Auf der richtigen Seite?

Safe Spaces „Triggerwarnungen“ haben eine neue Stufe erreicht, sie werden vor allem moralisch legitimiert. Doch wer sie inflationär benutzt, verwässert die Idee, sagt unsere Autorin
Auf der richtigen Seite?
Aus der Schusslinie! Weil Worte auch eine Waffe sein können
Foto: jaqian

Triggerwarnungen sind momentan recht häufig zu beobachten, vor allem in diesen sozialen digitalen Medien.

Menschen äußern sie und immer häufiger fordern Menschen sie von anderen ein. Thematisch ist die Bandbreite groß. Ursprünglich stammen sie aber aus Selbsthilfeforen für Menschen mit psychischen Erkrankungen. ForenuserInnen, die zum Beispiel eine traumatische Erfahrung in ihrem Leben gemacht haben, sollen durch Triggerwarnungen geschützt werden.

Davor geschützt, Dinge zu lesen, die in ihnen Gefühle auslösen, die sie wieder diese Erfahrung durchleben lassen.Denn in Selbsthilfeforen ist es einerseits nötig, dass die dort miteinander Kommunizierenden offen über - zum Beispiel - Traumata reden können, andererseits ist es wichtig, die Mitlesenden dort davor zu schützen, mit den Geschichten anderer derart konfrontiert zu werden, dass es eine neuerliche Krise auslöst.

Von solchen Triggerwarnungen soll im Weiteren nicht die Rede sein. Sie sind so nachvollziehbar und sinnvoll, wie die „Triggerwarnungen neuer Art“ in anderen Kontexten in meinen Augen problematisch sind (diese Differenzierung führte schon zu der Triggerwarnung über eine Triggerwarnung über eine Triggerwarnung). Als ich im April 2008 anfing in der Mädchenmannschaft zu bloggen, war die „neue Art der Triggerwarnung“ noch nicht existent. Seit März 2011 bin ich nicht mehr Autorin in der Mädchenmannschaft und zufällig tauchte um diese Zeit herum zum ersten Mal das Wort „Triggerwarnung“ dort auf. Das Phänomen ist also in den neuen Kontexten gerade ein gutes Jahr alt.

Es ist so neu, dass man es einmal kritisch hinterfragen sollte

Das Ziel einer Triggerwarnung ist es, Schmerz bei den Betroffenen zu vermeiden und alte Wunden nicht aufreißen zu lassen. Es geht also um die Schaffung eines Safe Spaces. Es sollte eigentlich keine Frage sein, dass es solche Räume geben sollte. Aber es sollte einmal darüber gesprochen werden, wie weit dieser Schutz zu gehen hat, wie weit er in die Öffentlichkeit reichen sollte, oder umgekehrt, wie subjektiv oder privat er bleiben soll. Denn mit Hannah Arendt gedacht ist Öffentlichkeit immer auch ein Ort, der politische Diskurse in Freiheit ermöglicht. Bei ihr geht damit immer auch die Möglichkeit des Scheiterns und des Schmerzes einher. Es wäre anmaßend, die in Vita Activa dargestellte Vision einer politischen Öffentlichkeit, wie Hannah Arendt sie dachte, hier in wenigen Sätzen zu verkürzen, aber was Kurt Sontheimer über das Werk schreibt könnte genügen, um den Punkt zu verdeutlichen, um den es mir geht: „Dem Menschen den notwendigen Raum für die Politik, das heißt für das freie Handeln offenzuhalten, dies war das wesentliche Ziel von Hannah Arendts politischer Theorie.“ Triggerwarnungen sind damit im Kern unpolitisch. Denn sie sollen Risiken jeder Art abschaffen und schränken damit freies Handeln ein.

Hinzu kommt, dass in Öffentlichen Räumen und in Diskussionen zwischen moralischen und politischen Anliegen unterschieden werden sollte. Triggerwarnungen wie sie jüngst in Erscheinung treten beinhalten eine stark moralische Komponente, in der Form als dass sie das, was als „triggernd“ bezeichnet wird, moralisch abwerten. Sie stellen eine vorweggenommene (heftige) Wertung dar, die hinter einer BeschützerInnen-Intention versteckt wird. Abgesehen davon, dass sie wohl kaum wirklich dazu dienen können, dass der Inhalt, über den die Warnung verhängt wird, nicht gelesen wird (im Gegenteil: der Effekt ist wohl eher der gleiche wie bei der Aufforderung: „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“), kommen sie mit der Intention des Undiskutierbaren daher. Oder wie Tim Weber (@Scytale) auf twitter kommentierte: „Triggerwarnungen sind Glaubenssache“.

Ähnlich wie andere Glaubenssachen sind sie damit zu einem Ritual geworden. Rituale folgen immer bestimmten Regeln, sie sollen Struktur, Orientierung und auch Zusammenhalt einer Gruppe stiften. Es gibt die unterschiedlichsten Rituale. Angefangen beim hysterischen Kreischen von Teenagern in der Gegenwart von Stars, über die Taufe oder Hochzeit, bis hin zu solch profanen Alltagsriten wie einem gemeinsamen Frühstück in einer Familie. Rituale dienen immer auch der Selbstversicherung: Wir sind wir. Damit erzeugt ein Ritual auch immer Rahmen: Symbolisches Wissen, kulturelle Identifikation, räumliche Zugehörigkeit oder auch Normen und Werte werden definiert – es bilden sich Gruppen, die diese Teilen. Und damit entstehen auch Intergruppenbeziehungen.

Denn mit Triggerwarnungen bildet sich ein WIR. Eines, das gekennzeichnet ist durch die Übereinkunft, jene, die sich nicht selbst schützen können, zu schützen; besonders aufmerksam zu sein und besonders befähigt, das potentielle Leid anderer zu teilen. Damit entsteht auch ein „die anderen“, das sind all jene, die keine Triggerwarnungen aussprechen. Warum die einen es tun, die anderen nicht, wird dabei nicht thematisiert. Es nicht zu tun wird jedoch abgewertet. Eine weitere interessante Theorie gesellt sich zu den Erklärungsansätzen über dieses Phänomen: Die „Bedrohungstheorie“, wie sie in „The role of threat in intergroup relations“ beschrieben wird. Bedrohungen werden hiernach von Gruppen definiert und zwar entlang subjektiver Wahrnehmungslinien was diese Bedrohungen angeht. Daniel Geschke sagt dazu: „Weil es dem eigenen Selbstwert dienlich ist, wird versucht, positive Distinktheit der eigenen Gruppe herzustellen.“ (Daniel Geschke: Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung – sozialpsychologische Erklärungsansätze; In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte, 16. April 2012). Es ist der gleiche Mechanismus, der in unserer Gesellschaft zu Sexismus, Rassismus, Klassismus und vielen anderen Diskriminierungen und Vorurteilen führt.

Nach innen flauschen, nach außen beißen

Wir sind alle Menschen und wir neigen alle dazu, uns in Gruppen zu begeben, die uns unseres Selbst versichern und die uns gegen potentielle Bedrohungen absichern. Es ist, wie neue Forschungen zeigen, ein Mechanismus, der vermutlich sogar in unsere Gene eingeschrieben ist (nach innen „flauschen“, nach außen beißen – ForscherInnen aus Amsterdam weisen nach, dass Oxytocin dabei eine sehr ambivalente Rolle spielt). Umso wichtiger aber scheint es mir, dass gerade die, die sich gegen die genannten Diskriminierungsformen nach eigener Selbstbeschreibung einsetzen wollen, bewusst die Konstruktion neuer Sozialer Identitäten umgehen (einen kleinen Abriss über die Theorie der Sozialen Identität findet sich bei wiseGEEK und in der Wikipedia).

Es gibt viele reale Probleme, die im öffentlichen Raum verhandelt werden sollten. Es gibt auch reale Traumata und psychische Erkrankungen. Menschen erleiden viel Schmerz. Menschen werden abgehängt und diskriminiert. Es muss möglich bleiben, diese Dinge zu differenzieren. In meinen Augen verwässert man die Ernsthaftigkeit hinter der Idee von Triggerwarnungen, indem man sie inflationär benutzt. Und gleichzeitig werden Ausgrenzungen erzeugt, die entlang moralischer statt politischer Kategorien geschehen. Beide Effekte können nach meinem Kenntnisstand nicht das Anliegen derjenigen sein, die heute zu diesem Mittel greifen. Es ist ja aber auch noch sehr jung. Denken wir darüber nach – und vielleicht finden wir andere Wege, Ärger und politische Meinungsverschiedenenheit auszudrücken.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne meistens über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über Mütter und Töchter.

17:01 30.05.2012
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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