Stress auf der Baustelle

Arbeit Die Unternehmer wollen den Acht-Stunden-Tag kippen. Andrea Nahles hält an ihm fest. Viele Menschen wünschen sich aber mehr Zeitfreiheit

Die Lokomotive muss laufen, jede Stunde zählt. Da darf man nicht zimperlich sein. Gesetzeslage hin, Burn-out her: Als unsolidarischer Egoist, als „teamunfähig“ gilt, wer seine Kollegen Punkt 17 Uhr sitzen lässt. Einfach den sprichwörtlichen Griffel fallen lassen, nur weil ein Arbeitsvertrag das so vorsieht? Na prima. Dann noch viel Spaß im Erwerbsleben. Und fürs nächste Personalgespräch, den nächsten Auftrag: ganz viel Glück!

Der Acht-Stunden-Tag ist in weiten Teilen der Arbeitswelt längst ein Anachronismus, und jeder weiß es. Allein im Jahr 2013 wurden hierzulande rund 1,3 Milliarden Überstunden geleistet, unbezahlt, zeigen die jüngsten Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Der DGB fand heraus, dass 44 Prozent der Arbeitnehmer mit Überstunden sich für ihren Arbeitgeber immer erreichbar halten, weil es so von ihnen erwartet wird.

37,7 Stunden beträgt die wöchentliche Regelarbeitszeit für eine Vollzeitstelle. Werktags liegt das Limit bei acht Stunden, sagt das Arbeitszeitgesetz. Das Pensum kann auf zehn Stunden gestreckt werden, doch muss die Mehrarbeit durch Freizeit ausgeglichen werden. Für viele Erwerbstätige sind diese Vorgaben freilich weit entfernt von ihrer Alltagsrealität.

„Ändere dich oder stirb“

Dennoch – oder gerade darum – hat der Acht-Stunden-Tag gerade wieder einmal einen großen Auftritt. Im Mai sandte die Bundesvereinigung der Arbeitgeber ein Positionspapier an Andrea Nahles: Die Arbeitsministerin möge die Vereinbarungen zum Acht-Stunden-Tag ein für alle Mal aus dem Gesetz streichen. Der „digitale Wandel“ mache dies überfällig. Der Industrie- und Handelskammertag sekundierte: Es gelte, „die gesetzlichen Regelungen an die aktuelle Entwicklung anzupassen“.

Nahles reagierte erst vor kurzem, und sie tat es auffallend beherrscht: „Änderungen sind an der Stelle nicht geplant.“ Was sie einräumte: Ende 2016 wolle ihr Ministerium ein Weißbuch vorstellen, eine Materialsammlung zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Auf dieser Grundlage solle die Gesetzeslage überprüft werden – darauf, welche Anpassungen eventuell nötig seien.

In keinem Land der Eurozone gebe es „einen so großen Unterschied zwischen der tarifvertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeit und der tatsächlichen Wochenarbeitszeit wie in Deutschland“, sagte EU-Sozialkommissar László Andor im September 2014 nach einem EU-weiten Überstundenvergleich. Und in einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit heißt es: Bis 2030 werde ein Großteil der Erwerbstätigen in „unbeständigen Beschäftigungsformen“ tätig sein, als Teil einer „flexiblen Randbelegschaft“. Der hiesige Arbeitsmarkt rast von der Muster- zur Hyperflexibilisierung.

Dass die Arbeitgeber nun eine weitere Regelaufweichung fordern, mit der Begründung „Achtung, Digitalisierung!“, ist so erwartbar wie aufschlussreich. Change or die, „Ändere dich oder stirb“, lautete einst eine Titelzeile des US-Wirtschaftsmagazins Fast Company. Der Spruch wurde schnell zum geflügelten Wort, zu einem Managementmantra. Jahre bevor Zeit-, Projekt- und Werkverträge etwa in das Transport- und das Klinikwesen einzogen, fassten sie in der Werbung und der Softwareproduktion Fuß. Ein Trickle-down-Effekt: Leistungsträger und Wissenselite turnten neue Verfügbarkeits- und Selbstmanagementstandards vor, und diese wurden schnell zum Status quo. Daher heißt der Hausmeister nun Facility Manager und muss sich jetzt ebenfalls – selbstunternehmerisch – mit Zeitjobs begnügen.

„Völlig unzeitgemäß“

Die Medien- und Technikelite, die „digitale Bohème“, wie die Onlinedenker Holm Friebe und Sascha Lobo ihre peer group 2006 benannten, ist auf den Acht-Stunden-Tag jedenfalls nicht gut zu sprechen. Sie bevorzugt ein Erwerbsleben jenseits tradierter Zeittakte und Hackordnungen. „(Büroangestellte) müssen von neun bis fünf am Schreibtisch sitzen. Völlig unzeitgemäß“, schrieb etwa die Alphamädchen-Autorin Susanne Klingner in einem Essay namens Gebt uns mehr Freiheit! Ein streng reglementierter Arbeitsalltag ist für viele jüngere Hoffnungsträger der Volkswirtschaft ein Sinnbild für Entfremdung. Diejenigen wiederum, die (noch) in einem normalen Arbeitsverhältnis beschäftigt sind – Vollzeit, unbefristet –, dürften manche Aspekte der Flexibilisierung auch zu schätzen gelernt haben, vielleicht wäre ihnen noch mehr individuell gestaltbare Beweglichkeit gar nicht unlieb. Gleitzeit, Homeoffice und Zeitkonten kommen all jenen entgegen, die Kinder, Sport oder Ehrenamt besser mit der Arbeit vereinbaren wollen.

Wenn Andrea Nahles nun ernsthaft die Zukunft ins Visier nimmt, wird sie sehen, dass die „flexible Randbelegschaft“ wächst – und dass sie andere Probleme hat als die Einhaltung eines festgelegten Stundentakts. Viel eher wird sie mit der „friktionellen Arbeitslosigkeit“zwischen den Anstellungen oder Aufträgen ringen.

Der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital besteht ungebrochen, die Ausbeutung geht weiter, heute oft als Selbstausbeutung. Vorgängergenerationen haben zäh für den Acht-Stunden-Tag gekämpft, er hatte emanzipatorische Kraft, daran besteht kein Zweifel. Aber diese Erungenschaft ist keine hinreichende Antwort auf die Fragen, die jetzt im Raum stehen. Andrea Nahles ahnt das wohl auch, wenn sie dieser Tage sagt: „Arbeitsorganisation ist eine Baustelle für die nächsten Jahre.“

06:00 09.09.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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