„Wir sind für Exzentrik und weniger Ordnung“

Globalisierung Fast ein Jahrzehnt in der Fremde hat die Schriftsteller Elke Naters und Sven Lager verändert. Die Welt ist einfach göttlich, finden sie
Katja Kullmann | Ausgabe 21/2014 1
„Wir sind für Exzentrik und weniger Ordnung“
Foto: Verena Brandt für Der Freitag

Es ist ein verführerischer Entwurf fürs Dasein: das Wegsein. Weg von der Geschäftigkeit und vom Zwang, sich „positionieren“ zu müssen, wie es im Zynikerdeutsch heißt. Weg von Meinungskriegen, Cliquenwirtschaft und Statusrangeleien. Stattdessen einfach: sein. Ein Mensch, unbelastet, unschuldig, neu. Im TV erzählt die Doku-Soap Goodbye Deutschland! Die Auswanderer von dieser Sehnsucht: Immer wieder brechen da Menschen ihr bisheriges deutsches Leben ab, oft Hals über Kopf, und gehen nach Paraguay, Texas oder Malaga, gründen Surfschulen oder Bretzelbäckereien, auch ohne Garantie fürs Gelingen. Die Köstlichkeit des Fremdseins: Wie ein neues Spielbrett liegt der unbekannte Ort vor einem. Mit großen Augen darf man herumspazieren. „Wer mag ich hier wohl sein? Was kann ich hier nun anfangen?“

Elke Naters und Sven Lager haben schon ein paarmal angedockt an dieses Gefühl. Auch jetzt, in diesen Tagen, ist für sie wieder einmal alles neu. Diesmal aber in umgekehrter Richtung. Nach fast einem Jahrzehnt in der Fremde, in Südafrika, sind sie soeben zurückgekehrt nach Berlin. In die Stadt, die sie einst gehörig satt hatten. „Wir wollten damals wirklich raus hier“, sagt Elke Naters. „Und wir sind reich zurückgekehrt“, ergänzt Lager, „nicht reich an Geld, aber mit unendlich vielen Ideen.“

Seit gut 20 Jahren sind die beiden ein Paar, zwei gerade erwachsen werdende Kinder haben sie großgezogen. Vor allem sind sie Schriftsteller. Allerdings Schriftsteller ohne dekorative Bücherwand. Was sie besitzen, passt in drei bis vier Koffer. Die stehen seit ein paar Wochen jetzt in Schöneberg, im Bayerischen Viertel, das nicht nur wegen seines Namens wie ein Micro-München wirkt. Nur wer sich nicht gut auskennt im Berlin der Gegenwart – oder wer absichtlich einen Bogen machen will um den Hype –, zieht dieser Tage freiwillig dorthin.Diejenigen, die all die Jahre ausgeharrt haben, im „Arm, aber sexy“-Wunderland, sehen die Stadt derzeit den Bach runter gehen, Kommerzialisierung, Gentrifizierung, Homogenisierung. Sven Lager aber sagt: „Wir sehen Berlin jetzt mit den Augen unserer Kinder: eine Stadt in extremer Blüte, mit vielen jungen Leuten, alles ist in Bewegung, das gefällt uns.“ Beneidenswert, diese Perspektive. Und vielleicht ein guter Teppich, um mal über ein paar der ganz großen Brocken zu reden – über Geld und Glück, Liebe und Literatur und die Frage: „Warum das alles – und wie überhaupt?“

Es muss im Leben mehr als Alles geben! heißt das jüngste Buch, das sie gemeinsam geschrieben haben. Es entstand noch in Südafrika und erschien vor einem Dreivierteljahr im hessischen Adeo Verlag, der sich, laut Eigenwerbung, auf „christliche Bücher“ spezialisiert hat, etwa mit Biografien über den bei Wetten, dass …? verunglückten Sportler Samuel Koch und Franz von Assisi. Auf Rang zwei der verlagsinternen Charts steht der antifeministische Aufsatz Dann mach doch die Bluse zu. Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn von Birgit Kelle. Dieser Name sagt Naters und Lager so gut wie nichts. Eine Distanz von 9.500 Kilometern hat sie, so muss man es vielleicht formulieren, wenn man ihnen nichts Böses will, auch beschützt – vor dem Zank um Gendergerechtigkeit und Political Correctness, auch vor den neuen Reaktionären, die sich hierzulande breitgemacht haben.

Im Klappentext zu ihrem eigenen Buch heißt es: „Wir sehnten uns nach sozialen Utopien, die wirklich umgesetzt wurden, und weniger nach Konsum und sozialem Aufstieg. Uns verlangte nach Gemeinschaft und nicht Vereinzelung, nach Exzentrik und weniger Ordentlichkeit.“ Sie schreiben auch: „In Südafrika fanden wir schließlich die Antwort auf Fragen, die uns immer wieder das Glück geraubt hatten.“ Die Antwort hat nur eine Silbe, aber eine große, sie lautet: Gott. Teilen, Toleranz, und Offenheit: Das sind die Grundpfeiler des Christentums, wie Naters und Lager es verstehen und erklären. Es sind auch die Grundpfeiler etlicher weltlicher Versuche, die Gesellschaft umzubauen. Crowdfunding, Carsharing, Coworking – Naters und Lager sind ganz nah dran an dem, was dieser Tage auch viele andere wollen.

Tatsächlich kommen die beiden im Gespräch oft auf ihren Glauben zurück. Und sie reden so entflammt, so begeistert, so sicher von dieser „Liebesgeschichte“ (Lager), dass man als abgeklärte Großstadtreporterin sofort kontern muss: „Sorry, aber diese Seite des Tisches wird vom Atheismus regiert.“ Auf solcherlei Skepsis reagieren die beiden mit einem Nicken, freundlich, gelassen, verständig, im Grunde sogar solidarisch. Ja, sie erinnern sich noch sehr gut an die Berliner Gepflogenheiten, an das, was man vor zehn Jahren vielleicht als Coolness umschrieb. Sie wissen sehr genau, dass in diesem Teil der Welt jedes Wort mit Bedacht gewählt sein will.

Vielleicht muss man um die 40 sein, um das besondere Schillern an Naters’ und Lagers Geschichte zu verstehen. Man muss jedenfalls die 90er Jahre kennen, jene aufgekratzte, falsch funkelnde Dekade, gegen deren Ende Bill Gates in einem Werbespot fragte: „Where do you want to go today?“ Es war die letzte große Saison des alten Sozialstaats, und die damals schneidig anlaufende Flexibilisierung fühlte sich für viele zunächst noch gar nicht so bedrohlich an. Elke Naters hatte eine Schneiderlehre gemacht, hatte Kunst und Fotografie studiert, bevor 1998 ihr erster Roman Königinnen erschien. Lager hatte ein Geschichtsstudium erfolgreich abgebrochen und als freier Kritiker für den Rundfunk gearbeitet, bevor 2000 sein Debüt Phosphor herauskam.

Der Pop-Wahnsinn von einst

Ihr erstes gemeinsames Werk trug den Namen ampool und ging 1999 an den Start, als eine der frühesten literarischen Plattformen im deutschsprachigen Netz. Christian Kracht, Tom Kummer, Benjamin von Stuckrad-Barre und andere veröffentlichten dort Textminiaturen, lange bevor der Twitter-, Tumblr-, Facebook-Imperialismus einsetzte. Als Pool-Herausgeber zählen Naters und Lager zur Netz-Avantgarde. Und beide waren eben auch als Buchautoren ziemlich erfolgreich. Vor allem der Name „Elke Naters“ wurde heiß gehandelt, als eine der spannendsten weiblichen Stimmen in der Gegenwartsliteratur. Sie hatte einen ganz neuen, aufregenden Ton für ihre weiblichen Romanfiguren gefunden. Das Paar zählte zur Speerspitze des Feldes, das damals als Popliteratur ausgemacht – und beschimpft – wurde, von bürgerlichen Kulturverwaltern, wie Naters und Lager betonen. „Man setzt sich ja nicht hin und sagt: Jetzt schreibe ich Popliteratur. Man wird an Maßstäben gemessen, die man selber gar nicht ins Spiel gebracht hat.“

Naters erzählt auch gleich, wie die Pop-Blase sehr bald platzte: „Schnell ging es nur noch um Wahnsinnsvorschüsse, noch für die blödesten Bücher.“ Lager ergänzt: „Der Autor wurde zu einer Art Promi-Figur.“ Der Schlüsselmoment: Auf einer Party einer Literatur-Agentur – in Berlin, wo sonst? – kippt ein Fremder Naters’ Bierglas um. Sie fordert den Mann auf, ihr ein neues zu besorgen. „Der Typ blafft mich an, wir beginnen zu streiten. Er will wissen, was ich auf der Party zu suchen hätte. Als ich ihm meinen Namen sage, fällt er vor mir auf die Knie und entschuldigt sich: ,Wenn ich das gewusst hätte.‘ Der war natürlich Journalist. Da wurde mir klar: Ich muss da weg. Mit dieser Welt will ich nichts zu tun haben.“

Mit dem Ruhm im Rücken – eines von Naters’ damaligen Büchern trug den selbstironischen Titel G.L.A.M. – gingen sie zuerst nach Bangkok. Von Thailand verschlug es sie dann nach Südafrika. Aus geplanten zwei Monaten wurde ein Jahrzehnt. „Da unten“, wie Lager Südafrika manchmal nennt, lebten sie nah an „brutal schönen Stränden, einem Irrsinnsmeer und mit dieser Weite“ (Naters). Und sie schrieben „unten“ drei Sachbücher und drei Romane.

Sie wohnten in Hermanus, einer kleinen Gemeinde an der Südküste des Landes. „Viele alleinerziehende Mütter leben hier, die nach der Scheidung mit dem Sommerhaus an der Küste abgefunden wurden“, sagt Naters. „Auf den ersten Blick wirkte alles spießig. Es sah ein bisschen aus wie Pullach, nur mit dieser unfassbar schönen Landschaft drumherum. Das hatte etwas Grauenvolles, aber auch etwas Anziehendes. Eigentlich alles, was ich verachte.“ Die Reibung in diesem jungen Land sei höchst faszinierend, ergänzt Lager. Erst seit dem Ende der Apartheid kämen auch schwarze Bewohner aus dem Norden in jene Gegend, auf der Suche nach Arbeit. Es gebe eine Township, dort wohnten die Menschen in Shacks, ärmlichen Holz- oder Wellblechhütten. Die Verwaltung und der Wohlstand seien noch immer überwiegend in der Hand der weißen Mittelschicht.

Jesus ist gegen Apartheid

Abwechselnd, im Ping-Pong-Modus, erzählen sie, wie sie in Afrika neue Freunde fanden – und wie sie also auf die Sache mit Gott kamen. Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu: Der Kampf gegen die Apartheid ist stark christlich geprägt. Die Kirchen waren die ersten „Netzwerke“ (Lager), in denen die Menschen „aller Rassen und Klassen“ (Naters) nach der südafrikanischen Wende zusammenkamen. „Tutus Prinzip der ,reconciliation’, des Vergebens und der Versöhnung, ist urchristlich“, betont Naters. „Es gibt viele Kirchen, allein in Hermanus 20 oder 30. Es wird da einfach eine praktische Gemeinschaft gelebt, mit Nachbarschaftshilfe, Fürsorge“, erklärt Lager. Davon seien sie infiziert.

Oft benutzen die beiden das Wort „Vertrauen“, wenn sie von ihrer Arbeit und ihrem Alltag sprechen – und über die Frage, was sie nach Berlin zurückgekegelt habe. Letztlich war es der Wunsch der Kinder. Sohn und Tochter gefiel Berlin bei Besuchen so gut, „dass wir auch wieder etwas ganz Neues darin sehen konnten“, sagt Lager. Ein großes Budget stand für den Kontinentwechsel nicht zur Verfügung, Schriftstellerkonten sind bekanntlich dünn. Fast haben sie über die Zeit auch vergessen, wie Deutschland anwendungspraktisch funktioniert. Erst recht hatten sie keine Vorstellung, was es bedeutet, in Berlin heute eine Wohnung zu suchen. Noch in Afrika klinkten sie sich in die gängigen Immobilienportale ein, und Naters war geschockt: „Es machte mir so brutal schlechte Laune, was da für ein Dreck zu welch unverschämten Preisen angeboten wird. Alles Verbrecher!“, sagt sie – und lacht dann aber doch.

Mit Sohn und Tochter wohnen sie jetzt auf 120 Quadratmetern, möbliert vermietet. „Wir haben in Afrika alles verkauft oder verschenkt. Die letzten Tage dort verbrachten wir in einer Hütte ohne Stromversorgung, aber mit einem schönen Blick auf die Landschaft“, sagt Naters. Für anderthalb Jahre können sie in ihrem geschmackvoll eingerichteten Übergangspalast bleiben. Über eine private Anzeige im Netz hat das funktioniert. Die Miete liegt auf verblüffend bezahlbarem Niveau, die Kaution konnten sie auf einen Monatsbetrag herunter handeln. „Schwein gehabt“ – sagt die Atheistin. „Dem Leben, der Führung vertrauen“ – sagen die Schriftsteller, die sich mit dem Gedanken an das angefreundet haben, was manche eben „Gott“ nennen.

„Nach 18 Monaten wird wieder alles offen sein“, sagt Naters, und es scheint sie nicht groß zu kratzen. Derweil tut das Paar, was Schriftsteller tun müssen: schreiben. Lager arbeitet an einem „utopischen Berlin-Roman“, Naters an einem Sachbuch über die Kunst des Versagens. Den Frühsommer verbringen sie jetzt vor allem damit, ihr gerade eröffnetes Sharehouse in Gang zu bringen. Es handelt sich um ein helles großes Ladenlokal der Berliner Stadtmission. Die beiden sind als Projektentwickler angeheuert, wollen dort einen Nachbarschaftsladen, einen Verlag und einen Coworking-Space aufbauen. „Mit vielen Essen und Gesprächen“, wie Naters sagt. Oder, wie Sven Lager es formuliert: „Unsere Vision einer himmlischen Gesellschaft umsetzen.“

 

06:00 11.06.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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