute Überschrift sein könnte, denke aber, dass ich etwas Besseres, äh, bauen muss für diese kleine Geschichte. Sie sind wirklich sehr jung, diese Männer. Ich glaube: Eines Tages wird man noch viel von ihnen hören, lesen, sehen. Es wird aus Stein sein, vielleicht aus Holz. Jedenfalls groß. Hell. Schön. Und im besten Fall: bezahlbar.

06:00 17.12.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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